|
T e x t e > > S o n s t i g e s |
|||
|
Was
ist Nationalismus? Auch wer nicht als gröhlender Skinhead auf offener Straße Ausländer verprügelt und somit vom Klischee des bösen Nationalisten weit entfernt zu sein scheint, kann durchaus der Meinung sein, daß es richtig ist, sich freiwillig zum Bund zu melden, Wahlhelfer zu spielen oder der nationalen Fußballmannschaft zuzujubeln. Daß zunächst einmal jeder Deutsche einen Arbeitsplatz braucht, bevor Leute aus anderen Ländern "bei uns" ihr Geld verdienen dürfen, ist auch für erklärte Ausländerfreunde etwas, was wirklich einmal offen gesagt werden muß; davon abgesehen, daß die Aufnahmekapazitäten für Asylbewerber "natürlich" nicht unbegrenzt sind - schon allein kulturell sind "wir" davon einfach überfordert: das bescheidene aber nachdrückliche Einklagen eines "gesunden Nationalgefühls" gehört dabei seit 1989 sowieso wieder zum guten Ton jeder Politikerrede. Wer "wir"
sagt und damit nicht sich und seine Freunde meint, sondern gerne zugibt,
sich "als Deutscher zu fühlen", glaubt, selbst wenn er es nicht aussprechen
würde, zu einem "Volk" zu gehören, das von anderen "Völkern" unterschieden
ist und natürlicherweise danach strebe, sich zu einem Nationalstaat
zusammenzuschließen. Daß eine Anzahl höchst unterschiedlicher Menschen
ein bestimmtes Volksganzes bilden soll, wird auf verschiedene Weisen
begründet; keine dieser Begründungen ist jedoch richtig: Beispielsweise
die Behauptung, Menschen gehörten aufgrund ihrer gemeinsamen Sprache
natürlicherweise zusammen. Auch die Kultur ist nichts, worauf sich eine "Volksgemeinschaft" gründen würde. Es mag möglich sein, zwischen verschiedensten Stilrichtungen und Kunstformen, Epochen und Künstlern Verbindungen aufzuzeigen - sie unter eine "Nationalkultur" zu ordnen, ist ihnen immer äußerlich. Leute, die sich auf "unseren" Goethe berufen, als hätten sie den "Werther" selbst geschrieben, zeigen damit nur, wie wenig sie von der Kunst verstehen, die sie zum Grund ihrer nationalen Identität erklären wollen. Ein Kunstwerk enthält in sich immer eine Reflexion auf die künstlerische Tradition. Daß sich diese Tradition nicht auf Staatsgrenzen beschränken läßt, kann man an fast jedem Kunstwerk zeigen. Diesen
falschen Begründungen ist eines gemeinsam: sie verkehren die Folgen
einer gewaltsamen Zusammenfassung von Menschen zu einer Nation in
den rechtfertigenden Grund dieses Nationalstaates. Daß offizielle
Amts- und Schriftsprachen gegenüber Dialekten zum verbindlichen Verständigungsmittel
werden, beruht immer auf staatlicher Anordnung: So ist die allgemeine
Verbreitung von Hochdeutsch Resultat und nicht Ursache der Gründung
des Deutschen Reiches. Und wenn sich überhaupt eine Gepflogenheit
über genau eine ganze Nation verbreitet haben sollte, dann erst, weil
es diese bereits gab. Oder was haben die ostfriesische Teekultur und
das Bayrische Weißwurstessen, der Dans op de Deel und der Schuhplattler
anderes gemeinsam, als daß sie unter "deutsch" sortiert werden? Das
Kriterium für eine solche Sortierung sind nicht etwa Ähnlichkeiten
in den Sitten und Gebräuchen; vielmehr vollzieht sich die Bestimmung
"typischer" nationaler Der völkische Nationalismus beruht auf der Ansicht, ein Nationalstaat sei "die Zusammenfassung physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen" (Adolf Hitler) und ist damit die radikalisierte Form des Kulturnationalismus. Denn hier soll die "natürliche Gemeinschaft" gleich ganz auf Natur gründen: es sei das biologische Wesen eines Menschen, das ihn zu einem bestimmten Volk und damit zu einem klar abgegrenzten Nationalstaat gehören lasse. Nun ist es aber so, daß Blut überall rot ist und einen Rhesusfaktor hat oder nicht, weltweit gibt es nur die Blutgruppen 0, A, AB und B. Irgendwelche nationalen Charaktereigenschaften zu behaupten, ist genauso falsch: In jedem "Volk" gibt es höchst unterschiedliche Menschen, die mit anderen Menschen aus "anderen Völkern" mehr gemeinsame Interessen haben, als mit ihren "Volksgenossen". Auch Haut-, Haar- und Augenfarbe, Religion, Reichtum und "Intelligenz" taugen nicht, die Zugehörigkeit verschiedener Menschen zu einem bestimmten Volk zu begründen. Exkurs:
Anmerkungen zu Deutschland In jedem Nationalismus schlummert die Tendenz, die Gemeinsamkeiten von Menschen, mit denen die Nation gemacht wird, zum Grund des Nationmachen zu verklären. Die Bürger eines Staates sollen den gemeinsamen Willen zur Nation deswegen haben, weil die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Kultur und Geschichte sie dazu bestimme. Die Radikalisierung des Versuches eine Volkszugehörigkeit zum Schicksal zu erklären, besteht darin, zu behaupten, daß deutsche Kultur und Sprache nur Ausdruck der physischen und seelischen Gleichartigkeit der Deutschen seien. Das ist auch konsequent - denn einen Willen kann jemand haben oder nicht. Gegen sein "Schicksal" oder sein "biologisches Wesen" kann er jedoch nichts ausrichten. Wie alle Nationalisten, waren auch die deutschen Nationalisten bereit, für ihr Land Krieg zu führen. Die Gründe für Kriege zwischen bürgerliche Staaten haben wir schon angeführt .Mit ihnen alleine läßt sich der Krieg des faschistischen Deutschlands aber nicht erklären. Auch der französische und amerikanische Nationalismus wollen nicht bloß in den Grenzen ihres jeweiligen Landes bleiben, auch sie sind an Wirkung auf die anderen Staaten dieser Welt interessiert. Sie aber leiten ihre "Verantwortung für die Welt" aus der "Demokratie" bzw. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ab, die sie den anderen Völkern zu bringen hätten. Der Vietnamkrieg ist ein Beispiel dafür, inwiefern es den Staaten bei der Durchsetzung ihrer Prinzipien um das Wohl der Bevölkerung zu tun ist. Zwar
sollte auch am deutschen Wesen die Welt genesen. Wenn aber der Charakter
eines Staates sich aus dem Charakter des Volkes ergibt - und das war
die Behauptung des deutschen Nationalismus - so konnten die anderen
Völker nur dadurch "befreit" werden, daß sie dauerhaft unter die deutsche
Knute kamen. Deren kulturelle Minderwertigkeit galt als Ausdruck ihres
biologischen Wesens. Der "Platz an der Sonne" wurde vom Feinde verweigert.
Eingeklemmt zwischen Ost und West, war jede Handlung der deutschen
Nation immer nur eines: Ein heiliger Verteidigungskrieg für das, was
Deutschland eigentlich zustände - ihm aber bisher aus Haß auf die
überlegene deutsche Kultur verweigert wurde. "Das
ganze Leben der Polen ist, als wäre es mit zerrissenen Stricken und
Lumpen zusammengebunden und zusammengehalten. Schmutzige deutsche
Juden, die wie Ungeziefer in Schmutz und Elend wimmeln, sind die Patrizier
des Landes. Tausendmal habe ich gedacht, wenn doch das Feuer diesen
Anbau vernichten wollte, damit dieser unergründliche Schmutz von der
reinlichen Flamme in reinliche Asche verwandelt würde. Das war mir
immer eine wohltätige Vorstellung“ An
Feuer und Asche auf polnischem Boden hat es dann ja später nicht gefehlt. So umzingelt, und dann noch im Inneren die "Reichsfeinde": Die SozialdemokratInnen, die als "vaterlandslose Gesellen" bezeichnet wurden (was sie leider nicht waren), die Menschen aus Polen, Dänemark und Elsaß-Lothringen, die der nationalen Unzuverlässigkeit verdächtigt wurden, die Jüdinnen und Juden, denen das noch mal besonders unterstellt wurde, die Roma und Sinti, die als unnütze Kriminelle betrachtet wurden, die Homosexuellen, die als kranke Volksschädlinge galten, und die Frauenbewegung. Letzteren wurde nicht nur vorgeworfen, die "natürliche Ordnung" umzuwerfen - Homosexuelle und Frauenrechtlerinnen wurden als Feinde einer hinreichenden nationalen Nachwuchs-Produktion ausgemacht. Nichts davon mußten die Nazis erfinden - das war die hegemoniale Art des Nationalismus im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Und auch schon vorher gab es die Überzeugung, eine jüdische Weltverschwörung gegen Deutschland sei im Gange. Vieles davon gab und gibt es auch in anderen Ländern und ihren Nationalismen. Aber: Nur in Deutschland ist daraus ein Staatsprogramm zur Ausrottung aller Feinde geworden. Nur in Deutschland hat der Antisemitismus zum Sieg einer radikal-nationalistischen Bewegung beigetragen. Hitler hat in seiner Schrift "Mein Kampf" vieles nur zu Ende gedacht. Als Staatsmann hat er praktische Konsequenzen daraus gezogen. Die Völker befinden sich im Weltbild Hitlers im permanenten Krieg miteinander. Im Egoismus der Bürger und ihrer Konkurrenz um den nationalen Reichtum sah er eine Gefahr für den Erfolg der Nation. Alles sollte in den Dienst der Nation gestellt werden, auch das tägliche sich Durchbeißen in der Welt des Geschäfts. Warum
die Nationalsozialisten an die Macht kamen, muß man aus der innenpolitischen
Situation 1932/33 und der Verfassung des Deutschen Reiches erklären.
Daß es solche Bewegungen gibt und sie an die Macht kommen können,
ist aber alles andere als ein bloßer Zufall. Daß sie es dann auch
tun, hat etwas zufälliges. Und es ist leider so: So etwas kann in
einer bestimmten historischen Situation darüber entscheiden, ob mehrere
Millionen Menschen in Gaskammern sterben oder nicht. Da spielen dann
verschiedene Fragen eine Rolle. Z.B. ein Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung,
eine nicht gemachte Es ist nicht zu leugnen, daß z.B. als "Deutsche" sortierte Menschen einige Gemeinsamkeiten haben: sie gehorchen derselben Obrigkeit, bezahlen mit demselben Geld und haben den gleichen Paß: alles Kennzeichen von Deutschsein, die mit "Nationalgefühl", "Volkscharakter" und "Blut" überhaupt nichts zu tun haben. Ein "deutsches Volk" gibt es also nicht, einen deutschen Staat aber leider schon, und die Zusammenfassung verschiedener Menschen auf einem bestimmten Territorium und unter ein gemeinsames Gesetz beruht nicht auf einer Befragung jedes einzelnen Menschen, sondern ist ein Sache von Herrschaft. "KALLE Um zu unterscheiden, was am Nationalismus Wahn ist und was auf einen objektiven Sachverhalt geht, soll im folgenden das Verhältnis des Staates zu seinen Untertanen untersucht werden. Der Staat ist tatsächlich eine neutrale Instanz: er ist kein Instrument von besonderen Interessen, wie es Verschwörungstheoretiker immer wieder behaupten. Am Donnerstag treffen sich nicht die großen und fiesen Kapitalisten der Republik, um die Politiker für die nächste Woche neu zu programmieren. Der Staat garantiert nämlich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln: Polizei, Militär und Justiz, also mit seinem Gewaltmonopol allen seinen Bürgern Gleichheit, Freiheit und Eigentum, was ersteinmal nach einer guten Sache klingen mag, es in einer kapitalistischen Produktionsweise jedoch nicht ist. Diese zeichnet sich nämlich u.a. dadurch aus, daß es in ihr Leute gibt, die über Eigentum verfügen, aus dessen produktiver Verwendung sie einen Profit ziehen können: sie sind Kapitalisten und unterscheiden sich von Leuten, die nicht über solches Eigentum verfügen und ihre Existenz deshalb nur sichern können, indem sie das einzige verkaufen, was sie haben, nämlich ihre Arbeitskraft: solche Leute sind Arbeiter und auf Arbeitslohn angewiesen. Unter dieser Voraussetzung ist die Garantie der Freiheit der Person durch den Staat nichts anderes als die Herstellung der Grundbedingungen für Vertragsschlüsse: nur freie Personen können untereinander Verkaufs - und Arbeitsverträge schließen, und diese Verträge sind nur gültig, wenn sie zwischen formal gleichen Personen geschlossen werden. Auch die Gewährung von Gleichheit wird unter den oben genannten Bedingungen zu einer seltsamen und tatsächlich bloß formalen Sache: Jeder Millionär darf unter Brücken schlafen und jeder Penner eine Villa kaufen. Gerade indem der Staat von den Unterschieden seiner Bürger, d.h. von ihren unterschiedlichen ökonomischen Mitteln absieht, zementiert er den Unterschied zwischen Produktionsmittelbesitzer und Arbeiter. Auch
die Garantie des Eigentums durch den Staat verliert ihren harmlosen
Charakter, wenn man bedenkt, daß es dabei nicht eigentlich um Zahnbürsten
und Fernseher, sondern um Produktionsmittel geht. Eigentum an Produktionsmitteln
zu haben, heißt, andere von der Verfügung über sie auszuschließen;
von der Verfügung über die Produktionsmittel ausgeschlossen zu sein,
heißt aber, daß einem die Mittel zur Existenzsicherung verwehrt werden. Die Rolle des Staates ist es nun nicht etwa, dieses Verhältnis zu verbieten; vielmehr ermöglicht er es durch die Gewährung von Freiheit, Gleichheit und Eigentum. Darüber hinaus übernimmt der Staat alle Aufgaben, die selbst keinen Gewinn abwerfen, aber zur Produktion von Reichtum notwendig sind. Dazu gehören Infrastruktur, schulische Ausbildung, medizinische Versorgung und wissenschaftliche Forschung. Mit seinem Gewaltmonopol sorgt er dafür, daß die allgemeine Konkurrenz nicht in ein großes Hauen und Stechen ausartet, das die Produktionsweise und das Konkurrenzverhältnis selbst zerstören würde: er diktiert unter Androhung von Strafe die Weisen, in denen die Leute miteinander konkurrieren dürfen. Dies
geschieht zum Beispiel, indem es den Kapitalisten untersagt wird,
die Arbeitskräfte so gering zu entlohnen, daß sie massenhaft ihre
Existenz nicht mehr sichern könnten. Es muß ein Mindestlohn garantiert
sein, damit Arbeiter - als Mittel zur Reichtumsakkumulation - überhaupt
vorhanden sind. Dem einzelnen Kapitalisten treten Arbeitsgesetze zwar
als Beschränkung entgegen - für das Fortbestehen des Kapitalverhältnisses
sind sie eine notwendige Bedingung. Das jeweilige Staatspersonal muß
diesen Zweck der Förderung und Aufrechterhaltung des Kapitalverhältnisses
seinen individuellen Handlungen dabei gar nicht bewußt unterlegen:
Es mag Politiker geben, die aus lauter Menschenfreundlichkeit Arbeitsgesetze
verabschieden, aber der objektive Zweck, an dem sich ihre Handlungen
messen lassen müssen, wird spätestens dann deutlich, wenn er verletzt
wird: Daß die Universitäten überfüllt sind, ist nicht deshalb schlimm,
weil dann lauter halbgebildete Akademiker 'rumlaufen, sondern weil
der "Bildungsnotstand" einen "Standortnachteil" darstellt. Daß der
Staat zwar kein Agent des Kapitals aber dennoch ein "Klassenstaat"
ist, indem er das Klassenverhältnis zur Geschäftsgrundlage erklärt,
zeigt, daß es das "Allgemeinwohl", auf das sich z.B. Verfassungspatrioten
so gern berufen, in Sehr beliebt ist es, die Verhaltensweisen, die man an den Tag legen muß, um im Konkurrenzverhältnis bestehen zu können, in wesentliche Eigenschaften des Menschen umzuinterpretieren. Daß die Leute sich trotz ihres angeblich angeborenen Egoismus nicht gegenseitig totschlagen, ist in dieser Vorstellung dem Staat zu verdanken: in seiner Funktion als über allen Interessen stehende neutrale Instanz erscheint er als eine Art Dienstleistungsunternehmen in Sachen eines gerechten Zusammenlebens. Man kann
aber auch aus der eigenen Abhängigkeit vom Allgemeinen eine Chance
machen: Der Zwang, sich auf bestimmte Weise zu reproduzieren, wird
uminterpretiert in die großzügig gewährte Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt
zu sichern. Ausgerechnet das, wozu man gezwungen wird, erklärt man
zum Resultat seines eigenen Willens. Diese Interpretation funktioniert
besonders gut, wenn im Hinterkopf die Horrorszenarien der vergleichenden
Regierungspropaganda spuken: Anarchie, Despotismus und Bürgerkrieg,
verhungernde Kinder und "DDR-Mißwirtschaft" machen den Zwangszusammenhang
zur "besten aller möglichen Welten". Daß kaum ein Bürger mit "Denen da oben" wirklich zufrieden ist, widerspricht all dem überhaupt nicht: Neben der grundsätzlichen Bereitschaft sich regieren zu lassen, hat man nämlich jede Menge konstruktive Kritik an der jeweiligen "Regierungsmannschaft". Daß man diese dann sogar noch äußern darf, ist ein weiterer Pluspunkt für den Staat, den man als solchen überhaupt nicht in Frage stellen will. Die Zustimmung oder Ablehnung, die die Untertanen in einer Demokratie äußern dürfen, und die diese Herrschaftsform im Vergleich zu anderen so stabil macht, beschränkt sich auf die jeweilige Realpolitik, die von der grundsätzlichen Organisation des Gemeinwesens und "dieser unserer Verfassung" fein säuberlich getrennt wird. Und weil man nicht weiß, mit was für einem Staat und was für einer Wirtschaftsweise man es eigentlich zu tun hat, vermutet man häufig hinter dem "Versagen der Politik" nur eine inkonsequente Anwendung und Ausführung der Verfassungsgrundsätze. Die Staatsagenten selbst versuchen ihre systematische Mißachtung des "Allgemeinwohls" häufig mit einem "Sachzwang" zu rechtfertigen, dem der Staat selbst unterstehe. Das ist in gewisser Weise gar nicht so falsch, denn er ist selbst an einer möglichst erfolgreichen nationalen Reichtumsproduktion interessiert: indem er die Bedingungen für seine Kapitalisten verbessert, fördert er seine eigene materielle Basis, die sich für ihn in wachsenden Steuerquellen ausdrückt. Damit die Mittel des Staates nicht nur auf die durch die nationale Produktion hervorgebrachten beschränkt sind, erkennt der Staat andere Staaten als souverän an und geht mit ihnen Rechtsverhältnisse ein. Er will, daß seine Bürger den Reichtum anderer Länder nutzen, damit sie dadurch den Reichtum der eigenen Nation zu mehren. Dieses ist auch der Zweck der anderen Staaten, und somit findet sich hier ein weiterer Gegensatz vor: Die Konkurrenz der Staaten um den Reichtum der Welt. Nur gibt es hier keinen den Staaten übergeordneten Souverän, der die Konkurrenz beschränken würde. Deshalb gelten Rechtsverhältnisse zwischen ihnen nicht, sondern werden von ihnen beachtet oder nicht. Das Verhältnis jedes Staates zu anderen Staatsgewalten beruht auf seiner interessierten Einmischung in deren Angelegenheiten zu Nutz und Frommen seiner eigenen Anliegen. Dafür hat der Staat nicht nur eine Heerschar von Diplomaten. Sondern auch einen ganzen wissenschaftlichen Apparat, mit keiner anderen Aufgabe als zu überprüfen, was der Rest der Welt so treibt, wie stark sie sind und was ihre Interessen sind und wie sich nationale Interessen gegen sie durchsetzen lassen. Denn eines wissen die regierenden Nationalisten in ihrem unbedingten Internationalismus für Deutschland auch: Der internationale Verkehr der Staaten untereinander ist ein Frage gegenseitiger Erpressung, weil der Schaden des einen, im Regelfall der Nutzen des anderen ist. Das von zwei Staatsgewalten beachtete Rechtsverhältnis ist der Regelfall, welches jederzeit durch einen Krieg neu geregelt werden kann. An den Untertanen anderer Staatsgewalten exekutieren Staaten ihr Verhältnis zu diesen. Ein Beispiel ist der deutsch-vietnamesische Streit. Aus der Tatsache, daß hierzulande reihenweise vietnamesische Staatsbürger umgebracht werden, hat der deutsche Staat nur eins geschlossen: Die gehören noch schneller weg, als die BRD das Vietnam sowieso schon aufgenötigt hat. Vietnam hat sich beschwert, daß seine Bürger nicht sicher sind und erstmal Aufklärung dieser Morde gefordert. Das kontert die BRD mit Gelassenheit. Die beste Sorge für Vietnamesen, so die deutsche Logik seit 1992, ist die, sie aus einem Land wie der BRD schnell 'rauszubefördern. Hier werden die doch sowieso nur umgebracht. Mit Japanern und Chinesen würde die BRD sich das übrigens nicht trauen. Denn an beiden Staaten hat die BRD ein gründliches ökonomisches und politisches Interesse. Vietnam hingegen ist mit Entwicklungshilfe erpreßbar. Aber wehe, irgendein Staat würde sich erlauben, z.B. ein paar festgenommene Drogenschmuggler zum Anlaß nehmen, alle Deutschen auszuweisen... Die Durchschlagskraft deutscher Staatsgewalt merkt jeder, der bei Festnahmen im Ausland oder Grenzkontrollen das häßliche Greiftier, das Symbol der BRD ist, vorzeigen kann. Der Tatsache,
daß Nationalstaaten ihrem nationalen Kapital, das Eigentum ihrer Staatsbürger
ist, ermöglichen über die Grenzen hinweg Geschäfte zu betreiben, entnehmen
Leute die Tendenz, daß die Nationalstaaten immer unwichtiger werden,
ja sogar, daß die Staaten von den Multis bestimmt und geknechtet werden.
Manche folgern aus dieser Tendenz sogar, daß dadurch auch der Nationalismus
als überholte Ideologie verschwinden wird. Das Gegenteil ist der Fall: Zur Entschuldigung all der Beschwerlichkeiten, die man als aufrechter Politiker den Leuten klar machen muß, wird der Sachzwang angeführt. Am diesem ist so viel wahr, daß die Bemühungen der anderen Staaten, als sachliche Voraussetzungen in den Kalkulationen der Politiker auftauchen. Nur, sie sind selbst an der Herstellung dieser Voraussetzung gegenüber anderen Staaten beteiligt. Über der allgemeinen Konkurrenz der Staaten gibt es keinen Zwang und die Konkurrenz ist abschaffbar. Selbstverständlich nicht durch eine andere Politik. Um Mißverständnisse zu vermeiden. In Beschränkung einer Politik auf den Reichtum, der innerhalb der Grenzen gegeben ist, bleibt die Bevölkerung Material für die Produktion eines nationalen Reichtums, und Mittel für diesen Zweck zu sein garantiert den betroffenen Individuen nichts. Damit sind wir bei der Wahrheit des Nationalismus: Solange einer nur braver Untertan und fleißiger Lohnsklave sein will, hat er guten Grund seiner Nation und seinem Arbeitgeber feste die Daumen zu drücken. - Er ist geradezu darauf verwiesen, sich den nationalen Erfolg und den Erfolg des Kapitals zum Maßstab seines Handelns zu machen. Und das nicht obwohl, sondern weil er nur eine abhängige Variable ist, gerade weil seine Lebenshaltung als lästiger Kostenfaktor zu Buche schlägt. Der Schaden ist bei der Sache garantiert. Der Erfolg der eigenen Nation und des eigenen Kapitalisten führt nicht zu einem Leben in Luxus und Wohlstand, ja ist noch nicht mal Garantie für das Recht, durch Lohnarbeit sein Leben zu fristen. Aber der Mißerfolg der Nation garantiert einiges an Beschwerlichkeiten mehr. Das ist das Zweckrationale an der Verrücktheit, sich in der Welt wie sie ist, einzurichten und "das Beste draus zu machen." - So zu handeln, daß sich an der Welt etwas Wesentliches zum Besseren verändert, würde demgegenüber die Einsicht voraussetzen, daß Staat und Kapital sich abschaffen lassen. [junge linke] |