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Kein Prosit der Gemütlichkeit!
Antifaschistische Veranstaltungsreihe statt Donaufest
[Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm, Juni 2002]

Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang
Vom 5. bis 14. Juli zelebriert die Ulmer und Neu-Ulmer Zivilgesellschaft ihren allzweijährlichen Gipfel: das internationale Donaufest. Mit ambitionierten (von der Reihe "Lustig ist das Zigeunerleben?" bis zum Elektronikabend "dzumbus trifft Heimelektro Ulm") bis unsäglichen Veranstaltungen (von der Konferenz "neue Eliten an der Donau", über Eginald Schlattner bis zum anthroposophischen "Hat Wasser eine Seele?"-Tropfenbild-Quatsch) versuchen sich Ulm und Neu-Ulm als aufgeschlossene, tolerante, friedliche Städte zu inszenieren. Diese gern geglaubte Selbstbeschreibung als den totalen Unsinn darzustellen, der sie ist, gleichzeitig die Donaufestabsichten zu erhellen und in den gesellschaftlichen Diskurs zu intervenieren, ist Ziel unserer Veranstaltungsreihe "Kein Prosit der Gemütlichkeit" - es gibt tausend gute Gründe für radikale Kritik an Donaufest und "Wohlfühlstadt"!

die Donauschwaben
Zu den Veranstaltungsorten des Donaufests zählt auch das Donauschwäbische Zentralmuseum (DZM). Als "Patenstadt" der Donauschwaben stellt sich die Stadt Ulm kategorisch hinter ihre "Vertriebenen" und deren Revanchismus (OB Ivo Gönner, SPD, nennt das "bereit sein, neue Wege zu gehen"). Unverschämt fordern die Donauschwabenfunktionäre zur Zeit von Serbien und Slowenien Restitution und Vermögen, eine völkerrechtliche Anerkennung des "erlittenen Unrechts", verfassungsmäßig garantierte "Minderheitenrechte" und die Aufhebung der Beschlüsse des Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens (Avnoj). Mit den Forderungen der ausgesiedelten Deutschen wird der Verlauf des Zweiten Weltkrieges umgekehrt. Keine Rede ist davon, dass die jugoslawische Bevölkerung von den Deutschen überfallen wurde und der nationalsozialistischen Besatzungsmacht und deren lokalen Verbündeten ausgesetzt war. Stattdessen werden die Kollaborateure zu Opfern der antifaschistischen Partisanen stilisiert. Die Führung der Donauschwaben plante die Einrichtung eines "Prinz Eugen-Gaus" in ihren Siedlungsgebieten, die heute auf den Staatsgebieten Ungarns, Rumaniens und Serbiens liegen. Auch bei der strategischen Absicherung der nationalsozialistischen Besatzungspolitik spielten die Donauschwaben eine wichtige Rolle: um möglichst wenige Wehrmachtssoldaten zu binden, übernahmen Donauschwaben die Sicherung des Gebiets. Ergebnis: "Serbien, einziges Land, in dem Judenfrage und Zigeunerfrage gelöst." (Harald Turner, SS-Gruppenführer in Serbien).

mit der Donau gen Osten
Mitte des 19. Jahrhunderts skizzierte der Nationalökonom Friedrich List für den württembergischen Industriellenverband die Expansionsrichtung des deutschen Kapitals: entlang der Donau bis zum schwarzen Meer - Blickrichtung Orient. Ziel: deutsche Hegemonie über Südosteuropa. Die Mittel dazu haben sich bis heute nicht verändert. Aus "Volk", "Erde" und "Raum" folgt die Konstruktion sog. "Volksgruppen", dazu eine Prise "Minderheitenrechte"und "Selbstbestimmungsrecht", die Forderung nach "kultureller Autonomie". Dieses Gemenge mündet dann meistens in territoriale Ansprüche . Das Ausbauen verdeckter Netze für die Unterstützung gerade dieses Prozesses ist die jahrhundertealte Spezialität des deutschen Auswärtigen Amtes, der deutschen Industrie und der revanchistischen Verbände. Im Zuge der Einigung Europas kommt seit den 70er Jahren das von den Industrie- und Handelskammern mitentwickelte Konzept der Euroregionen zum Tragen, können doch auf diese Weise die beschränkenden deutschen Grenzen verwischt werden. Nicht zuletzt weckt das Wohlstandsgefälle dieser Euroregionen gegenüber dem restlichen Südosteuropa materielle Begehrlichkeiten und fördert so das Aufbrechen bestehender Nationalstaaten. Schon in den 80er Jahren spielte die Euroregion "Alpen-Adria" eine nicht unwesentliche Rolle bei der Unterminierung des föderalen Staates Jugoslawien.

Kriegstreiber
Passend zur "Vision eines zivilen und friedlichen Europas" (Donaufest-Programm, S. 1) kommt zur Eröffnung ein echter Experte: Der "Donauschwabe" Joseph Fischer. Unter ihm und der rot-grünen Kriegskoalition zieht die Bundeswehr ("hochwirksames Instrument der Außenpolitik", General Kujat) weltweit in die Angriffskriege und wird die Militarisierung der EU vorangetrieben. Wir vergessen nicht, wie Fischers widerliches revisionistisches Geschwätz im Krieg gegen Jugoslawien dazu in einem Atemzug Auschwitz und die Verbrechen der deutschen Wehrmacht öffentlich "wiedergutmachte" und das deutsche Militär in den Zustand der Unschuld versetzte -so daß es wieder die Orte bombardieren konnte, die es schon im Zweiten Weltkrieg angegriffen hatte. NATO und Bundeswehr verschossen 31000 Uran-Plutonium-Projektile, brachten tausende von Menschen um, zerstörten praktisch die gesamte jugoslawische Industrie, zerbombten Donaubrücken, Wasserwerke, Pumpstationen, Krankenhäuser und verseuchten die Natur großflächig. Es läßt sich durchaus "eine enge Beziehung zwischen unserer Region und den anderen südosteuropäischen Donau-Regionen herstellen" (Zitat: Donaufestprogramm) - von Soldaten, über Waffen und Rüstungsgüter, Logistik, Einsatzbefehlen bis zur politischen Rückendeckung kam doch so einiges aus Ulm.

Zivilgesellschaft=Kriegsgesellschaft
Spürpanzer in Beirut, Einheiten in Somalia und das "Kommando Spezialkräfte" an vorderster Front in Afghanistan, so spielt die zu Regierungsehren gekommene ehemalige Friedensbewegung mit um die Schlossallee der neuen Weltordnung und geht dabei über Los. Wenn die Zivilgesellschaft ihre Kriege führt, dann tut sie das auch im Innern: polizeistaatliche Zugriffsmöglichkeiten, die bis vor kurzem noch als Paranoia abgetan worden wären, werden gesetzlich verankert, und die personelle und technische Aufrüstung des Sicherheitsapparates geht mit einer kaum noch überschaubaren Bandbreite polizeilicher Repressionsmethoden einher.

Freiheit stirbt mit Sicherheit
Im Zuge der Umwandlung der Innenstadt vom öffentlichen Raum zur hochpolierten Konsummeile sollen große Teile der City endgültig zur No-go-area für alle werden, die das reibungslose Funktionieren behindern und die Stimmung beim Shoppen versauen könnten. Die Polizei verjagt fleißig Obdachlose, Junkies, Punks und Skater und ist ständig auf der Jagd nach "Schmierfinken", sprich Graffiti-Sprayern. Die Selbstinszenierung der sauberen Stadt bedeutet Ausgrenzung gesellschaftlicher Randgruppen und all jener, die nicht der "Norm" entsprechen oder vor denen sich "anständige Deutsche" in ihrem Abschottungswahn gegen das ominöse "Andere" irgendwie bedroht fühlen. Diese Sicherheitshysterie ist dabei extrem rassistisch aufgeladen: Migrantinnen sind grundsätzlich immer "auffällig" und müssen als potentielle "DrogendealerInnen" im Auge behalten werden. Bei der Verteidigung der "Inneren Sicherheit" steht alles "Nicht-Deutsche" überall und vor allem in der City unter Generalverdacht. Sollten "nichtdeutsche" KünstlerInnen und Donaufest-Gäste mit der Bahn anreisen, dann lernen sie die Ulmer Gastfreundschaft vielleicht recht bald kennen: Nur eine rassistische Ausweiskontrolle durch den BGS in der Ulmer Bahnhofshalle, oder gar ein Blick in die Unterhose durch die Schleierfahndungsbullen? Personalienkontrollen und ähnliche Schikanen dienen der Verdrängung und Einschüchterung objektiv "Unbrauchbarer" und "Störender" und setzen disziplinierend Normen durch. Gleichzeitig entspricht dies dem zwanghaften Bedürfnis der Bevölkerung nach "Sicherheit" und Abwendung des "Bösen", "Kriminellen", das ständig bedroht und betrügt. Das bürgerliche Subjekt sehnt sich nach der Geborgenheit einer gleichgeschalteten Kontrollgesellschaft und hat immer Angst, es lebt vom Ressentiment und dem Fingerzeig auf das "Schlechte" und das "Fremde". Im Überwachungs- und Sicherheitswahn sind so "Herrschende" und "Beherrschte" vereint. Z. B. stellte auch die Uni Ulm alle ihre männlichen Studierenden unter Generalverdacht und hatte es besonders eilig, deren private Daten dem Landeskriminalamt zur Rasterung zu liefern. Die Juso-dominierte Studierendenvertretung erfüllte ihren Zweck und blieb ruhig. Auch sonst rüstet das ach so liberale Ulm auf: Videokameras in Buslinien, das Einsetzen der SoKo Graffiti, die zeitweise Videoüberwachung Ulmer Straßen und Unterführungen, das Aushebeln der Versammlungsfreiheit zugunsten der Ulmer Geschäftswelt durch die Bürgerdienste u. v. m. wurden im Verlauf des letzten Jahres noch übertroffen von der sog. "Allgemeinverfügung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in der Ulmer Innenstadt" und aktuell von der Neufassung der Ulmer Polizeiverordnung. Demnach ist das Spielen außerhalb von Spielplätzen verboten und Plakatieren beispielsweise nur noch über die kommerziellen Flächen der Firma Wall oder über die weni gen Litfaßsäulen des Kulturamtes legal. Und in der Innenstadt von der Donau bis zur Olgastraße führt "Übernachten im Freien", "kollektives Lagern" und "Alkoholgenuß" zur "Ordnungshaft". Mit diesen Verordnungen erfüllte die Stadt den Wunsch der Ulmer Geschäftswelt, formuliert durch City Manager Dieter Schwalbe und IHK-Handelsreferent Hans Raabe: Die großen Geschäfte hätten Millionen in Ulms City investiert und jetzt müsse man sich "Gedanken über die sozialen Randgruppen in der Hirschstraße machen". Eine Anwendung der Paragraphen gegen kollektiven Alkoholgenuß ist selbstredend genausowenig für das Proseccotrinken im Spiegelzelt beim Donaufest zu erwarten wie für die samstäglichen Schampus-und Austern-Stände in der Fußgängerzone.

Rassismus und Verwertbarkeit
Anders, als es das multikulturelle Trallala beim Donaufest suggerieren soll, sind Flüchtlinge auch in Ulm isoliert und ausgegrenzt. Ihre Lebenssituation in den sog. Heimen - unter der dauernden Bedrohung, jederzeit abgeschoben zu werden, mit Freßpakete-Zwang, "Residenzpflicht" und ständigen rassistischen Kontrollen - ist äußerst prekär. Kriminalisierung und Marginalisierung ist genauso Normalität wie alltägliche (zumindest psychische und verbale) Gewalt. Zum Nichtverhalten Ulmer BürgerInnen bei Abschiebungen, der Unterschriftensammlung gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, der rassistischen Diskriminierung auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt, der Abhängigkeit des Aufenthaltstitels von deutschen EhepartnerInnen und den häufig damit verbundenen Gewaltverhältnissen (v. a. für Frauen) kommt ein weiteres rassistisches Element hinzu: die Kategorisierung von Menschen nach ihrer Verwertbarkeit in Zusammenhang mit dem rot-grünen "Zuwanderungsgesetz". OB Gönner, SPD: "Der Konflikt heißt nicht mehr Türke gegen Italiener, sondern qualifiziert gegen nicht qualifiziert." Die Auswahl von MigrantInnen nach Nützlichkeitskriterien wird mit gleichzeitiger Abschottung kombiniert. Die Regelung der Arbeitsmigration orientiert sich allein an kapitalistischen Erfordernissen. Nach Bedarf erhalten Wenige zeitlich streng befristete Aufenthaltsgenehmigungen unter vielfältigen Auflagen. Den Anderen wird die Einreise bzw. das Erlangen eines gesicherten Aufenthaltsstatus noch unmöglicher gemacht als bisher: so sollen vermehrt Abschiebelager eingerichtet werden (im rot-grünen Neusprech "Ausreisezentren"), die Duldung abgeschafft werden, Asyl nicht mehr unbefristet gewährt werden, permanente Abschiebedrohung durch ständige Prüfungen, etc. Konsequenz ist eine vermehrte Illegalisierung von MigrantInnen, die dadurch umso besser ausbeutbar sind.

alles so schön bunt hier
Mit dem kulturellen Rassismus, der sich durch das Donaufestprogramm hindurch zieht, zeigen die Städte Ulm und Neu-Ulm ihre Abkehr vom biologistischen Rassismus. Merkmalszuschreibungen auf sog. kultureller Ebene vorzunehmen und einheitliche Gruppen mit dauerhaften kulturellen Identitäten zu homogenisieren, ist allerdings genauso eine rassistische Konstruktion. Die Verwertung läuft hierbei nicht über die berufliche Qualifikation für die deutsche Wirtschaft, sondern über die Bereitschaft zu Inspiration und Bereicherung der deutschen Multi-Kulti-Gourmets. Statt Überwindung rassistischer Vorurteile zu erreichen, werden diese Vorstellungen festgeschrieben. Überhaupt nicht an der Änderung oder gar Abschaffung der bestehenden Verhältnisse interessiert, plädiert die Donaufestgesellschaft für ein Einrichten und Gewöhnen darin, ohne ihre eigene privilegierte und von den kapitalistischen Verhältnissen profitierende Rolle zu hinterfragen.

erst applaudieren, dann deportieren
Am Abend mit dem Rotweinglas in der Hand Zigeunerbands zujubeln und am nächsten Tag Roma in die Flugzeuge zwingen? Der Zivilgesellschaft ist das ein Vergnügen: Die Innenminister der deutschen Bundesländer planen, Roma und andere Minderheiten gegen deren Willen in den Kosovo abzuschieben. Rückblende: die albanischen Hilfstruppen der NATO im Kosovo hatten seinerzeit nahezu 300 000 EinwohnerInnen aus der serbischen Provinz vertrieben und auch jetzt gibt es für Roma, Ashkali, Serben und andere Minderheiten keinerlei Schutz vor schweren Übergriffen. Wir zitieren mal wieder aus dem Donaufestprogramm: "Humanismus und Toleranz, Freiheit und Akzeptanz" (S. 1).

turn left
Um es zusammenzufassen: Die Barbarei der Zivilisation (wie spätestens seit der 'Dialektik der Aufklärung' hier jedeR wissen kann) ist keineswegs in Irgendwoweitwegafghanistan äußerlich, sondern weiß ihren prominenten Platz noch immer in ihrer eigenen Mitte zu behaupten. Wir haben nicht vor, dazu zu gehören. Wir haben niemanden etwas anzubieten, außer dem Bewußtsein davon, dass "Freiheit", "Gleichheit", Privateigentum die Konstitution des Ganzen als Falsches bedeuten, und dass Deutschland mit seiner Geschichte Beweis ist für die Barbarei, die in dieser Konstitution enthalten ist. Wenn darin auch die Erkenntnis erwächst, dass es kein richtiges Leben im Falschen geben kann, ist es trotzdem nie falsch, das Richtige zu tun: Perspektiven können nur aus Handlungen erwachsen, die zur Bewegung werden.

[Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm, Juni 2002]
V.i.S.d.P.: Gertrud Schlotterbeck-Lutz, Stuttgarter Str. 31, 89073 Ulm

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