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Macht
verrückt, was euch verrückt macht
Aufruf der AAB zum 1. Mai 2002 in Berlin
[Antifaschistische Aktion Berlin [AAB], April 2002]
Versteinerte
Verhältnisse 2002
Der Kapitalismus produziert fortwährend dürftigste Zeiten.
Sein mögliches Ende ist und kommt nicht in Sicht. Ein revolutionärer
erster Mai scheint Relikt einer Hoffnung längst vergangener Tage
und zeugt eher von subjektivem Bedürfnis, als von politischer
Perspektive oder gar Programm.
Dabei scheint es wie immer „gerade heute“ allen Grund für die
Revolution zu geben. Krieg, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus,
die Ausbeutung oder - schlimmer noch - Nicht-Ausbeutung des Trikont
und Sexismus sind normale Betriebsgeräusche des kapitalistischen
Systems und rechtfertigen jede Form antikapitalistischer Opposition.
Angesichts der Weltordnungskriege in Ex-Jugoslawien und Afghanistan
ist sogar Imperialismus ein Begriff, der wieder Aktualität gewinnen
könnte. Freilich ist er nicht mehr im Sinne von Eroberungsfeldzügen
zufassen, sondern muss heute das Bemühen der sog. „zivilisierten
Welt“ bezeichnen, ihre verdrängten Resultate einigermaßen
unter Kontrolle oder aber draußen zuhalten. Grund die Revolution
zu wollen ist ausreichend gegeben. Unklar bleibt indes, durch was
sich ein revolutionärer Standpunkt auszeichnet, worauf eine Perspektive
zielt, die das System abschaffen will.
Was unterscheidet überhaupt Reformist und Revolutionär in
Zeiten, die jede positive Utopie und jede negative Kritik als bloße
Transformation des Bestehenden erscheinen lässt?
Kritik
des Reformismus
Der Reformismus bleibt dem Kapital immanent. Er kann die kapitalistische
Gesellschaft nicht abschaffen, möchte sie aber gerechter, freier
und schöner machen – ein eigentlich begrüßenswertes
Anliegen, obgleich die Sozialdemokratie als weltgrößte
Reformorganisation gute Chancen hat, einen festen Platz unter den
Top10 der verbrecherischsten Organisationen der Menschheit zu belegen.
Revolutionäre Kritik hat vielfach versucht, nachzuweisen, dass
aller Reformwillen letztendlich vor den systemischen Imperativen des
Kapitals kapitulieren muss. So markiert das als „Globalisierung“ bekannte
Ende der Nachkriegsweltordnung auch das Ende wohlfahrtsstaatlicher
Reform – und Politikansätze und eröffnet die zügellose
Liberalisierung ausgerechnet einstmals staatlich geschützter
Lebensbereiche. Zivilgesellschaft hieß das Versprechen, dass
Rot-Rot-Grün heute (vielleicht konsequent) mit Deregulierung,
Krieg und innerer Sicherheit einlösen. Obwohl sich der Verdacht
aufdrängt, dass diejenigen, die heute noch von Reformen reden
entweder Dummköpfe oder Lügner sind, liegt hier nicht das
Problem des Reformismus. Das notwendige Scheitern wie die unbestreitbaren
Erfolge des Reformismus haben den gleichen Grund, beides ist Resultat
des Versuchs, das Kapital anhand seiner eigenen Idealen zu kritisieren.
Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind nicht die vergessenen
Ideale der bürgerlichen Revolution, sie sind Wesensmerkmale der
kapitalistischen Gesellschaft. Sie sind konstitutiv für Warentausch
und Warenbesitz und bilden das Fundament der politisch-juristischen
Organisation der Gesellschaft. Ohne Freiheit und Gleichheit gibt es
genau so wenig Kapitalismus, wie ohne Ausbeutung und Zwang. Die kapitalistische
Reproduktion wälzt sich über sie beide gleichgültig
hinweg. Reformpolitik betreibt daher ständig eine Quadratur des
Kreises. Sie stellt sich auf den Boden des Kapitals und richtet dessen
Selbstverständnis gegen ihn selbst. Dabei wird sie freilich niemals
Herr seiner Dynamik und steht so regelmäßig staunend vor
deren barbarischen Resultaten, die gar nicht intendiert waren. Es
hilft nicht weiter, diese Prozesse als Klassenkämpfe zu interpretieren,
die nur Ausdrucksweise der widersprüchlichen inneren Durchsetzungsbewegung
der kapitalistischen Gesellschaft sind. Sie bleiben immanente, auf
Kapitalverwertung bezogene Momente und erzeugen zwar entsprechende
Charaktermasken, treiben aber nicht über diese selbst hinaus.
Lob
der Revolution
Der Kapitalismus hat sich bisher weder irgendwie aus sich selbst heraus
aufgehoben, noch scheint er an einer inneren objektiven Schranke angekommen
zu sein. Der Traditionsmarxismus verstand sich dagegen als Teil eines
objektiv vorhandenen Klassenkampfs, den man lediglich aus dem Träume
über sich selbst aufwecken und zur revolutionären Tätigkeit
radikalisieren müsse. Die Differenz zwischen dem Kampf gegen
das Elend der Arbeiterexistenz und dem Kampf gegen die elende Arbeiterexistenz
selber fielen dabei unter den Tisch. Da der Widerspruch zwischen Kapital
und Arbeit sich innerhalb des gleichen wertförmigen Zusammenhangs
bewegt, affirmiert deren Kampf auch nur das gesellschaftliche Grundverhältnis.
In den Theoremen des Arbeitermarxismus verwandelte das Proletariat
sich hingegen in eine systemtranszendente Wesenheit, die der bürgerlichen
Gesellschaft nur äußerlich unterworfen ist. Während
das revolutionäre Subjekt die ganze Sache nur gelassen sehen
kann, weil es die Gnade der geschichtlichen Prädestination zur
Revolution hat, beginnt, ohne die Gewissheit eines solchen Subjekts,
die Agitation. Herrschaft, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Hunger, Elend
und Not wurden und werden bemüht, um zu zeigen, dass die Gesellschaft
abgeschafft gehört. Was aber ist der Standpunkt dieser Kritik?
Es ist der gleiche Standpunkt, wie der des Reformisten: das Selbstverständnis
der kapitalistischen Gesellschaft.
Sozialistische und ganz besonders anarchistische Revolutionäre
verstanden Revolution als Radikalisierung bestimmter gesellschaftlicher
Widersprüche. Da aber die Widersprüche zwischen Herrschern
und Beherrschten oder zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten alleine
nicht über die kapitalistische Gesellschaft hinausweisen, bedarf
es eines kritischen Standpunkts, der die Revolution begründet.
Der musste moralisch eingeholt und nachgereicht werden. Erneut wurden
die Ideale der kapitalistischen Gesellschaft gegen deren immanente
Widersprüche und deren Effekte stark gemacht. Es wurde versucht
menschliches Leid durch die revolutionäre Verwirklichung von
Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit abzuschaffen. Während
die reformistische Kritik schon aufgrund der Eigendynamik gesellschaftlicher
Institutionen immer schnell ihren Platz unter den Modernisieren des
Kapitals findet, haben bisherige revolutionäre Bewegungen sich
entweder kulturell vermittelt (68er) oder eine alternatives Modell
kapitalistischer Modernisierung etabliert (Lenin und Mao).
Auch revolutionär gemeinte Kritik wendete die eigene Gesellschaft
gegen sich selbst und schrieb sie so fort. Hierin liegt eine Wahrheit
von Marx Diktum, dass die bürgerliche Gesellschaft sich fortwährend
selbst revolutioniert - ein Satz, der zulange nur als bewundernde
Anerkennung der Produktivkraftentwicklung verstanden wurde.
Da Reform und Revolution bisher als zwei Momente der Selbstkritik
des Kapitals gesehen werden können - bedarf es einer Neubestimmung
von Revolution.
...
die eigene Melodie vorspielen
Der Kreuzberger 1. Mai war noch nie der Tag, an dem die Aussicht auf
eine emanzipierte Welt besser als sonst gewesen wäre. Dennoch
ist er Anlass genug, zu streiten, was unter einer solchen Welt zu
verstehen und wie sie zu erreichen sei. Der Kommunismus lässt
sich aber nicht bebildern. Im Gegenteil, Versuche ihn so zu bestimmen,
dass er entweder durch Reform oder Revolution verwirklicht werden
kann, führten zwar mit System zu repressiven Idealen, nicht aber
zu einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft. Wer es mit dem Kommunismus
ernst meint, lässt ihn unbestimmt und bewahrt ihn als Ausgangspunkt
der Kritik.
Tage wie der erste Mai bergen ein gewisses Potenzial in sich, derartig
aufs Ganze zu gehen. Solche abstrakte Negation des Bestehenden verweigert
sich reformistischer Politik genau wie arbeiterbewegter Emanzipation
zur Lohnarbeit und entzieht sich so der Vereinnahmung durch Sozialdemokratie,
Kapital, Arbeit und Nation und sollte vielleicht deshalb zum Ausgangspunkt
eines ernsthaften Versuchs gemacht werden, Revolution neu zu denken.
Er darf aber weder als Selbstzweck noch als Platzhalter für etwas
anderes verstanden werden, sondern sollte als nicht vereinnahmbare
Opposition, als radikale Option des Widerstands hochgehalten werden.
Solch „negativer“ Widerstand darf nicht zum Dogma erhoben und verherrlicht
werden, sondern muss sich – um gerade nicht reformistisch zu werden
- immer neu bestimmen. Linksradikale Kritik, die der Vereinnahmung
entgehen will, muss auf das Kapitalverhältnis zielen und sollte
versuchen, dessen Immanenz punktuell zu durchbrechen und wie ein Verfremdungseffekt
zu wirken. Er muss eine symbolische Ordnung (zer-)stören, die
potentiell alles integrieren kann. Antikapitalismus muss Kapitalismus
gerade deshalb kritisieren, weil er das Maß seiner Kritik selbst
setzt und sich daher durch Kritik weiterentwickelt. Damit Revolution
nicht länger Durchsetzungsgeschichte des Kapitals schreibt, bedarf
es einer neuen Form radikaler Kritik. Kritik, die jenseits traditioneller
Vorstellungen von Reform und Revolution an der Abschaffung der herrschenden
Verhältnisse festhält.
Für
den Kommunismus!
[Antifaschistische
Aktion Berlin [AAB], April 2002]
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