|
Erste
Details gegen des Kapitalismus
Möglichkeiten und Perspektiven der Antifabewegung
[Phase Zwei/ I, Leipzig]
Die gegenwärtigen Diskussionen über die Möglichkeiten
und Perspektiven der Antifabewegung als linksradikaler Bewegung, eröffnen
Fragen nach der Bedeutung von Teilbereichen und dem grundsätzlichen
Verständnis der eigenen Praxis. Ein Beitrag zur Diskussion.
Das Ende der Teilbereiche
Die Rede von der Teilbereichspolitik ist in den 90er Jahren absurd
geworden. Entstanden als Ausdruck einer übergreifenden linksradikalen
Bewegung, die anhand mehrerer Schwerpunkte agierte und sich ausdifferenzierte,
ist der Begriff des Teilbereichs inzwischen ein Relikt aus einer vergangenen
Zeit. Wenn sich heute eine Bewegung, wie die Antifa, als linksradikal
begreifen will, dann kann sie nicht darauf hoffen, ihren damit verbundenen,
grundsätzlichen Anspruch von anderen Teilen einer umfassenderen
Bewegung repräsentiert zu bekommen. Die Frage, die deshalb im
Anschluss an den rot-grünen Staatsantifaschismus mit neuer Vehemenz
diskutiert wird, ist jene nach der Bedeutung von Radikalität
bei den aus der autonomen Bewegung hervorgegangenen Gruppen. Radikalität
kann dabei auf zwei Ebenen gesucht werden. Einmal im Zusammenhang
mit der Gesellschaftsanalyse, die das Handeln bestimmt, zum anderen
aber auch in bezug auf die Ziele, die von den Gruppen verfolgt werden.
Beide Ebenen lassen sich bereits anhand der Antifa darstellen. Die
Ziele, an denen die Antifa in der Vergangenheit die erfolgreichen
ihrer Kampagnen entwickelte, waren immer mit der Existenz einer Nazibewegung
verwoben, gegen die mobilisiert werden konnte. Dies verleitet leicht
dazu, Antifapolitik auf das Vorgehen gegen Nazis also Anti-Nazi-Politik
zu reduzieren. Radikalität ließe sich in diesem Zusammenhang
lediglich über die Organisationsform der Gruppen und ihre Ablehnung
bestimmter bürgerlicher Grundregeln, wie dem Gewaltmonopol des
Staates, ausmachen. Allerdings handelt es sich bei der Darstellung
von Antifa- als Anti-Nazi-Politik um eine Verkürzung, die konkrete
Ziele von Kampagnen gegen Nazizentren oder Naziaufmärsche mit
ihrem Gesamtanspruch verwechselt. Diesem größere Anspruch
von Antifaaktionen wurde Anfang der 90er Jahre durch die Postulierung
eines antikapitalistischen, revolutionären Antifaschismus Ausdruck
verliehen, und später wurde er durch die Thematisierung der gesellschaftlichen
Ursachen für die Stärke und die Erfolge der Nazibewegung
zu einer zentralen Frage mehrerer Kampagnen.
Trotzdem gelang es der Antifa nicht, sich von den Aktionen der Nazibewegung
zu lösen und eine eigenständige revolutionäre oder
auch nur gesellschaftskritische Politik zu entwickeln, obwohl die
Radikalität in den Analysen in beiden Fällen gegeben war.
Mehr noch, da die Analysen eine grundsätzliche Lösung des
Naziproblems unter den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen
unmöglich erscheinen lassen, gab es durchaus Gründe, immer
wieder auch Versuche in eine solche Richtung zu starten. Klar war,
dass die teilweise existenziellen Probleme, die eine Nazibewegung
darstellte, im Rahmen eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs
betrachtet werden mussten, sollte effektiv statt nur symptomatisch
bekämpft werden, was dieser immer wieder hervorbrachte. Die Beschreibung
und Analyse dieses Zusammenhangs wurden und werden dabei durchaus
kontrovers diskutiert.
Abstraktion und Konkretion
Dass allerdings die Politik auf einem abstrakten Level nie so erfolgreich
werden konnte, wie in den konkreten Zielen hängt zum einen mit
dem Inhalt der Analysen zusammen, zum anderen aber auch mit den Bedingungen,
unter denen eine Bewegung überhaupt nur organisiert werden kann.
Da die Analysen davon ausgingen, der gesellschaftliche Zustand in
der BRD sei entweder aufgrund der dominanten Ideologeme oder der ökonomischen
Verfasstheit Ursache für die Stärke einer Nazibewegung,
war die Tragfähigkeit von Bündnissen mit NazigegnerInnen,
selbst da wo diese Analysen in der Vorbereitung gemeinsamer Aktionen
toleriert wurden, mit dem Erreichen konkreter Lösungen für
konkrete Probleme ausgeschöpft. Darüber hinaus war ein breiteres
gesellschaftliches Potential, dass sich etwa aus den Erfahrungen des
Nationalsozialismus vehement gegen deutlich erkennbare Nazistrukturen
und nationalsozialistische Ideologien ausspricht, nicht mobilisierbar.
Entsprechend gering war die Wirkung einer solchen Politik, wenn sie
nicht im Zusammenhang mit den konkreten Ergebnissen des analysierten
Zustandes präsentiert wurde.
Dies galt aber auch für die Antifa als Bewegung, in der viele
sich weniger auf Analysen einigen konnten, als auf Punkte, an denen
konkreter Widerstand unumgänglich ist. Antifa hatte damit innerhalb
der Aufteilung linksradikaler Politikbereiche jenes Feld, auf dem
durch die Existenz und das Erstarken der Nazibewegung ein permanenter
Handlungsdruck mit den Möglichkeiten einer breiteren gesellschaftlichen
Mobilisierung anhand konkreter Fragen und der Notwendigkeit einer
Kritik des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs, ohne die sich in
der BRD keine effektive Gegenwehr gegen die auf der Welle des völkischen
Aufbruchs nach der Wiedervereinigung schwimmenden Nazibewegung entwickelt
hätte, aufeinander trafen. In diesen drei Aspekten ist auch die
Ursache dafür zu sehen, dass in einer Zeit, in der alle anderen
Teilbereiche der radikalen Linken in der BRD einen Niedergang erfuhren,
Antifa für immer mehr Menschen mit Interesse an linksradikaler
Politik interessant wurde.
Gleichzeitig kann Antifa damit ein Beispiel dafür sein, unter
welchen Prämissen sich eine linksradikale Bewegung, die aufgrund
ihrer Stärke nicht in der Lage ist, allumfassend zu agieren,
jenseits des gescheiterten Modells der Teilbereiche organisieren kann.
Sie braucht Punkte, an denen sie soviel gesellschaftliche Aufmerksamkeit
erlangen kann, dass ihr Widerstand wahrgenommen wird und sie muss
gleichzeitig bei der Konstruktion eines solchen Politikfelds ihren
gesamtgesellschaftlichen Anspruch verdeutlichen, indem sie sich nicht
an isolierten Punkten organisiert, sondern an Widersprüchen die
ihre Relevanz aus der Stellung im gesellschaftlichen Zusammenhang
gewinnen.
Widerspruch und Widerstand
Der Sinn eines solchen Unterfangens hängt allerdings von bereits
unterstellten Annahmen über die politische Bedeutung von Widerstand
ab. Voraussetzung für die Notwendigkeit einer Intervention mit
linksradikalem Hintergrund ist die Analyse von Widersprüchen,
die über eine berechtigte moralische Empörung hinausgeht.
Denn die moralische Empörung ist tendenziell von zwei Schwächen
gekennzeichnet. Sie wird sich leicht mit der Beseitigung des moralischen
Mangels, dem Lindern eines Leidens, der Verringerung eines Elends
oder etwas mehr Gerechtigkeit zufrieden geben und sie fragt nicht
nach den Ursachen im sozialen Gefüge für das, was sie erregt,
sondern neigt zur individualisierten Schuldzuweisung.
Widerstand aber, der sich gegen gesellschaftliche Zustände richtet,
ist schlecht beraten, sich auf individualisierte Appelle zu verlassen,
in einer Gesellschaft, die trotz ihrer permanenten Betonung der Individualität
der Menschen in ihr, von Zwängen geprägt wird, die überindividuell
sind. Es ist der Zwang zur Lohnarbeit für fast alle Menschen,
der den Kapitalismus nicht einfach moralisch verdammenswert macht,
sondern z u einem sozioökonomischen Verhältnis, dass sich
nicht durch guten Willen und Achtung der Menschenwürde überwinden
lässt. Genauso wie sich ein auf gesellschaftliche Ursachen bedachter
Antifaschismus nicht auf Repression oder politische Bildungsarbeit
mit Nazis beschränken kann, Antirassismus nicht auf den Beweis
der Menschlichkeit von aus dem nationalen Kollektiv Ausgeschlossenen,
Antiimperialismus auf die Forderung nach Anerkennung der Gültigkeit
des Völkerrechts, Feminismus auf die Darstellung der Gleichheit
von Frau und Mann, linksradikale Biopolitik auf den Schutz von Leben
und Artenvielfalt oder eine Mobilisierung gegen die Überwachungs-gesellschaft
auf die Panikmache vor einem großen Bruder oder dem Voyeurismus
des Staates.
Die Überwindung der Widersprüche, die eine radikale Linke
als gesellschaftliche ausgemacht hat und in denen sie intervenieren
will, werden von ihr als charakteristisch für eine Gesellschaft
analysiert, die ihrem emanzipatorischen Ideal der sozialen Verhältnisse
widerspricht. Sie sind damit direkt oder indirekt Widersprüche,
die auf die Einzelnen in dieser Gesellschaft wirken, weswegen ihre
Ablehnung durchaus konkret und nicht nur abstrakt etwa im Namen eines
allgemeinen Menschen- oder Individualrechts begründet werden
kann.
Doch wenn für die Bestimmung und Bewertung der eigenen Praxis
ein solches Gewicht auf der analysierenden Einordnung von konkreten
Verhältnissen in einen gesamtgesellschaftlichen Zustand liegt,
welche Anforderungen müssen dann an eine grundsätzliche,
eine linksradikale Kritik gestellt werden? Kritik hat die Aufgabe,
die Wirklichkeit in Frage zu stellen, Widersprüche aufzumachen
und Begründungen, die auf Natürlichkeit und Notwendigkeit
aufgebaut sind, zu dekonstruieren. Kritik hat zum Ziel, die Abweichungen
von den emanzipatorischen Bedürfnissen in ihrem gesellschaftlichen
Zusammenhang deutlich zu machen und damit eine Perspektive für
eine Veränderung zu eröffnen, weil sie davon ausgeht, dass
die sozialen Verhältnisse menschliche Produkte sind, auch wenn
sie durch ihren überindividuellen Charakter eine Selbständigkeit
gewonnen haben, mit der sie den Einzelnen als nicht personalisierbarer
Zwang gegenübertreten.
Kritik und Spektakel
Wird Kritik in dieser Weise wahrgenommen und interpretiert, hat sie
ihren Ort sowohl in der gesellschaftlichen Realität, von der
sie handelt, als auch in den Auseinandersetzungen um die Widersprüche,
die sie thematisiert. Für eine linksradikale Bewegung heißt
das, dass die Kritik, auf die sie sich bezieht, immer im Verhältnis
zu ihrer Praxis steht . Hier erweist sich ihre Notwendigkeit, weil
die Bewegung eine Interpretation ihrer Auseinandersetzungen und ihrer
Position in der Gesellschaft bedarf. Hier erweist sich aber auch ihre
Tauglichkeit, weil erst im tatsächlichen Rückbezug abstrakter
Erkenntnisse auf die konkrete Realität das Kriterium der Gültigkeit
des kritischen Gedankens gegeben ist. Wer etwa aufgrund der objektiven
Ausbeutungsverhältnisse in der BRD glaubt, das Mittel der Wahl
sei gegenwärtig die Agitation der Arbeiterklasse zur sozialen
Revolution, sollte diese Analyse umgehend an den Werkstoren testen,
um anhand der Realität zu bemerken, welche Hürden aus dem
Weg geräumt werden müssten, um das Proletariat zur revolutionären
Klasse zu formen. Eine Kritik, die sich einem solchen Bezug nicht
stellt, ist keine.
Linksradikale Bewegung und linksradikale Kritik bedürfen einander
wechselseitig, obwohl weder von der Kritik immer eine unmittelbare
Handlungsrelevanz verlangt werden kann, noch die Politik einer Bewegung
in jedem Punkt den Vorgaben einer Kritik folgen wird. Aber wenn es
darum geht, die Ziele jenseits der konkreten Intervention, die Motivationen
und Strategien einer Bewegung transparent zu machen, wird sie sich
auf die kritischen Vorarbeiten stützen. Und wenn es einer Kritik
darum geht, mehr als akademisches Spiel zu sein, wird sie immer auf
eine Bewegung angewiesen sein, für deren Entwicklung sie entsteht
und durch deren Praxis sie überhaupt erst vermittelbar wird -
sowohl der Bewegung selbst als auch über diese hinaus. In diesem
Sinne, sind die spektakulären Events einer Bewegung der Ort,
an dem die kritischen Ideen publik und greifbar werden, ohne dass
sie dadurch zum Eigentlichen des Events werden, weil sie nicht von
der konkreten Politik abgelöst werden können, ohne das Schicksal
etlicher Flugschriften der Spartakistarbeiterpartei zu erleiden.
Symbolische Politik und materielle Ordnung
In diesem Sinne einer Verbindung von konkreter Aktion und grundsätzlicher
Kritik ist auch das Mittel der symbolischen Politik zu verstehen.
Da sie aber des konkreten Anlasses weder entbehren kann, noch ihr
grundsätzliches Ziel erreichen, ist diese Politik immer wieder
von der Schwankung zwischen dem Feiern eines unechten Erfolgs und
dem permanenten Scheitern an einem höheren Ziel gekennzeichnet.
Solange das Verhältnis zwischen beiden nicht geklärt ist,
wird damit die symbolische Politik von ihrer Begrenztheit in Frage
gestellt.
Eine Aufgabe des konkreten Ziels oder auch nur seine Suspendierung
im Namen einer eigentlichen, grundsätzlichen Kritik heißt
symbolische Politik aufgeben. Ein Symbol des Widerstands, das nur
als Symbol geschaffen wird, ist nämlich keins. So kommt nicht
einmal der Berliner revolutionäre 1. Mai, der immer als Paradebeispiel
für die Ablehnung des konkreten Ziels ausgegeben wird, ohne die
konkrete Komponente aus. Eine revolutionäre 1. Mai Demonstration,
die sich nicht mehr zum Ziel setzte offensiv gegen die Polizei vorzugehen
und die Möglichkeiten militanten Handelns auf der Straße
konkret vorzuführen, wäre nicht die Veranstaltung von der
da geredet wird. Es ist deshalb gerade nicht egal, was am 1. Mai in
Berlin passiert, sondern von einer konkreten Bedeutung für die
symbolische Wirkung einer grundsätzlichen Ablehnung der herrschenden
Verhältnisse.
Stünde die konkrete Aktion aber nicht gleichzeitig für mehr,
wäre der Berliner 1. Mai tatsächlich so entpolitisiert,
wie uns alle glauben machen wollen, wäre das Symbol ebenfalls
keines. Es ist aber gerade die Selbstbezeichnung "revolutionär",
die den Unterschied zwischen einem Hooligankrawall, den die bürgerlichen
Medien erfolgreich zum Gewaltexzess als beliebigen Zeichen für
alles mögliche umdeuten können, und jenem kritischen Ereignis
ausmacht, dass eine feste Bedeutung für die radikale Linke in
der BRD hat. Dass trotzdem die Frage gestellt wird, was denn am 1.
Mai in Berlin revolutionär sei, hängt mit der Überforderung
der symbolischen Politik zusammen, den Anspruch, den sie formuliert,
auch umzusetzen.
Doch jenseits der Formulierung des linksradikalen oder revolutionären
Anspruchs ist die Politik einer Bewegung immer mit der kapitalistischen
Realität konfrontiert. Diese besteht zum einen aus einer materiellen
Ordnung, die den einzelnen in Form Zwänge gegenübertritt,
die als gegeben hingenommen werden müssen, zum anderen aber sind
diese Zwänge aufgrund ihrer Materialität auch gesellschaftlich
anerkannt. So muss der Kapitalismus nicht permanent durch Gewaltandrohung
aufrecht erhalten werden, sondern kann sich auf einen gesellschaftlichen
Konsens berufen, der nur an einzelnen Punkten aufbricht, für
den Gesamtzusammenhang aber gültig bleibt. Wo eine linksradikale
Bewegung dem begegnen will, ohne sich selbst zum revolutionären
Zwang einer Avantgarde zu imaginieren, muss sie Organisationsformen
finden, die dem emanzipatorischen Ideal gerecht werden w ollen und
damit eine radikal andere Perspektive eröffnen.
Masse und Pop
Wenn aber die kapitalistische Ordnung diese starke Macht des faktischen
hat, die sich nicht einmal auf die permanente Gewalt zu ihrer Durchsetzung
berufen muss, dann stellt sich die Frage, wer diese linksradikale
Bewegung füllen soll. Wer kann für sich in Anspruch nehmen,
das Subjekt jener revolutionären Veränderung zu sein, die
durch linksradikale Kritik als Lösung gefordert wird?
Die Frage verschließt sich einer einfachen Antwort. Zum einen
weil die klassischen Modelle revolutionärer Subjekte sich als
untauglich erwiesen haben, zum anderen weil gerade die Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus die Erkenntnis bestärkt hat, dass
das Streben nach Emanzipation keine Konstante des menschlichen Strebens
ist. Beides hat vor allem den Bezug auf die Klasse der Arbeitenden
als revolutionäres Subjekt unmöglich gemacht. Dass diese
Klasse ein historisches Potential zur Revolution in sich trüge,
war schon immer eine Vereinfachung, die in der marxistischen Tradition
mit dem Unterschied zwischen einer objektiven gesellschaftlichen Situation,
in der sich die Mitglieder dieser Klasse befanden, und ihrem subjektiven
Verständnis und Strategien des Umgangs mit dieser gesellschaftlichen
Situation. Allein deshalb war die revolutionäre ArbeiterInnenklasse
schon immer ein Projekt, dass etwa durch eine Partei betrieben werden
musste.
Der Grund allerdings weshalb die Arbeitenden überhaupt als revolutionäres
Subjekt in Frage kamen, war ihre Unterwerfung, also ihre Positionierung
im gesellschaftlichen Widerspruch der Ausbeutung, der ihnen einen
konkreten Grund lieferte, nach Veränderung zu trachten. Eine
solche Bedingung ist verallgemeinerbar und so sind alle Betroffenen
von gesellschaftlichen Widersprüchen in einer gesellschaftlichen
Situation, in der sie zum potentiellen Subjekt revolutionärer
Anstrengungen werden. Aus diesem Grund werden in den letzten Jahrzehnten
immer wieder Hoffnungen auf die Unterdrückten des Trikonts, MigrantInnen
oder Frauen gerichtet, die schließlich zur kritischen Masse
eines revolutionären Vorhabens werden sollen.
Doch diese Hoffnung auf eine revolutionäre Masse, ist genauso
illusorisch, wie das Hoffen auf den Aufstand der deutschen ArbeiterInnen.
Das eigentliche Subjekt wird nur von jenen gebildet, die den Zwängen
auch entfliehen wollen, statt andere Strategien des Arrangements in
der Gesellschaft zu wählen, die immer lange angeboten werden,
bevor die Masse kritisch wird. Auch deshalb ist das Subjekt einer
linksradikalen Bewegung notwendig instabil. Die Möglichkeit seines
Zustandekommens hängt neben seiner organisatorischen Struktur
auch davon ab, dass die Präsentation der radikalen Kritik und
der konkreten Hoffnung auf Veränderung gelingt. Wenn dies in
Form von Events geschieht, dann sind diese grundsätzlich auf
ihre Wirkung bedacht, wollen Pop sein, ohne durch eine Rücknahme
der grundsätzlichen Kritik Menschen anzusprechen, denen es nicht
um Emanzipation geht. Pop als Politikmittel ist also kein Populismus,
sondern eine Darstellungsform des linksradikalen Standpunkts, die
sich auf ihre Angemessenheit befragen lässt.
Das Popversprechen auf Emanzipation ist ein Anspruch an dem sich die
Bewegung und ihre Form der Organisation immer messen lassen muss.
Es darf kein Vertrösten auf irgendeine goldene Zukunft geben.
Bei dem gegenwärtigen Zustand der radikalen Linken müssen
wir jedoch über jeden Tag dankbar sein, an dem keine revolutionäre
Situation in der BRD entsteht. Daran gilt es zunächst etwas zu
ändern, wozu noch weitere Detailfragen der praktischen Organisation
einer linksradikalen Bewegung zu klären sind.
[Phase Zwei/ I, Leipzig]
zum
Anfang l
zurück zur Auswahl
|