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Nationalsozialismus
und Antisemitismus
Ein theoretischer Versuch (aus dem Englischen von Renate Schumacher
und Dan Diner)
[Moishe Postone, 1982]
1.
Meine Absicht ist nicht die Beantwortung der Frage, warum dem Nazismus
und dem modernen Antisemitismus ein historischer Durchbruch in Deutschland
gelungen ist. Ein solcher Versuch müßte einer Betrachtung
der Besonderheit deutscher Entwicklung Rechnung tragen: darüber
ist zur Genüge gearbeitet worden. Dieser Essay will vielmehr
untersuchen, was damals durchbrach: eine Betrachtung derjenigen Aspekte
des modernen Antisemitismus, die als unabdingbarer Bestandteil des
deutschen Nationalsozialismus betrachtet werden müssen. Dies
auch als ein Ansatz, die Vernichtung des europäischen Judentums
zu erklären, als die notwendige Voraussetzung einer adäquaten
Beantwortung der Frage, warum es gerade in Deutschland geschah.
Was ist die Besonderheit des Holocaust und des modernen Antisemitismus?
Sicher keine Frage der Quantität, sei es der Zahl der Menschen,
die ermordet worden sind, noch des Ausmaßes ihres Leidens. Die
Frage zielt vielmehr auf die qualitative Besonderheit. Bestimmte Aspekte
der Ausrottung des europäischen Judentums bleiben so lange unerklärlich,
wie der Antisemitismus als bloßes Beispiel für Vorurteil,
Fremdenhaß und Rassismus allgemein behandelt wird, als Beispiel
für Sündenbock-Strategien, deren Opfer auch sehr gut Mitglieder
irgendeiner anderen Gruppe hätten gewesen sein können.
Charakteristisch für den Holocaust war der verhältnismäßig
geringe Anteil an Emotion und unmittelbarem Haß (im Gegensatz
zu Pogromen zum Beispiel); dafür aber ein Selbstverständnis
ideologischer Mission, und, was das wichtigste ist: Der Holocaust
hatte keine funktionelle Bedeutung. Die Ausrottung der Juden war kein
Mittel zu einem anderen Zweck. Sie wurden nicht aus militärischen
Gründen ausgerottet oder um gewaltsam Land zu nehmen (wie bei
den amerikanischen Indianern); es ging auch nicht um die Auslöschung
der potentiellen Widerstandskämpfer unter den Juden, mit dem
Ziel, den Rest als Heloten besser ausbeuten zu können. (Dies
war übrigens die Politik der Nazis Polen und Russen gegenüber.)
Es gab auch kein "äußeres" Ziel. Die Ausrottung
der Juden mußte nicht nur total sein, sondern war sich selbst
Zweck - Ausrottung um der Ausrottung willen -, ein Zweck, der absolute
Priorität beanspruchte.(1)
Eine funktionalistische Erklärung des Massenmords und eine Sündenbock-Theorie
des Antisemitismus können nicht einmal im Ansatz erklären,
warum in den letzten Kriegsjahren, als die deutsche Wehrmacht von
der Roten Armee überrollt wurde, ein bedeutender Teil des Schienenverkehrs
für den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt wurde und
nicht für die logistische Unterstützung des Heeres. Ist
die qualitative Besonderheit der Ausrottung des europäischen
Judentums einmal erkannt, wird klar, daß Erklärungsversuche,
die sich auf Kapitalismus, Rassismus, Bürokratie, sexuelle Unterdrückung
oder die autoritäre Persönlichkeit stützen, viel zu
allgemein bleiben. Die Besonderheit des Holocaust erfordert eine spezifischere
Vermittlung, um sie wenigstens im Ansatz zu verstehen.
Die Ausrottung des europäischen Judentums steht natürlich
in Beziehung zum Antisemitismus. Die Besonderheit des ersteren muß
auf letzteren bezogen werden. Darüber hinaus muß der moderne
Antisemitismus im Hinblick auf den Nazismus als Bewegung verstanden
werden - eine Bewegung, die in der Sprache ihres eigenen Selbstverständnisses
eine Revolte war.
Der moderne Antisemitismus, der nicht mit dem täglichen antijüdischen
Vorurteil verwechselt werden darf, ist eine Ideologie, eine Denkform,
die in Europa im späten 19. Jahrhundert auftrat. Sein Auftreten
setzt Jahrhunderte früherer Formen des Antisemitismus voraus.
Antisemitismus ist immer ein integraler Bestandteil der christlich-westlichen
Zivilisation gewesen. Allen Formen des Antisemitismus ist eine Vorstellung
von jüdischer Macht gemeinsam: die Macht, Gott zu töten,
die Beulenpest loszulassen oder, in jüngerer Zeit, Kapitalismus
und Sozialismus herbeizuführen. Ein manichäisches Denken;
die Juden spielen darin die Rolle der Kinder der Finsternis.
Nicht nur Ausmaß, sondern auch Qualität der den Juden zugeschriebenen
Macht unterscheidet den Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus.
Alle Formen des Rassismus schreiben dem Anderen potentielle Macht
zu. Diese Macht ist gewöhnlich, aber konkret - materiell und
sexuell - die Macht des Unterdrückten (als Macht des Verdrängten),
die Macht des "Untermenschen". Die den Juden antisemitisch
zugeschriebene Macht wird nicht nur als größer, sondern
auch im Unterschied zur rassistischen Vorstellung über eine potentielle
Macht der "Untermenschen" als wirklich angesehen. Seine
qualitative Andersartigkeit im modernen Antisemitismus wird mit Attributen
wie mysteriöse Unfaßbarkeit, Abstraktheit und Allgemeinheit
umschrieben. Diese Macht erscheint gewöhnlich nicht als solche,
sondern muß ein konkretes Gefäß, einen Träger,
eine Ausdrucksweise finden. Weil diese Macht nicht konkret gebunden,
nicht "verwurzelt" ist, wird sie als ungeheuer groß
und schwer kontrollierbar empfunden. Sie steht hinter den Erscheinungen,
ist aber nicht identisch mit ihnen. Ihre Quelle ist daher verborgen:
konspirativ. Die Juden stehen für eine ungeheuer machtvolle,
unfaßbare internationale Verschwörung.
Ein Naziplakat bietet ein plastisches Beispiel für diese Wahrnehmung:
Es zeigt Deutschland - dargestellt als starken, ehrlichen Arbeiter
-, das im Westen durch einen fetten, plutokratischen John Bull bedroht
ist und im Osten durch einen brutalen, barbarischen, bolschewistischen
Kommissar. Jedoch sind diese beiden feindlichen Kräfte bloße
Marionetten. Über den Rand des Globus, die Marionetten fest in
der Hand, späht der Jude. Eine solche Vision war keineswegs Monopol
der Nazis. Der moderne Antisemitismus ist dadurch gekennzeichnet,
daß die Juden für die geheime Kraft hinter jenen Widersachern,
dem plutokratischen Kapitalismus und dem Sozialismus gehalten werden.
"Das internationale Judentum" wird darüber hinaus als
das wahrgenommen, was hinter dem "Asphaltdschungel" der
wuchernden Metropolen, hinter der "vulgären, materialistischen,
modernen Kultur" und, generell, hinter allen Kräften, die
zum Niedergang althergebrachter sozialer Zusammenhänge, Werte
und Institutionen führen, steht. Die Juden stellen demnach eine
fremde, gefährliche und destruktive Macht dar, die die soziale
"Gesundheit" der Nation untergräbt. Für den modernen
Antisemitismus ist nicht nur sein säkularer Inhalt charakteristisch,
sondern auch sein systemartiger Charakter. Er beansprucht, die Welt
zu erklären.
Diese deskriptive Bestimmung des modernen Antisemitismus ist zwar
notwendig, um ihn von Vorurteil oder Rassismus im allgemeinen zu unterscheiden;
sie kann jedoch als solche noch nicht die innere Beziehung zum Nationalsozialismus
aufzeigen. Die Absicht also, die übliche Trennung zwischen einer
sozio- ökonomischen Analyse des Nazismus und einer Untersuchung
des Antisemitismus zu überwinden, ist auf dieser Ebene noch nicht
erfüllt. Es bedarf einer Erklärung des oben beschriebenen
Antisemitismus, die fähig ist, beides zu vermitteln. Sie muß
sich historisch auf die gleichen Kategorien stützen, die für
die Erklärung des Nationalsozialismus gültig sind. Es ist
nicht meine Absicht, sozialpsychologische oder psychoanalytische Erklärungen
zu negieren, sondern vielmehr einen historisch-erkenntnistheoretischen
Zusammenhang zu erläutern, innerhalb dessen weitere psychologische
Spezifizierung stattfinden kann. Solch ein Zusammenhang muß
den besonderen Inhalt des modernen Antisemitismus fassen und hat insofern
historisch zu sein, als erklärt werden muß, warum diese
Ideologie - beginnend im ausgehenden 19. Jahrhundert - sich zu jener
Zeit so verbreitete. Fehlt ein solcher Zusammenhang, bleiben alle
anderen Erklärungsversuche, die sich um Subjektivität zentrieren,
historisch unspezifisch. Es bedarf einer Erklärung in Form einer
materialistischen Erkenntnistheorie.
Eine vollständige Entfaltung des Antisemitismus-Problems würde
den Rahmen dieses Essays bei weitem sprengen. Dennoch gilt es hervorzuheben,
daß eine sorgfältige Überprüfung des modernen
antisemitischen Weltbildes das Vorliegen einer Denkform deutlich werden
läßt, in der die rasche Entwicklung des industriellen Kapitalismus
durch den Juden personifiziert und mit ihm identifiziert wird. Es
handelt sich dabei nicht um die bloße Wahrnehmung der Juden
als Träger von Geld - wie im traditionellen Antisemitismus; vielmehr
werden sie für ökonomische Krisen verantwortlich gemacht
und mit gesellschaftlichen Umstrukturierungen und Umbrüchen identifiziert,
die mit der raschen Industrialisierung einhergehen: explosive Verstädterung,
der Untergang von traditionellen sozialen Klassen und Schichten, das
Aufkommen eines großen, in zunehmendem Maße sich organisierenden
industriellen Proletariats und so weiter. Mit anderen Worten: Die
abstrakte Herrschaft des Kapitals, wie sie besonders mit der raschen
Industrialisierung einhergeht, verstrickte die Menschen in das Netz
dynamischer Kräfte, die, weil sie nicht durchschaut zu werden
vermochten, in Gestalt des "Internationalen Judentums" wahrgenommen
wurden.
Dies ist nicht wesentlich mehr als ein erster Zugang. Die Personifizierung
ist zwar beschrieben, aber nicht erklärt. Es fehlt die erkenntnistheoretische
Begründung. Ansätze dazu hat es gegeben. Das Problem jener
Theorien - wie der Horkheimers(3) -, die sich wesentlich auf die Identifizierung
der Juden mit dem Geld und damit auf die Zirkulationssphäre beziehen,
besteht darin, daß sie nicht imstande sind, die antisemitische
Vorstellung einzufangen, Juden stünden hinter Sozialdemokratie
und Kommunismus. Auf den ersten Blick erscheinen Theorien wie die
George Mosses(4) , die den modernen Antisemitismus als Revolte gegen
die "Moderne" interpretieren, angemessener. Das Problem,
das sich ihnen stellt, ist wiederum der Umstand, daß die "Moderne"
ohne Zweifel das Industriekapital einschließt, welches - wie
bekannt - gerade nicht Objekt antisemitischer Angriffe war; und dies
sogar in der Periode rascher Industrialisierung. Nötig ist also
ein Ansatz, der die Unterscheidung zwischen dem trifft, was moderner
Kapitalismus ist und der Form, in der er erscheint; also die Unterscheidung
zwischen Wesen und Erscheinung. Das Konzept der "Moderne"
erlaubt eine solche Unterscheidung freilich nicht.
2.
Diese Überlegung führt zu Marx' Begriff des Fetischs, einem
Begriff, der die Grundlage einer historischen Erkenntnistheorie bildet,
die sich in der Unterscheidung zwischen dem Wesen der kapitalistischen
Verhältnisse und ihren Erscheinungsformen gründet.
Was dem Begriff des Fetischs vorausgeht, ist Marx' Analyse der Ware,
des Geldes, des Kapitals als Formen gesellschaftlicher Verhältnisse
und nicht nur als bloße ökonomische Bestimmungen.(5) Nach
seiner Analyse erscheinen kapitalistische Formen gesellschaftlicher
Beziehungen nicht als solche, sondern drücken sich in vergegenständlichter
Form aus. Weil Arbeit im Kapitalismus auch die Funktion einer gesellschaftlichen
Vermittlung hat ("abstrakte Arbeit"), ist die Ware nicht
bloß Ge-brauchsgegenstand, in dem konkrete Arbeit vergegenständlicht
ist, sondern sie verkörpert auch gesellschaftliche Verhältnisse.
Vorkapitalistisch waren Gebrauchsgegenstände nach traditionellen
Beziehungs- und Herrschaftsformen verteilt; im Kapitalismus aber sind
Waren selber gesellschaftliche Vermittlung anstelle unmittelbarer
sozialer Verhältnisse. Die Ware hat einen "Doppelcharakter":
Wert und Gebrauchswert. Als Objekt drückt die Ware soziale Verhältnisse
aus und verschleiert sie gleichzeitig. Diese Verhältnisse haben
keine andere, davon unabhängige Ausdrucksform. Durch diese Form
der Vergegenständlichung gewinnen die gesellschaftlichen Verhältnisse
des Kapitalismus ein Eigenleben, sie bilden eine "zweite Natur",
ein System von Herrschaft und Zwängen, das - obwohl gesellschaftlich
- unpersönlich, sachlich und "objektiv" ist und deshalb
natürlich zu sein scheint. Diese gesellschaftliche Dimension
bestimmt die Waren und ihre Produktionsweise. Der Fetisch verweist
nun auf die Denkweisen, die auf Wahrnehmungen und Erkenntnissen basieren,
die in den Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Verhältnisse
befangen bleiben.
Betrachtet man die besonderen Charakteristika der Macht, die der moderne
Antisemitismus den Juden zuordnet - nämlich Abstraktheit, Unfaßbarkeit,
Universalität, Mobilität - dann fällt auf, daß
es sich hierbei um Charakteristika der Wertdimension jener gesellschaftlichen
Formen handelt, die Marx analysiert hat. Mehr noch: diese Dimension
- wie die den Juden unterstellte Macht - erscheint nicht unmittelbar,
sondern nimmt vielmehr die Form eines stofflichen Trägers, der
Ware, an.
Um die oben beschriebene Personifizierung zu deuten und dabei die
Frage zu klären, warum der moderne Antisemitismus, der sich gegen
soviele Aspekte der "Moderne" wandte, sich dem industriellen
Kapital und der modernen Technologie gegenüber so verdächtig
still verhielt, wird es an dieser Stelle nötig sein zu analysieren,
wie kapitalistisch-gesellschaftliche Verhältnisse sich darzustellen
pflegen.
Ich beginne mit der Warenform als Beispiel. Die dialektische Einheit
von Wert und Gebrauchswert in der Ware erfordert, daß dieser
"Doppelcharakter" sich in der Wertform entäußert,
in der er "doppelt" erscheint: als Geld (die Erscheinungsform
des Werts) und als Ware (die Erscheinungsform des Gebrauchswerts).
Diese Entäußerung erweckt den Schein, als enthalte die
Ware, ie eigentlich sowohl Wert wie Gebrauchswert ausdrückt,
nur letzteren, das heißt, sie erscheint als rein stofflich und
"dinglich". Weil die gesellschaftliche Dimension der Ware
dabei entfällt, stellt sich das Geld als einziger Ort des Wertes
dar, als Manifestation des ganz und gar Abstrakten anstatt als entäußerte
Erscheinungsform der Wertseite der Ware selbst. Die dem Kapitalismus
eigene Form vergegenständlichter gesellschaftlicher Beziehungen
erscheint so auf der Ebene der Warenanalyse als Gegensatz zwischen
Geld als Abstraktem einerseits und stofflicher Natur andererseits.
Die kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen scheinen ihren
Ausdruck nur in der abstrakten Dimension zu finden - etwa als Geld
und als äußerliche, abstrakte, allgemeine "Gesetze".
Ein Aspekt des Fetischs ist also, daß kapitalistische gesellschaftliche
Beziehungen nicht als solche in Erscheinung treten, und sich zu dem
antinomisch, als Gegensatz von Abstraktem und Konkretem, darstellen.
Und weil beide Seiten der Antinomie vergegenständlicht sind,
erscheint jede als quasi- natürlich: Die abstrakte Seite tritt
in der Gestalt von "objektiven" Naturgesetzen auf, und die
konkrete Seite erscheint als reine stoffliche Natur. Die Struktur
entfremdeter gesellschaftlicher Beziehung, die dem Kapitalismus eigen
ist, hat die Form einer quasi-natürlichen Antinomie, in der Gesellschaftliches
und Historisches nicht mehr erscheinen.
Diese Antinomie wiederholt sich im Gegensatz positivistischer und
romantischer Denkweisen. Die Mehrzahl der kritischen Untersuchungen
fetischistischer Denkformen bezieht sich vor allem auf jenen Strang
der Antinomie, der das Abstrakte als überhistorisch hypostasiert
- das sogenannte bürgerliche Denken - und damit den gesellschaftchen
und historischen Charakter der bestehenden Beziehungen verschleiert.
In diesem Beitrag geht es um einen anderen Strang, nämlich um
jene Formen von Romantizismus und Revolte, die ihrem Selbstverständnis
nach anti- bürgerlich sind, in Wirklichkeit jedoch das Konkrete
hypostasieren und damit innerhalb der Antinomie der kapitalistischen
gesellschaftlichen Beziehungen verharren.
Formen antikapitalistischen Denkens, die innerhalb der Unmittelbarkeit
dieser Antinomie verharren, tendieren dazu, den Kapitalismus nur unter
der Form der Erscheinungen der abstrakten Seite dieser Antinomie wahrzunehmen,
zum Beispiel Geld als "Wurzel allen Übels". Dem wird
die bestehende, konkrete Seite dann als das "natürliche"
oder ontologisch Menschliche, das vermeintlich außerhalb der
Besonderheit kapitalistischer Gesellschaft stehe, positiv entgegengestellt.
So wird - wie etwa bei Proudhon - konkrete Arbeit als das nichtkapitalistische
Moment verstanden, das der Abstraktheit des Geldes entgegengesetzt
ist.(6) Daß konkrete Arbeit selbst kapitalistische gesellschaftliche
Beziehungen verkörpert und von ihnen materiell geformt ist, wird
nicht gesehen.
Mit der Fortentwicklung des Kapitalismus, der Kapitalform und ihres
Fetischs bekommt die dem Warenfetisch innewohnende Naturalisierung
neue Dimensionen. Wie bei der Warenform ist die Kapitalform durch
das antinomische Verhältnis des Abstrakten und Konkreten, die
beide natürlich erscheinen, gekennzeichnet. Die Qualität
des "Natürlichen" ist aber unterschiedlich. Die des
Warenfetischs ist die letzten Endes harmonische Beziehung einzelner
abgeschlossener Einheiten. (Dieses Denkmodell steht nicht nur hinter
der klassischen politischen Ökonomie, sondern auch hinter dem
Frühsozialismus und Anarchismus).
Das Kapital ist nach Marx in seiner prozessualen Form als selbstverwertender
Wert charakterisiert, als die unaufhörliche rastlose Selbstvermehrung
des Wertes. Es erscheint in der Form von Geld sowie in der von Waren,
das heißt, es hat keine fertige und endgültige Gestalt.
Kapital erscheint als rein abstrakter Prozeß. Seine konkrete
Dimension ändert sich dementsprechend: Individuelle Arbeiten
bilden nicht länger abgeschlossene Einheiten, sondern werden
mehr und mehr zu Teilkomponenten eines größeren dynamischen
Systems, das Mensch wie Maschine umfaßt und dessen Zweck Produktion
um der Produktion willen ist. Das Ganze wird größer als
die Summe der sie konstituierenden Individuen und hat einen Zweck,
der außerhalb ihrer liegt. Die Kapitalform gesellschaftlicher
Verhältnisse hat einen blinden, prozessualen, quasi- organischen
Charakter. Die dem Fetisch immanente Naturalisierung wird zunehmend
biologisch aufgefaßt. Das mechanische Weltbild des 17. und 18.
Jahrhunderts verliert an Bedeutung; mehr und mehr übernehmen
organische Prozesse an Stelle statischer Mechanik die Form des Fetischs.
Das drückt sich zum Beispiel in der Verbreitung solcher Denkformen
aus wie der Lehre vom Staat als lebendigem Organismus, aber auch in
den Rassentheorien und der zunehmenden Bedeutung des Sozialdarwinismus
im späten 19. Jahrhundert.
Gesellschaft wie historischer Prozeß werden zunehmend biologisch
begriffen. Diesen Aspekt des Kapitalfetischs will ich jedoch hier
nicht weiter verfolgen. Festzuhalten ist, welche Wahrnehmungsweisen
von Kapital sich daraus ergeben. Wie angedeutet, läßt der
"Doppelcharakter" auf der logischen Ebene der Warenanalyse
die Arbeit als ontologische Betätigungsweise er-scheinen und
nicht als eine Tätigkeit, die materiell von den gesellschaftlichen
Beziehungen geformt wird; er stellt die Ware als rein stoffliches
Ding dar und nicht als Vergegenständlichung vermittelter gesellschaftlicher
Beziehungen. Auf der logischen Ebene des Kapitals läßt
der "Doppelcharakter" (Arbeits- und Verwertungsprozeß)
industrielle Produktion als ausschließlich materiellen schöpferischen
Prozeß, ablösbar vom Kapital, erscheinen. Die manifeste
Form des Konkreten ist nun organischer. So kann das industrielle Kapital
als direkter Nachfolger "natürlicher" handwerklicher
Arbeit auftreten und, im Gegensatz zum "parasitären"
Finanzkapital, als "organisch" verwurzelt. Seine Organisation
scheint der Zukunft verwandt zu sein; der gesellschaftliche Zusammenhang,
in dem es sich befindet, wird als eine übergeordnete organische
Einheit gefaßt: Gemeinschaft, Volk, Rasse.
Kapital selbst - oder das, was als negativer Aspekt des Kapitalismus
verstanden wird - wird lediglich in der Erscheinungsform seiner abstrakten
Dimension verstanden: als Finanz- und zinstragendes Kapital. In dieser
Hinsicht steht die biologistische Ideologie, die die konkrete Dimension
(des Kapitalismus) als "natürlich" und "gesund"
dem Kapitalismus (wie er erscheint) gegenüberstellt, nicht im
Widerspruch zur Verklärung des Industriekapitals und seiner Technologie.
Beide stehen auf der"dinglichen" Seite der Antinomie.
Das wird gewöhnlich mißverstanden. So zum Beispiel von
Norman Mailer, der in einer Verteidigung des Neo-Romantizismus (und
des Sexismus) in seinem Buch The Prisoner of Sex schrieb, daß
Hitler zwar von Blut gesprochen, aber die Maschine gebaut habe. Dabei
blieb unverstanden: Im fetischstischem "Antikapitalismus"
dieser Art wird beides, Blut wie Maschine, als konkretes Gegenprzinzip
zum Abstrakten gesehen. Die positive Hervorhebung der "Natur",
des Blutes, des Bodens, der konkreten Arbeit, der Gemeinschaft, geht
ohne weiteres zusammen mit einer Verherrlichung der Technologie und
des industriellen Kapitals. Diese Denkweisen sind genausowenig anachronistisch
oder Ausdruck einer historischen Ungleichzeitigkeit zu nennen, wie
der Aufstieg von Rassentheorien im späten 19. Jahrhundert als
Atavismus aufzufassen ist. Sie sind historisch neue Denkformen, nicht
die Wiederauferstehung einer älteren Form. Sie erscheinen nur
als atavistisch oder anachronistisch aufgrund ihrer Betonung der biologischen
Natur. Das ist jedoch selbst Teil des Fetischs, der das "Natürliche"
als "wesensgemäß" und -ursprungsnäher erscheinen
läßt und die geschichtliche Entwicklung als zunehmend künstlich.
Solche Denkformen begleiten die Entwicklung des industriellen Kapitalismus.
Sie sind Ausdruck jenes antinomischen Fetischs, der die Vorstellung
erzeugt, das Konkrete sei "natürlich", und dabei das
gesellschaftlich "Natürliche" zunehmend so darstellt,
daß es biologisch erscheint. Diese Form des "Antikapitalismus"
erscheint daher nur so, als ob sie sehnsüchtig rückwärts
gewandt sei; als Ausdruck des Kapitalfetischs drängt sie in Wirklichkeit
vorwärts. Sie tritt auf im Übergang vom liberalen zum organisierten
industriellen Kapitalismus.(7) Diese Form des "Antikapitalismus"
beruht also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte. Abstraktes
und Konkretes werden nicht in ihrer Einheit als begründende Teile
einer Antinomie verstanden, für die gilt, daß die wirkliche
Überwindung des Abstrakten - der Wertseite - die geschichtlich-
praktische Aufhebung des Gegensatzes selbst sowie jeder seiner Seiten
einschließt. Statt dessen findet sich lediglich der einseitige
Angriff gegen die abstrakte Vernunft, das abstrakte Recht und, auf
anderer Ebene, gegen das Geld- und Finanzkapital. So gesehen entspricht
dieses Denken seiner komplementären liberalen Position in antinomischer
Weise: Im Liberalismus bleibt die Herrschaft des Abstrakten unbefragt;
eine Unterscheidung zwischen positiver und kritischer Vernunft wird
nicht getroffen.
Der "antikapitalistische" Angriff bleibt jedoch nicht bei
der Attacke auf das Abstrakte als Abstraktem stehen. Selbst die abstrakte
Seite erscheint vergegenständlicht. Auf der Ebene des Kapitalfetischs
wird nicht nur die konkrete Seite naturalisiert und biologisiert,
sondern auch die erscheinende abstrakte Seite, die nun in Gestalt
des Juden wahrgenommen wird. So wird der Gegensatz von stofflich Konkretem
und Abstraktem zum rassischen Gegensatz von Arier und Jude. Der moderne
Antisemitismus besteht in der Biologisierung des Kapitalismus - der
selbst nur unter der Form des erscheinenden Abstrakten verstanden
wird - als internationales Judentum.
Meiner Deutung nach wurden die Juden also nicht nur mit dem Geld,
das heißt der Zirkulationssphäre, sondern mit dem Kapitalismus
überhaupt gleichgesetzt. Diese fetischisierende Anschauung schloß
in ihrem Verständnis des Kapitalismus alle konkreten Aspekte
wie Industrie und Technologie aus. Der Kapitalismus erschien nur noch
als das Abstrakte, das wiederum für die ganze Reihe konkreter
gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen, die mit der
schnellen Industrialisierung verbunden sind, verantwortlich gemacht
wurde. Die Juden wurden nicht bloß als Repräsentanten des
Kapitals angesehen (in diesem Fall wären die antisemitischen
Angriffe wesentlich klassenspezifischer gewesen), sie wurden vielmehr
zu Personifikationen der unfaßbaren, zerstörerischen, unendlich
mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals. Bestimmte
Formen kapitalistischer Unzufriedenheit richteten sich gegen die in
Erscheinung tretende abstrakte Dimension des Kapitals in Gestalt des
Juden, und zwar nicht etwa, weil die Juden bewußt mit der Wertdimension
identifiziert worden waren, sondern vielmehr deshalb, weil durch den
Gegensatz seiner konkreten und abstrakten Dimensionen der Kapitalismus
selbst so erscheinen konnte. Deshalb geriet die "antikapitalistische"
Revolte zur Revolte gegen die Juden. Die Überwindung des Kapitalismus
und seiner negativen Auswirkungen wurde mit der Überwindung der
Juden gleichgesetzt.(8)
3.
Obwohl die innere Verbindung zwischen jener Art des "Antikapitalismus",
der den Nationalsozialismus beeinflußte, und dem Antisemitismus
gezeigt worden ist, bleibt die Frage offen, warum die biologische
Interpretation der abstrakten Seite des Kapitalismus sich an den Juden
festmacht.
Diese "Wahl" war innerhalb des europäischen Kontextes
keineswegs zufällig. Die Juden hätten durch keine andere
Gruppe ersetzt werden können. Dafür gibt es vielfältige
Gründe. Die lange Geschichte des Antisemitismus in Europa und
die damit verbundene Assoziation Juden = Geld ist wohlbekannt. Die
Periode der schnellen Expansion des industriellen Kapitals im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts fiel mit der politischen und gesellschaftlichen
Emanzipation der Juden in Mitteleuropa zusammen. Die Zahl der Juden
an den Universitäten, in den freien Berufen, im Journalismus,
den schönen Künsten, im Einzelhandel nahm immer schneller
zu - das heißt, die Juden wurden in der bürgerlichen Gesellschaft
rasch aufgenommen, besonders in Sphären und Berufen, die sich
gerade ausweiteten und mit der neuen Form verbunden waren, die die
Gesellschaft gerade annahm. Man könnte viele andere Faktoren
berücksichtigen. Einen möchte ich hervorheben: Ebenso wie
die Ware, als gesellschaftliche Form, ihren "Doppelcharakter"
in dem entäußerten Gegensatz zwischen dem Abstrakten (Geld)
und dem Konkreten (der Ware) ausdrückt, so ist die bourgeoise
Gesellschaft durch die Trennung von (politischem) Staat und (bürgerlicher)
Gesellschaft charakterisiert. Im Individuum stellt sie sich als Trennung
zwischen Staatsbürger und (Privat-) Person dar. Als Staatsbürger
ist das Individuum abstrakt. Das drückt sich zum Beispiel in
der Vorstellung von der Gleichheit aller vor dem (abstrakten) Gesetz
(zumindest in der Theorie) aus oder in der Forderung "eine Person,
eine Stimme". Als eine (Privat-) Person ist das Individuum konkret,
eingebettet in reale Klassenbeziehungen, die als "privat"
angenommen werden; das heißt, sie betreffen die bürgerliche
Gesellschaft (im Gegensatz zum Staat) und sollen keinen politischen
Ausdruck finden. In Europa war jedoch die Vorstellung von der Nation
als einem rein politischen Wesen, abstrahiert aus der Substantialität
der bürgerlichen Gesellschaft, nie vollständig verwirklicht.
Die Nation war nicht nur eine politische Entität, sie war auch
konkret, durch eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Traditionen und
Religion bestimmt. In diesem Sinne erfüllten die Juden nach ihrer
politischen Emanzipation als einzige Gruppe in Europa die Bestimmung
von Staatsbürgerschaft als rein politischer Abstraktion. Sie
waren deutsche oder französische Staatsbürger, aber keine
richtigen Deutschen oder Franzosen. Sie gehörten abstrakt zur
Nation aber nur selten konkret. Sie waren außerdem noch Staatsbürger
der meisten europäischen Länder.
Diese Realität der Abstraktheit, die nicht nur die Wertdimension
in ihrer Unmittelbarkeit kennzeichnet, sondern auch mittelbar den
bürgerlichen Staat und das Recht, wurde genau mit den Juden identifiziert.
In einer Periode, in der das Konkrete gegenüber dem Abstrakten,
dem "Kapitalismus" und dem bürgerlichen Staat verklärt
wurde, entstand daraus eine fatale Verbindung: Die Juden wurden als
wurzellos, international und abstrakt angesehen.
4.
Der moderne Antisemitismus ist also eine besonders gefährliche
Form des Fetischs. Seine Macht und Gefahr liegen darin, daß
er eine umfassende Weltanschauung liefert, die verschiedene Arten
antikapitalistischer Unzufriedenheit scheinbar erklärt und ihnen
politischen Ausdruck verleiht. Er läßt den Kapitalismus
aber dahingehend bestehen, als er nur die Personifizierung jener gesellschaftlichen
Form angreift. Ein so verstandener Antisemitismus ermöglicht
es, ein wesentliches Moment des Nazismus als verkürzten Antikapitalismus
zu verstehen. Für ihn ist der Haß auf das Abstrakte charakteristisch.
Seine Hypostasierung des existierenden Konkreten mündet in einer
einmütigen, grausamen - aber nicht notwendig haßerfüllten
Mission: der Erlösung der Welt von der Quelle allen Übels
in Gestalt der Juden.
Die Ausrottung des europäischen Judentums ist ein Anzeichen dafür,
daß es viel zu einfach ist, den Nazismus als eine Massenbewegung
mit antikapitalistischen Obertönen zu bewerten, die diese Hülse
1934 im Röhm-Putsch abwarf, nachdem sie erst einmal ihren Zweck
erreicht und sich in Form staatlicher Macht gefestigt hatte.
Zum einen sind die ideologischen Formen nicht einfach Bewußtseinsmanipulationen.
Und zum anderen mißversteht diese Auffassung das Wesen des "Antikapitalismus"
der Nazis - das Ausmaß, in dem es der antisemitischen Weltanschauung
innerlich verbunden war. Es stimmt, daß auf den zu konkreten
und plebejischen "Antikapitalismus" der SA 1934 verzichtet
wurde; nicht jedoch auf die antisemitische Grundhaltung - die "Erkenntnis",
daß die Quelle allen Übels das Abstrakte sei - der Jude.
Und die Folgen: Eine kapitalistische Fabrik ist ein Ort, an dem Wert
produziert wird, der "unglücklicherweise" die Form
der Produktion von Gütern annehmen muß. Das Konkrete wird
als der notwendige Träger des Abstrakten produziert. Die Ausrottungslager
waren demgegenüber keine entsetzliche Version einer solchen Fabrik,
sondern müssen eher als ihre groteske arische "antikapitalistische"
Negation gesehen werden. Auschwitz war eine Fabrik zur "Vernichtung
des Werts", das heißt zur Vernichtung der Personifizierung
des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen
Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu "befreien".
Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, das heißt die
"Maske" der Menschlichkeit wegzureißen und die Juden
als das zu zeigen, was "sie wirklich sind", Schatten, Ziffern,
Abstraktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten,
sie in Rauch zu verwandeln, jedoch auch zu versuchen, die letzten
Reste des konkreten gegenständlichen "Gebrauchswerts"
abzuschöpfen: Kleider, Gold, Haare, Seife.
Auschwitz, nicht die "Machtergreifung" 1933, war die wirkliche
"Deutsche Revolution" - die wirkliche Schein-"Umwälzung"
der bestehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt
vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren. Damit jedoch "befreiten"
die Nazis sich selbst aus der Menschheit.
Militärisch verloren die Nazis den Krieg. Sie gewannen ihren
Krieg, ihre "Revolution" gegen das europäische Judentum.
Sie ermordeten nicht nur sechs Millionen jüdische Kinder, Frauen
und Männer. Es ist ihnen gelungen, eine Kultur zu zerstören
- eine sehr alte Kultur -, die des europäischen Judentums. Diese
Kultur war durch eine Tradition gekennzeichnet, die eine komplizierte
Spannung von Besonderheit und Allgemeinheit in sich vereinigte. Diese
innere Spannung wurde als äußere in der Beziehung der Juden
zu ihrer christlichen Umgebung verdoppelt. Die Juden waren niemals
völlig Teil der größeren Gesellschaften, in denen
sie lebten; sie waren auch niemals völlig außerhalb dieser
Gesellschaften. Dies hatte für die Juden häufig verheerende
Auswirkungen, manchmal jedoch auch sehr fruchtbare. Dieses Spannungsfeld
sedimentierte sich im Zuge der Emanzipation in den meisten jüdischen
Individuen. Die schließliche Lösung dieser Spannung zwischen
Besonderem und Allgemeinem ist in der jüdischen Tradition eine
Funktion der Zeit, der Geschichte - die Ankunft des Messias. Vielleicht
jedoch hätte das europäische Judentum angesichts der Säkularisierung
und Assimilation jene Spannung aufgegeben. Vielleicht wäre jene
Kultur schrittweise als lebendige Tradition verschwunden, bevor die
Auflösung des Besonderen und des Allgemeinen verwirklicht worden
wäre. Hierauf wird es niemals mehr eine Antwort geben können.
Anmerkungen
Der Aufsatz erschien in der BRD zuerst in: Merkur, Heft 1/1982, S.
13-25.
(1) Der einzige jüngere Versuch in den westdeutschen Medien,
die Ausrottung der Juden durch die Nazis qualitativ zu bestimmen,
wurde von Jürgen Thorwald unternommen. (Der Spiegel vom 5. Februar
1979).
(2) Siehe z.B.: Norman Cohen, Warrant for Genocide, London 1967.
(3) Max Horkheimer: "Die Juden und Europa", in: Ders., Gesammelte
Schriften, Band 4,Hgg. von Alfred Schmidt, Frankfurt am Main 1988,
S. 308-331. Der Text entstand im Jahr 1939 und wurde zuerst in der
Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgang VIII, New York 1939,
Doppelheft 112, S. 115-137 veröffentlicht.
(4) George Mosse: The Crisis of German Ideology, New York 1964.
(5) Die erkenntnistheoretische Dimension der Marxschen Kritik ist
dem ganzen "Kapital" immanent, wurde aber nur im Rahmen
seiner Warenanalyse entschlüsselt dargestellt. Seine Kategorien
sollen verstanden werden als gleichzeitige Ausdrucksformen besonderer
verdinglichter gesellschaftlicher Beziehungen und Denkweisen. Dies
unterscheidet sie wesentlich von der Hauptströmung marxistischer
Tradition, in der die Kategorien als Bestimmungen einer "ökonomischen
Basis" begriffen werden und das Denken als Überbauphänomen
aufgefaßt wird, das sich aus Klasseninteressen und -Bedürfnissen
ableitet. Diese Form des Funktionalismus kann, wie erwähnt, die
Nicht-Funktionalität der Ausrottung der Juden nicht adäquat
erklären. Allgemeiner formuliert, kann sie nicht erklären,
warum eine bestimmte Denkform, die sehr wohl im Interesse bestimmter
Klassen und anderer gesell-schaftlicher Gruppen liegen kann, eben
diesen und keinen anderen ideologischen Inhalt hat. Gleiches gilt
für die aufklärerische Vorstellung von Ideologie (und Religion)
als Ergebnis bewußter Manipulation. Die Verbreitung einer bestimmten
Ideologie impliziert, daß sie eine Resonanz besitzen muß,
deren Ursprung zu erklären ist. Andererseits steht der von Lukács,
der Frankfurter Schule und Sohn-Rethel weiterentwickelte Marxsche
Ansatz jenen einseitigen Reaktionen auf den traditionellen Marxismus
entgegen, die jeden ernst zu nehmenden Versuch aufgegeben haben, Denkformen
historisch zu erklären und jeden Ansatz in solche Richtung als
"Reduktionismus" ablehnen.
(6) Proudhon, der in dieser Hinsicht als einer der geistigen Vorläufer
des modernen Antisemitismus gelten kann, meinte daher, die Abschaffung
des Geldes - der erscheinenden Vermittlung - genüge bereits,
um die kapitalistischen Beziehungen abzuschaffen. Kapitalismus ist
jedoch von vermittelten gesellschaftlichen Beziehungen gekennzeichnet,
die in kategorialen Formen vergegenständlicht sind, von denen
Geld ein Ausdruck, nicht aber Ursache ist. Proudhon verwechselt demnach
die Erscheinungsformen - Geld als Vergegenständlichung des Abstrakten
- mit dem Wesen des Kapitalismus.
(7) Theorien, die den Nationalsozialismus als "antimodern"
oder "irrational" darstellen, erklären die Wechselbeziehung
dieser beiden Momente nicht. Der Begriff "Irrationalismus"
stellt den noch fortbestehenden "Rationalismus" gar nicht
mehr in Frage und kann das positive Verhältnis einer "irrationalistischen",
"biologistischen" Ideologie zur Ratio von Industrie und
Technologie nicht erklären. Der Begriff "antimodern"
übersieht die sehr modernen Aspekte des Nationalsozialismus und
kann nicht angeben, warum nur einige Aspekte des "Modernen"
aufgegriffen wurden und andere nicht. Beide Analysen sind einseitig
und repräsentieren nur die andere, die abstrakte Seite der oben
beschriebenen Antinomie. Tendenziell verteidigen sie unkritisch die
bestehende nichtfaschistische "Modernität" oder "Rationalität".
Damit ließen sie Raum für neue einseitige Kritik (diesmal
seitens Linker) wie etwa die von Foucault oder Glucksmann, die die
heutige moderne kapitalistische Zivilisation nur als abstrakte verstehen.
All diese Ansätze sind nicht nur unbrauchbar für eine Theorie
des Nationalsozialismus, die eine angemessene Erklärung für
die Verbindung zwischen Blut und Maschine" geben soll, sie können
auch nicht aufzeigen, daß die Gegenüberstellung von "abstrakt"
und "konkret", von positiver Vernunft und "Irrationalismus"
keineswegs die Grenzen einer absoluten Wahl abstecken, sondern daß
die Pole dieser Gegensätze miteinander verbunden sind als antinomische
Ausdrücke der dualen Erscheinungsformen ein und desselben Wesens:
der kapitalistischen Gesellschaftsformation. (In diesem Sinn fiel
Lukács in seinem unter dem Eindruck der unaussprechlichen Brutalität
der Nazis geschriebenen Buch Die Zerstörung der Vernunft hinter
seine eigenen kritischen Einsichten in die Antinomien bürgerlichen
Denkens zurück, die er 25 Jahre zuvor in Geschichte und Klassenbewußtsein
entwickelt hatte.) So bewahren solche Ansätze die Antinomie,
anstatt sie theoretisch zu überwinden.
(8) Wollte man die Frage behandeln, warum der moderne Antisemitismus
so unterschiedlich stark in den verschiedenen Ländern verbreitet
war und warum er in Deutschland hegemonial geworden ist, dann müßte
man die oben entwickelte Argumentation in den entsprechenden sozialen
und historischen Kontext stellen. Was Deutschland betrifft, ist von
der besonders raschen Industrialisierung mit ihren weitreichenden
sozialen Umwälzungen und dem Fehlen einer vorausgegangenen bürgerlichen
Revolution mit ihren liberalen Werten und ihrer politischen Kultur
auszugehen. Die Geschichte Frankreichs von der Dreyfus-Affäre
bis zum Vichv- Regime scheint aber zu zeigen, daß eine bürgerliche
Revolution vor der Industrialisierung keine ausreichende "Immunität"
gegen den modernen Antisemitismus gibt. Andererseits war der moderne
Antisemitismus in Großbritannien nicht sehr verbreitet, obwohl
es dort natürlich auch Rassentheorien und Sozialdarwinismus gab.
Der Unterschied könnte in dem Grad der Entwicklung der gesellschaftlichen
Abstraktheit von Herrschaft vor der Industrialisierung liegen. Unter
diesem Gesichtspunkt kann der Grad der Vergesellschaftung Frankreichs
als zwischen dem Englands und zum Beispiel dem Preußens betrachtet
werden, gekennzeichnet durch eine besondere Form der "Doppelherrschaft":
Ware und Staatsbürokratie. Beide sind Rationalitätsformen.
Sie unterscheiden sich jedoch durch den Grad an Abstraktheit, wodurch
sie Herrschaft vermitteln. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen
zwischen der institutionellen Konzentration konkreter Herrschaft im
Frühkapitalismus (Staatsbürokratie, Armee und Polizei eingeschlossen,
Kirche) und dem Ausmaß, in dem später die abstrakte Herrschaft
des Kapitals nicht nur als bedrohlich, sondern auch als mysteriös
und fremd wahrgenommen wurde.
[Moishe Postone, 1982]
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