T e x t e > > A n t i s e m i t i s m u s

Zur Geschichte Israels
Kurzer Überblick über die Geschichte Israels, Zionismus und den Nahostkonflikt
[Antifa-Referat des AStA der Geschwister- Scholl- Universität München]

Vorwort

Die Kritik am Staat Israel, an seiner Entstehung, seiner momentanen Politik und seiner Existenz überhaupt, stößt in der Öffentlichkeit, in rechten und linken Kreisen auf immer breitere Zustimmung.
Grundlage dieser Kritik ist die Behauptung, die Juden hätten sich während und nach dem 2.Weltkrieg "widerrechtlich" in Palästina angesiedelt, sich das Land der Palästinenser unter den Nagel gerissen, und alle oder die meisten Palästinenser vertrieben. Ein schrecklicher Genozid sei das Ergebnis gewesen.
Diese Behauptung ist ein Mythos und hält einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand.
Die Dokumentation des Vortrags von Emanuel Nassauer in dieser Broschüre, der einseitig Partei ergreift für die Existenz des Staates Israel, gehalten am 20. Nov 2001 im AStA der Uni- München, soll diesem Mythos entgegenwirken.
Aber die Kritik an Israel ist oft nicht nur inhaltlich falsch, sondern trägt meist auch antisemitische Züge:
Der Staat Israel, den es ohne Auschwitz und den Antisemitismus nicht geben würde, und jeder einzelne Jude sowie die jüdische Kultur, die es trotz Auschwitz und Antisemitismus noch gibt, halten die Erinnerung an die Nazi- Barbarei, an dieses nicht bewältigte "deutsche Trauma" aufrecht.
(Eine Tatsache, die jeden Linken zur einseitigen Solidarität mit Israel ermutigen sollte.)
Das passt den Deutschen aber nicht, die doch stolz sein wollen auf ihre Geschichte;
und so kommt es, dass sich heute nicht nur Israel, sondern bald jeder Deutsche jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft rechtfertigen soll für die Politik Israels.
Dabei dient die Konstruktion einer "jüdischen Volksgemeinschaft" nur der Herstellung einer "deutschen", die sich nicht mehr für ihre Geschichte schämen muss, weil "die Juden" selber ja auch nicht besser sind.

1. Frühe Geschichte

Um die heutigen Verhältnisse zu verstehen, muss man zunächst einen Ausflug in die frühe Geschichte unternehmen.
Das Königreich Israel wurde 63 v. Chr. von den Römern erobert. Diese Besetzung sollte bis zur Eroberung durch die Araber 700 Jahre dauern. Die Okkupation mündete 66 n. Chr. in dem großen Aufstand gegen Rom. Vier Jahre später konnten die Römer Jerusalem zurückerobern und zerstörten dabei den Tempel, womit das jüdische Zentralheiligtum nach fast 600 Jahren wieder verschwunden war.
Aber auch die vielen Gefallenen, die Zerstörung des religiösen Zentrums in Jerusalem und die Versklavung großer Teile der Bevölkerung bedeutete nicht, daß danach keine oder nur noch verschwindend wenige Juden in Israel lebten. Bereits 57 Jahre später kam es zu einem erneuten Aufstand, der zwar weniger beachtet wird, aber ungleich erfolgreicher war als der erste. Die Juden traten nun unter der Führung des als Maschiach angesehenen Schimon Bar Kochbah auf.
Um die Wichtigkeit des Titels Maschiach, der auch im heutigen Konflikt eine Rolle spielt, zu verstehen, muß man den Begriff kurz untersuchen. Der von den biblischen Propheten angekündigte Maschiach, was Gesalbter bedeutet, hat nichts mit der davon abgeleiteten christlichen Figur des Messias zu tun. Da es nur einen Gott gibt, kann der Maschiach nicht, wie im Christentum, göttlichen Ursprungs sein. Der Maschiach ist ein von Gott geleiteter Mensch, der ein direkter Nachkomme der davidianischen Dynastie sein muß. Er hat verschiedene Aufgaben zu vollbringen, ohne die er nicht der Maschiach sein kann: Er muß alle Juden nach Israel zurückführen, er muß jedem Juden seinen Stamm zuweisen, und er muß ein Königreich unter seiner Führung in Israel errichten. Seit dem Mittelalter herrscht auch die Lehre vor, daß nur der Maschiach den Tempel in Jerusalem wiedererrichten dürfe. Als Bar Kochbah 132 n. Chr. die Römer vertrieben hatte und sich "Fürst in Israel" nannte, schien diese Zeit endgültig gekommen zu sein. Da jedoch in anderen Teilen des Reiches Ruhe herrschte, konnte Rom bis 136 n. Chr. den Aufstand völlig niederschlagen. Die Katastrophe dieses Krieges war größer als das, was 60 Jahre zuvor geschehen war. Jerusalem wurde als römische Stadt Ælia Capitolina wiederaufgebaut, und Juden war der Zutritt verboten. Dies war aber nicht die einzige Strafe der Römer für Israel: Sie benannten das ganze Land nach den größten Feinden in Israels Geschichte, dem Seevolk der Philister. So entstand 136 n. Chr. der Name Palästina. Von diesem Moment an kann man von Palästinensern sprechen, die zu diesem Zeitpunkt jedoch mehrheitlich immer noch Juden oder Judenchristen waren.(Historischer Begriff: vom Judentum zum Christentum konvertierte Personen, im Gegensatz zu "Heidenchristen", Anm. d. Red.) Die Zahl der Flüchtlinge und Verschleppten war selbstverständlich enorm. Die jüdische Diaspora, also die Juden außerhalb des heiligen Landes, überrundete die palästinensischen Juden an Zahl und Einfluß. Ein tödlicher Stoß wurde den Juden in Palästina im Jahre 323 n. Chr. versetzt, als das Christentum Staatsreligion des römischen Reiches wurde und die antijüdische Gesetzgebung sich in der Folge verschärfte.
Aber auch nach 323 n. Chr. lebten Juden in Palästina. Als das Persische Reich im Jahre 614 Palästina eroberte, kämpften auch jüdische Einheiten gegen die Römer. Als Dank für die Unterstützung gewährte der persische Kaiser den Juden die Hoheit über Jerusalem. Unter einem, wieder als Maschiach angesehenen Anführer, regierten 614 n. Chr. also wieder Juden die Stadt. Nur drei Jahre später kam es jedoch zu einer Annäherung zwischen der persischen Regierung und den christlichen Palästinensern. Die jüdische Herrschaft über Jerusalem wurde beendet und ihr Anführer ermordet. Damit endete die jüdische politische und militärische Aktivität in Palästina (bis 1907). Die jüdische Bevölkerung in Israel war seit 70 n. Chr. enorm geschrumpft und 629 n. Chr. übernahmen wieder die verhassten Römer die Macht und rächten sich für die jüdische Unterstützung der Perser.
Die Eroberung Palästinas durch die Araber 634 n. Chr. wurde von den Juden daher freudig begrüßt - nach 700 Jahren war die römische bzw. oströmische Herrschaft damit endgültig beendet.

2. Diaspora und Alijah - Entstehung des Zionismus

Die Sehnsucht der Juden nach Wiederherstellung ihres Staatswesens fand jedoch nicht nur in Israel Ausdruck. Auch in der Diaspora gab es erfolgreiche Bestrebungen. In Mesopotamien kam es Ende des 5. Jahrhunderts zu einem Aufstand der Juden unter ihrem religiösen Oberhaupt Mar Sutra Ben Huna, der am Tigris das kleine Königreich Mahosa gründete. Im frühen 6. Jahrhundert existierte am Roten Meer, zwischen Mekka und dem Jemen, das jüdische Königreich Himjar, welches nach kurzer Existenz von den christlichen Äthiopiern zerstört wurde. Das erfolgreichste Staatsgebilde der Diaspora war jedoch das Chasarenreich. Die Chasaren waren ein Turkvolk, welches sich im Raum zwischen Ural und Krim festsetzte. Um 700 n. Chr. trat einer ihrer Könige zum Judentum über und mit ihm ein großer Teil der Bevölkerung. 300 Jahre später wurde das Reich durch eine russisch-byzantinische Invasion vernichtet.
Trotz dieser Versuche blieb die Sehnsucht der Exiljuden immer das Land Israel. Der Zionismus ist die älteste noch existierende politische Strömung der Weltgeschichte. Er existiert in der einen oder anderen Form seit etwa 2500 Jahren. Etwa 20 Jahre nach der Zerstörung des ersten Tempels von Jerusalem 586 v. Chr. und der Zwangsumsiedlung großer Teile der israelischen Bevölkerung ins babylonische Exil kam es zur Rückkehr der meisten Verschleppten und der Wiedererrichtung des Tempels. Aus der Diaspora nach Israel gab es in jedem geschichtlichen Abschnitt des Judentums seit dieser Zeit Alijah. Dieser Begriff bedeutet Aufstieg und bezeichnet im jüdischen Gottesdienst den Aufstieg zum Bima, dem Lesepult der Synagoge, um aus der Torah vorzulesen. Doch ein Jude steigt auch auf, wenn er ins heilige Land zieht.
Erst mit dem Sieg des Christentums in Rom stoppte kurze Zeit die Einwanderung, da die Juden Palästinas nun zunehmend Repressalien ausgesetzt waren. Mit dem arabischen Sieg zog die Alijah wieder an. Der Sieg der Kreuzfahrer 1099 und das Massaker an den arabischen und jüdischen Bewohnern Jerusalems brachte sie dann zunächst völlig zum Erliegen. Ende des 12. Jahrhunderts umfasste die jüdische Bevölkerung in Palästina 5000 Menschen. Nachdem der Kalif Saladin 1190 die Kreuzfahrer aus Jerusalem vertrieben hatte, forderte er die Juden der Diaspora auf, ins heilige Land zurückzukehren und dort zu siedeln. Dies hatte auch Auswirkungen auf verfolgte jüdische Gemeinden in Europa. Die berühmteste Alijah dieser Zeit ist die von 300 französischen und englischen Rabbinern, die 1211 das Land erreichten. Im 15. Jahrhundert war die Alijah bereits sehr stark. Juden kamen aus dem Jemen, Persien, Indien, Nordafrika u.s.w. 1495 war z.B. das jüdische Viertel Jerusalems so übervölkert, daß kein Wohnraum für die Neuankömmlinge mehr vorhanden war.
Die arabische Herrschaft endete 1517 mit der Eroberung Palästinas durch die Türken. Das Osmanische Reich sollte nun für genau 400 Jahre das Sagen haben. Im Zuge dieses Machtwechsels gab es einen enormen Zuwanderungsschub. In dieser Zeit verzeichnete z.B. das galiläische Safed einen Zuwachs von 5000 Personen in knapp 20 Jahren. Auch im 17. und 18. Jahrhundert gingen die Alijot gingen ungebremst weiter, so daß die Zahl der Juden Jerusalems 1741 die Grenze von 10.000 überschritt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert sind die Einwanderungswellen osteuropäischer Chassidim und Mitnagedim zu erwähnen (diese Begriffe erläutere ich im Parteienvortrag), die mit Gruppen von jeweils mehreren hundert Leuten in Palästina ankamen. Eine Volkszählung der türkischen Regierung ergab 1844 eine jüdische Bevölkerungsmehrheit in Jerusalem.

Man kann also feststellen, daß die Juden nicht nach 2000 Jahren Abwesenheit nach Israel zurückkehrten - sie waren immer dort, mal viele, mal wenige, mal sehr wenige, doch immer vorhanden. Spätestens mit der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert erkennt man wieder eine starke jüdische Präsenz in Palästina. Auch wird deutlich, daß der Zionismus keine Erfindung des 19. Jahrhunderts war, sondern seit Jahrtausenden in der jüdischen Seele verwurzelt ist.
Aber auch der organisierte Zionismus begann lange vorher. Eine Heimstatt für das jüdische Volk wurde v.a. in Amerika gesucht. Um 1730 dachte Hermann Moritz von Sachsen über einen jüdischen Staat in Südamerika nach, in dem er selbst König sein wollte. 1819 wurde eine jüdische Kolonie am oberen Mississippi vorgeschlagen. 1825 rief ein Visionär den "Jüdischen Staat Ararat" auf einer Insel bei den Niagara-Fällen aus. Weitere Vorschläge des 19. Jahrhunderts waren Argentinien, Surinam, Saskatchewan u.v.m. Der letzte dieser Versuche scheiterte mit dem jüdischen autonomen Gebiet Birobidschan in der Sowjetunion.
Die Sehnsucht der Juden nach ihrer alten Heimat wurde jedoch unterschätzt. Gleichzeitig entstand eine, zunächst rein religiöse zionistische Ideologie, die im Gegensatz zur allgemeinen orthodoxen Interpretation die kollektive Rückkehr der Juden nach Israel zur Voraussetzung für das Auftreten des Maschiach erklärte. Prominenteste Vertreter dieser frühen Form waren die Rabbiner Kalischer und Moliver. 1870 kam es zu einem entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Erwachen des jüdischen Volkes in Palästina. In diesem Jahr wurde bei Jaffa die "Mikveh Jisraël", die erste jüdische Landwirtschaftsschule gegründet.
1882 begann schließlich eine osteuropäische Alijah, die heute als die erste des modernen Zionismus angesehen wird. Sie dauerte bis 1904 und brachte 25.000 Juden nach Palästina. Auslöser dieser Welle waren die 1881 in Rußland begonnenen Pogrome. Die Gründung von Siedlungen durch diese Einwanderer stieß sofort auf den Widerstand der türkischen Behörden, dennoch entstanden so 20 landwirtschaftliche Siedlungen. Die Anfänge in Palästina waren sehr hart und entbehrungsreich, und viele verließen das Land wieder, hauptsächlich in Richtung USA. Die Olim, wie man die Einwanderer nennt, waren bis zum Jahre 1901 auf die Unterstützung von Gönnern, wie dem britischen Baron Rothschild, angewiesen.

3. Der moderne Zionismus und der organisierte Antisemitismus bis 1914

Das Jahr 1895 markiert die Geburt des modernen Zionismus. Der österreichische Journalist Theodor Herzl (Bild), ein durch und durch assimilierter Jude, gelangte, nachdem er der Degradierung von Alfred Dreyfus beigewohnt hatte, zu der Meinung, daß auch extremste Anpassung nicht vor Vorurteilen und Haß schütze. Seine Thesen veröffentlichte er 1896 in dem Buch "Der Judenstaat". Für Herzl war Palästina ein mögliches, aber nicht zwingendes Ziel. Herzls Zionismus war im Gegensatz zu dem von Kalischer und Co. ein weltlicher, der die Bindung der Juden an das Land Israel aber nicht verwarf und auch die Entwicklung seit 1882 nicht ignorierte.
In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte der organisierte Antisemitismus begonnen, v.a. in Deutschland, wo antisemitische Parteien in den Reichstag gewählt wurden. An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zum Begriff Antisemitismus:
Nach der Bibel hatte Noah drei Söhne: Sem, Ham und Japhet. Sem wurde Stammvater der Semiten, das sind Juden und Araber, Ham wurde Stammvater der Hamiten, das sind z.B. die Äthiopier, und Japhet wurde Stammvater der Japhetiden, das sind die Völker Kleinasiens. Der Begriff Antisemitismus ist also irreführend, da sich der Hass der Antisemiten nur auf die Juden, nicht aber auf deren Brudervolk, die Araber richtet. Das Wort Antisemitismus ist eine Erfindung des Judenhassers Wilhelm Marr (Gründer der "Antisemitenliga"), der seinem Hass einen wissenschaftlichen Anstrich geben wollte.
Der erste zionistische Kongress fand 1897 in Basel statt und forderte die Errichtung eines jüdischen Staates. Die Frage, wo dieser Staat gegründet werden sollte, sorgte bis 1905 für Auseinandersetzungen. Viele Zionisten, unter ihnen Herzl, wollten ein Angebot der Briten annehmen und eine jüdische Besiedlung von Gebieten in Uganda fördern (das Territorium lag eigentlich in Kenya). Die Befürworter eines Staates in Palästina siegten jedoch endgültig auf dem Kongress von 1905. Im Jahre 1903 hatte die 2. Alijah begonnen, die bis 1919 40.000 Juden nach Palästina brachte, und die nun vom neugegründeten Jüdischen Nationalfonds finanziell unterstützt wurde. Wieder kamen die Olim hauptsächlich aus Rußland, wo es nach den Pogromen von Kischinev und Gomel in den jüdischen Zentren gärte. Nach der russischen Revolution von 1905 verstärkte sich der Strom.
Seit 1900 kam es häufiger zu Gefechten zwischen jüdischen Bauern und Arabern, in der ersten Zeit vor allem mit Beduinen. 1907 wurde schließlich erstmals eine jüdische Schutzorganisation ins Leben gerufen, die "Bar Giorah", benannt nach einem der Verteidiger Jerusalems 70 n. Chr. Wahlspruch der Gruppe war "In Blut und Feuer ist Juda untergegangen, in Blut und Feuer wird Juda auferstehen". Aus der Gruppe Bar Giorah bildet sich 1909 die Organisation "haSchomer" (d.h. "der Wächter") heraus. Nach der Gründung des ersten Kibbuz stellte der Schomer erstmals bewaffnete Wachen zum Schutz einer Siedlung auf. Gleichzeitig begann sich eine arabische Nationalbewegung zu entwickeln, die nach der Jungtürken-Revolution von 1908 versuchte, über die neue türkische Regierung den Zionismus zu bekämpfen.
Bevor ich zum einschneidenden 1. Weltkrieg komme, möchte ich nun auf das Verhältnis der religiösen Juden zum Zionismus eingehen. In den deutschen Medien ist das Wort "orthodox" mittlerweile zum Synonym für Rechtsradikalismus und Friedensfeindschaft geworden, ohne daß die Journalisten sich mit der Geschichte des orthodoxen Judentums und den extremen Widersprüchen darin auseinandersetzen wollen. Zunächst gibt es keine größeren Antizionisten als die Charedim, die orthodoxen Juden. Der Zionismus läuft der Auffassung zuwider, daß nur der Maschiach das Volk Israel aus dem Exil zurückführen darf. Eine, noch dazu von nichtreligiösen Menschen organisierte, Rückkehr nach Israel ist demnach Teufelswerk. Auch die zionistischen Orthodoxen um Kalischer konnten zunächst kein echtes Gegengewicht zu diesem Dogma begründen.
Die Antizionisten formierten sich erst 1912 zu einer unabhängigen Organisation, der in Kattowitz gegründeten "Agudat Jisraël" (d.h. Vereinigung Israels). Sie strebte eine Vereinigung aller orthodoxen Gruppen der Welt gegen den Zionismus an. Die 1925 gegründete Arbeitersektion dieser Bewegung beteiligte sich aber seit den 40er Jahren verstärkt am Siedlungswerk in Palästina und befürwortete eine engere Zusammenarbeit mit dem Zionismus. Die Nazizeit führte zu einer Abschwächung des Antizionismus der Agudat, was 1935 zur Abspaltung der radikalen Antizionisten, der "Neturej Karta" (d. h. Wächter der Stadt) führte, deren Mitglieder bis heute, obwohl sie in Israel leben, die Zerstörung Israels fordern. Diese kleine Gruppe entsandte sogar in den 80er Jahren eine Delegation in den Iran um dort ihre Unterstützung für eine Vernichtung des jüdischen Staates zu bekunden. Ein Führer der Neturej Karta, Rabbiner Moscheh Hirsch, ist Minister für jüdische Angelegenheiten im Kabinett von Jassir Arafat und fordert, den jüdischen Staat zu liquidieren. Agudat und seine Arbeitersektion dagegen waren unter dem Eindruck des Holocausts zur Zusammenarbeit mit den Zionisten bereit.
Schon früh weichte die orthodoxe Front gegen den Zionismus auf. 1902 wurde in Wilna das "Merkas Ruchani" (d.h. "Geistiges Zentrum") gegründet: eine Organisation, die sich zum Ziel setzte, antizionistische Tendenzen in der Orthodoxie und gleichzeitig antireligiöse Tendenzen im Zionismus zu bekämpfen - nach dem Motto, wenn schon ein jüdischer Staat, dann einer, der auf jüdischen Traditionen aufbaut. Deshalb war es für MisRachi vor allem wichtig, die religiöse Infrastruktur in Palästina auszubauen. Die separate Arbeiterbewegung des MisRachi und die Jugendorganisation "Bnej Akivah" waren aber auch maßgeblich an der Gründung von Kibbuzim beteiligt. Die MisRachi existiert seit 1956 nach der Vereinigung mit ihrer Arbeitersektion als Nationalreligiöse Partei MifDal weiter.
Eine neue Form der Orthodoxie entstand in den siebziger Jahren. Während die Agudat und spätere Organisationen, wie etwa die heute sehr starke "SchaS"-Partei, aufgrund ihres Antizionismus zu Gebietszugeständnissen an die Palästinenser bereit sind und waren, entwickelte sich eine neue Form, die den jüdischen Staat als Faktum anerkannte und aus der erfolgreichen Staatsgründung und dem Sieg im 6-Tage-Krieg eine göttliche Mission zur Besiedlung ableitete. Diese Gruppen, die ich als Neo-Orthodoxe bezeichnen möchte, greifen heute auf die Lehren von Kalischer, Moliver und Co. zurück und bilden einen Großteil der jüdischen Bewohner des Westjordanlandes und Gazas. Eine erste Organisation bildete sich nach 1973 im Gusch Emunim (d.h. "Block der Getreuen") als Abspaltung von der MisRachi. Im Zuge dieser Entwicklung bildeten sich auch extremste palästinenserfeindliche Minigruppen heraus, wie etwa die 1988 verbotene "Kach"-Partei und deren Ableger "Kahane Chai" (mehr dazu im Parteienüberblick). Trotz neo-orthodoxer Versuche, den modernen Zionismus und den Staat Israel religiös zu interpretieren, war und ist der Zionismus eine weltliche Ideologie, und der Staat Israel ist ein laizistischer Staat.
Selbstverständlich gab es auch Widerstand nichtreligiöser Juden gegen den Zionismus. Der in Rußland agierende Allgemeine Jüdische Arbeiterbund z.B. vertrat die Meinung, daß die Heimat der Juden dort sei, wo sie gerade leben. Dort solle man für Gleichberechtigung kämpfen. Bis zum II. Weltkrieg waren zionistische Thesen in Europa sehr wenig vertreten.

4. Das jüdisch-arabische Verhältnis seit dem I. Weltkrieg

Der I. Weltkrieg brachte Umwälzungen in Palästina. Die langjährigen Versuche Deutschlands, die Türkei aus ihrer traditionellen Verbundenheit mit Großbritannien herauszulösen, wie etwa der Besuch von Kaiser Wilhelm 1898 in Jerusalem, wo er sich der Bevölkerung als Hadschi Mohammed Guilliamo vorstellte, hatten Erfolg. Zunächst verwies am sogenannten schwarzen Donnerstag 1914 die Regierung alle nichttürkischen Staatsbürger des Landes. Dies bedeutete das Exil für führende Köpfe des Jischuv (so nannte sich die jüdische Bevölkerung Palästinas). Gleichzeitig sahen die Juden eine Auflösung des Osmanischen Reiches als positiv an und engagierten sich bald für Großbritannien. Der Ruf nach einem jüdischen Militärbeitrag zum Kampf gegen die Türkei wurde lauter und schließlich von zwei Einwanderern verwirklicht. Einen dieser beiden werden wir später näher betrachten müssen.
Nachdem die Front jahrelang stabil geblieben war, konnte das Osmanische Reich schließlich dem Ansturm der Entente und ihrer arabischen Verbündeten nicht mehr standhalten. Palästina wurde überrollt und von den Briten besetzt. Nun war endgültig auch ein arabisches Nationalbewusstsein erwacht. Arabische Führer wie Emir Faisal, unterstützt durch den berühmt-berüchtigten Lawrence von Arabien, wollten nach dem Todesstoß für die Türkei die bisher in Stämme zerteilten Araber einen und zu einem Nationalstaat zusammenführen. Den Europäern lag natürlich nichts ferner, als dies zu erlauben. Ein starker arabischer Staat wäre ihren Interessen zuwidergelaufen. Verbündete fanden die Araber jedoch in den Juden. 1919 kam es zu dem historischen Treffen von Akaba zwischen Faisal und dem späteren israelischen Präsidenten Chajim Weizmann (Bild). Man einigte sich in herzlicher Atmosphäre über eine Zusammenarbeit der jüdischen und arabischen Nationalbewegungen. Emir Faisal sagte zwei Monate nach diesem Treffen:
"Wir Araber, speziell die Gebildeten unter uns, verfolgen die zionistische Bewegung mit tiefster Sympathie ... Wir werden den Juden ein herzliches Willkommen entbieten ... wir arbeiten zusammen für einen reformierten und erneuerten Nahen Osten, und unsere beiden Bewegungen ergänzen sich gegenseitig. Die Bewegung ist national und nicht imperialistisch. Es ist genug Platz ... für uns beide. Tatsächlich glaube ich, daß keiner ohne den anderen Erfolg haben kann."
Faisal akzeptierte die Balfour-Erklärung, die ich gleich erläutern werde, Weizmann versprach jüdische Hilfe beim Aufbau eines arabischen Staates. Diese Übereinkunft war für die nächsten 60 Jahre die letzte positive und v.a. realistische Herangehensweise der Araber an den Konflikt. Die Balfour-Erklärung war das Dokument, das bis 1949 die Gemüter erhitzen sollte. Ende 1917 hatte der britische Außenminister Balfour in einem Brief an Baron Rothschild die Unterstützung der Regierung für eine "jüdische Heimstatt in Palästina" erklärt. Die Briten verfolgten damit ganz konkrete Ziele: Zum einen brauchten sie die Unterstützung der amerikanischen Juden im Hinblick auf ein stärkeres Engagement der USA im Krieg, und zum anderen wollten sie die palästinensischen Juden für ein späteres britisches Protektorat gewinnen. Die Erklärung und die Haltung der britischen Regierung dazu sollten in den nächsten 30 Jahren für Turbulenzen sorgen.
Die in Akaba beschlossene jüdisch-arabische Zusammenarbeit wurde leider nie konkret. Die Siegermächte, ausgestattet mit Völkerbundmandaten, errichteten Protektorate: die Briten in Palästina und im Irak, die Franzosen in Syrien und im Libanon. Nachdem die Briten Faisal 1920 aus Damaskus ausgewiesen und ihn 1921 mit dem Titel König des Irak abgespeist hatten, wollten sie auch seinen Bruder, Emir Abdallah, ruhigstellen, und machten ihn zum König des Kunststaates Transjordanien. Damit kommen wir zu der Frage nach den Grenzen Palästinas. Dass Ariël Scharon letztes Jahr die Palästinenser aufforderte, ihren Staat doch in Jordanien zu errichten, war natürlich unrealistisch und provozierend - es zeugt aber nicht von geschichtlicher Unbildung.
Die Grenzen des heiligen Landes waren nie festgelegt. Das alte Israel erstreckte sich über den Südlibanon, den Golan und Jordanien bis etwa zur heutigen Hedschas-Bahn. Römer, Perser, Araber, Kreuzfahrer und Türken teilten Israel bzw. Palästina auf, wie sie gerade lustig waren. Wenn wir über das Palästina sprechen wollen, das 1918 den Türken entrissen wurde, so sollten wir dies auch tun:
1921 wurde dieser Teil Palästinas als Transjordanien abgetrennt, 1923 der Golan an die Franzosen abgetreten. So wird verständlich, warum noch heute z.B. die Volksfront zur Befreiung Palästinas in ihrem Emblem Jordanien zu Palästina zählt, warum bis in die 40er Jahre jüdische Untergrundgruppen für ein Israel beiderseits des Jordan eintraten. Mit der Abtrennung Jordaniens hörte die jüdische Landerschließung östlich des Jordan auf.
Im britischen Mandat Rest-Palästina blieb es nicht lange ruhig. 1920 kam es, aufgrund der verstärkten jüdischen Einwanderung, erstmals zu arabischen Unruhen, und zwar in Jerusalem, wo versucht wurde, das jüdische Viertel zu stürmen. Die Aufstände wurden im nächsten Jahr nur noch schlimmer. Angriffe auf jüdische Dörfer konnten nur mit Hilfe des britischen Militärs abgewehrt werden. Die Briten griffen hart durch, verhafteten arabische Anführer und erlegten an Angriffen beteiligten arabischen Dörfern Strafen auf. Nun sollte es für sieben Jahre relativ ruhig bleiben. 1919 hatte die 3. Alijah begonnen, die in vier Jahren 35.000 Juden nach Palästina brachte. Die neue Dimension der arabischen Bedrohung führte 1920 zur Auflösung des Schomer und der Gründung einer effektiveren Verteidigungsorganisation, der "Haganah" (d.h. "Verteidigung"). Diese war eine Gründung der Arbeiterparteien und unterstand später der mächtigen Gewerkschaft Histadrut. Hauptfigur der frühen Haganah war ein Mann, den wir genauer betrachten müssen, da es sich um eine außerhalb des Judentums weitgehend unbekannte, und auch in Israel selbst stiefmütterlich behandelte Person handelt, die jedoch für die weitere Entwicklung des Zionismus und der israelischen Parteienlandschaft enorm wichtig ist.

5. Vladimir Evonovitsch Jabotinskij und die Spaltung der zionistischen Bewegung

Vladimir Evonovitsch Jabotinskij wurde 1880 in Odessa geboren. Er war Journalist und Schriftsteller. Nachdem er 1903 zu den Organisatoren einer jüdischen Selbstverteidigungsgruppe gegen das in Odessa stattfindende Pogrom gehörte, führte ihn sein Weg bald nach Westeuropa. Maxim Gorkij sagte über die Ausreise des von ihm geschätzten Schriftstellers, daß die Zionisten Jabotinskij aus Rußland gestohlen hätten. Auf seiner Reise nach Westeuropa wurde er des Elends in anderen Ghettos gewahr und wandelte sich zum Zionisten. Er ging nach Palästina und warb für eine jüdische Legion innerhalb der britischen Armee im I. Weltkrieg. Schließlich wurden drei jüdische Brigaden gegründet, die an der Befreiung Palästinas von den Türken Anteil hatten. Jabotinskij wurde ab 1920 zum Organisator der Haganah. Da er Befehlshaber der Verteidiger des jüdischen Viertels während der Unruhen von 1920 gewesen war, wurde er kurz darauf von den Briten verhaftet und erst nach heftigen jüdischen Protesten wieder freigelassen.
1923 kam es zur Spaltung der zionistischen Bewegung, an der Jabotinskij maßgeblich beteiligt war. Die Briten wollten bald nach der Errichtung des Protektorats in Palästina von der Balfour-Erklärung nichts mehr wissen. Jabotinskij wollte sich mit der versöhnlichen Haltung der Zionisten gegenüber der britischen Politik, v.a. der Abtrennung Transjordaniens, nicht abfinden und trat aus dem Vorstand aus. Im selben Jahr rief er in Wilna den "BeTar" (d.h. Trumpeldorbund) ins Leben, benannt nach seinem Freund Josef Trumpeldor, der bei einem Gefecht mit Beduinen gefallen war. Der BeTar bildete die Keimzelle der revisionistischen Bewegung im Zionismus, die sich 1925 unter Jabotinskijs Führung innerhalb der Zionistischen Weltorganisation bildete. Zehn Jahre später trennten sich die Revisionisten endgültig in der NZO ab. Für Jabotinskij war es wichtig, zum Herzlschen Ideal zurückzukehren, das er durch Weizmann u.a. nicht mehr vertreten sah. Auch stand er dem sozialistischen Touch der Einwanderung und der Übermacht der Arbeiterparteien in Palästina kritisch gegenüber. Für ihn konnte es für die jüdische Jugend nur ein Ideal geben - den Zionismus. Alle anderen Ideologien sollten keine Rolle spielen. Auch war Jabotinskij Vordenker der bürgerlichen Opposition. Er sah das Pionierideal der Kibbuzbewegung positiv, wollte jedoch nicht aus jedem Einwanderer einen Bauernpionier machen. Er trat für die Förderung einer bürgerlichen Einwanderung, der Bildung eines jüdischen Mittelstandes in Palästina ein.
Die Spaltung der Bewegung wirkt bis in die heutige israelische Parteienlandschaft nach, aber auch der Warschauer Ghettoaufstand 1943 wurde von der "Jüdischen Kampforganisation" (ZOB), die die linken und allgemeinen Zionisten sowie die Bundisten umfasste und dem "Jüdischen Militärverband" (ZZW), der von Revisionisten gegründet wurde, geleitet.
Trotz einer Wirtschaftskrise begann 1924 die 4. Alijah, die bis 1931 80.000 Juden nach Palästina brachte, unter denen diesmal auch viele Kaufleute und Handwerker waren, was zu einem Aufschwung der Städte und einer Stärkung des bürgerlichen Lagers führte.
Nach sieben Jahren relativer Ruhe brachen 1929 erneut arabische Unruhen aus. Ziel war wieder das jüdische Viertel von Jerusalem. Aber auch in Hebron z.B. starben etwa 60 Juden, unter ihnen auch alteingesessene Menschen, die gar keine Zionisten waren. Im Gegensatz zu früheren Ausschreitungen breitete sich der Aufstand nun über das ganze Land aus. Im Zuge des Aufruhrs kam eine britische Untersuchungskommission zu dem Schluss, man müsse sich endgültig von der Balfour-Erklärung verabschieden und die jüdische Einwanderung stoppen. Die Briten versuchten daher in den 30ern, die Alijah aufzuhalten, indem sie Obergrenzen von ein paar tausend Einwanderern pro Jahr beschlossen. Nach den Unruhen von 1929 kam es auch erstmals zu organisiertem arabischem Widerstand. Zu nennen ist die sogenannte "Bande der schwarzen Hand", eine Untergrundgruppe von Scheich al Kassem, die Mordanschläge auf Briten und Juden verübte. Delegationen der Araber versuchten nun auch in London, Einfluß auf die jüdische Einwanderung zu bekommen. 1931 formulierte die internationale Islamkonferenz in Jerusalem die Forderung, Palästina von den Zionisten zu befreien. Scharmützel, Schlägereien und Gefechte zwischen Arabern und Juden waren in den 30er Jahren schließlich an der Tagesordnung. Nachdem 1923 ein Vorschlag der Briten, die Araber sollten doch als Gegengewicht zur geplanten Jewish Agency eine Arab Agency gründen, von diesen abgelehnt wurde, kam es nach den Unruhen von 1929 häufiger zu Konferenzen der palästinensischen Araber. Als Führungsfigur stach der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al Hussejni, heraus.
Auf jüdischer Seite spaltete sich in den 30er Jahren die Haganah. Anhänger Jabotinskijs und der Revisionisten bildeten die "EZel" (d.h. Irgun Zvai leUmi - Nationale Militärorganisation), die einen stärkeren militärischen Druck auf die Kolonialmacht ausübte. Nach Beginn des II. Weltkrieges war jedoch auch die EZel zu einem vorübergehenden Frieden mit den Briten bereit, um gegen den gemeinsamen deutschen Feind vorzugehen. Die radikaleren Elemente in der EZel spalteten sich daraufhin in der "LeChi" (d.h. Lochamej Cherut Jisraël - Kämpfer für die Freiheit Israels) ab. Sie forderten einen Kampf gegen Deutsche und Briten gleichermaßen. Zur LeChi gehörte u.a. der spätere Ministerpräsident Jizchak Schamir, während EZel nach Jabotinskijs Tod von Menachem Begin geführt wurde.
Die illegale Einwanderung von Juden nach Palästina ging bis 1948 ungemindert weiter. Angesichts der in Europa von den Nazis begonnenen Judenverfolgung und der folgenden Endlösung waren die von den Briten gesetzten Obergrenzen ein schlechter Scherz.
1936 brach wieder ein arabischer Aufstand aus, der zur Ursache hatte, das die palästinensischen Araber den ungehinderten jüdischen Zuzug als Bedrohung auffassten und verhindern wollten, daß sich in Zukunft eine jüdische Bevölkerungsmehrheit bildete. Die deutsch-italienische Propaganda, die alle Araber zum Aufstand gegen das britische Reich aufrief, die allgemeine Schwäche der britisch-französischen Kolonialmächte nach dem italienischen Erfolg in Äthiopien und der syrische Generalstreik gegen die Franzosen taten ihr übriges. Der Aufstand, der drei Jahre dauern sollte, begann am 19. April 1936 mit der Ermordung von neun Juden in Jaffa. Auch Briten wurden von den Arabern angegriffen, dies blieb jedoch die Ausnahme. Der Aufstand, an dem auch Militärs der arabischen Staaten teilnahmen, führte dazu, daß die Briten den palästinensischen Juden erlaubten, sich militärisch zu wehren, und die Blockade der jüdischen Lebensmittelversorgung durch die Araber führte dazu, daß die Juden alternative Versorgungswege fanden. Der Aufstand trug insgesamt also zu einer massiven Stärkung der jüdischen militärischen und ökonomischen Strukturen bei. Unmittelbar nach Beginn der Unruhen bildeten die Araber erstmals eine nationale Organisation, das Arabische Hohe Komitee unter Mufti al Hussejni.
Wegen der Unruhen wurde es schwieriger, neue jüdische Ortschaften zu gründen. Das Prinzip "Turm und Mauer" wurde dem entgegengesetzt. Eine größere Gruppe von Juden versammelte sich an einem bestimmten Ort, um mit genügend vorgefertigtem Material zu einem Stück Brachland zu ziehen und dort in Windeseile eine Festung zu errichten, aus der dann eine landwirtschaftliche Siedlung wachsen sollte.
Von den 30er Jahren bis 1947 wurden immer wieder neue Pläne ausgearbeitet, Palästina zwischen Juden und Arabern aufzuteilen. Während die palästinensischen Juden nur die frühen Pläne ablehnten, in denen ihr Gebiet sehr klein war, und später eine Teilung befürworteten, waren die palästinensischen Araber von Anfang an gegen eine Zwei-Staaten-Lösung.

6. Ohne Auschwitz kein Israel - der Holocaust und die Zeit danach

Der II. Weltkrieg brachte eine kurze Beruhigung nach Palästina. Alles bereitete sich auf eine von Ägypten drohende deutsche Invasion vor, die glücklicherweise niemals kam. Das dunkelste Kapitel in der Politik der palästinensischen Araber war dann aber die Flucht von Mufti al Hussejni vor den Briten in den Libanon, von wo aus er Kontakte zu den Nazis herstellte, um sich als Verbündeter im Kampf gegen die Juden anzubieten. Die Haltung der Araber zum Nationalsozialismus war auch später zwiespältig. Während Gamal abd al Nasser und seine panarabische Bewegung öffentlich immer ihre Opposition zu Nazismus und Faschismus bekundeten, sagte er z.B. 1964 in einem Interview mit der Deutschen Nationalzeitung, daß die Sympathien der Araber während des II. Weltkrieges bei den Deutschen lagen, und daß die Lüge von 6.000.000 ermordeten Juden sowieso keiner glaube. In Trainingscamps palästinensischer Terroristen gehörte in den 70er Jahren auch "Mein Kampf" zur Grundausbildung.
Mit dem Holocaust, der Ermordung von 6 Millionen Juden, und der Zerstörung der jüdischen Kultur in Europa, waren antizionistische Ideologien im Judentum praktisch verschwunden, die letzten Vorurteile gegen den Zionismus fielen. Die übereinstimmende Meinung war nun, daß nur ein Staat Israel die Wiederkehr einer solchen Katastrophe verhindern könne. Es gibt einen amerikanischen Kriegsfilm von 1966, Tobruk, in dem diese neue Haltung in einem Satz sehr gut dargestellt wird. Ein Mitglied der jüdischen Brigaden in Nordafrika sagt zu einem US-Offizier: "Wir gehen nach Hause, nach Israel. Wenn jemand in Zukunft Streit sucht, weiß er, wo er uns finden kann." Die jüdischen Brigaden waren, wie die des I. Weltkriegs, ein jüdischer Militärbeitrag innerhalb der britischen Armee. Die Brigaden waren v.a. am Kampf gegen die Deutschen in Italien beteiligt.
Die Überlebenden des Holocausts strömten nun zu den europäischen Küsten, um auf jedem auch nur halbwegs seetüchtigen Schiff ins gelobte Land zu gelangen. Die Briten taten alles, um die Einreise der Flüchtlinge zu verhindern, da sie etwaige gewaltsame Reaktionen der palästinensischen Araber verhindern wollten. Viele Schiffe wurden gestoppt und zurückeskortiert, die Insassen auf Zypern, in Frankreich oder gar in Deutschland eingesperrt.
Im Jischuv rissen nach dem Krieg die alten Fronten wieder auf. EZel und LeChi wollten einen jüdischen Staat mit Gewalt erreichen und begannen ihren Untergrundkrieg gegen die britischen Kolonialherren. Der Kampf umfasste bis 1947 Angriffe auf das Eisenbahnnetz, Bombenattentate auf britische Militäreinrichtungen und das britische Hauptquartier im King-David-Hotel, das die Briten trotz einer rechtzeitigen Warnung der EZel nicht räumten. Die Arbeiterparteien lehnten ein gewaltsames Vorgehen eher ab und machten sogar teilweise selbst Jagd auf revisionistische Untergrundkämpfer. Die Briten setzten ihre in den 30er Jahren begonnene Politik des Galgens fort und hängten reihenweise Mitglieder des jüdischen Widerstands. Haganah und Revisionisten arbeiteten aber auch zusammen, wie z.B. bei dem großartigen Einbruch in das Gefängnis von Akko, bei dem 120 jüdische und 131 arabische Gefangene befreit wurden.
1947 kam es zu der bisher gerechtesten, besten und einfachsten Lösung des Nahostkonfliktes. Die Vereinten Nationen verabschiedeten einen Plan, der vorsah, Palästina zwischen Juden und Arabern genau zur Hälfte aufzuteilen. Die Juden stimmten diesem Plan mit einigem Zähneknirschen zu, während die Araber ihn sofort und kategorisch ablehnten. Hätten die Araber diesen Plan damals angenommen, gäbe es heute seit 54 Jahren einen Palästinenserstaat, der Nahostkonflikt wäre ohne Krieg, Flüchtlinge und Terror sofort beendet gewesen. Statt dessen kam es nun zwischen Arabern und Juden zu einem Bürgerkrieg in Palästina. Auf den Verlauf dieses Bürgerkriegs en Detail einzugehen, würde hier zu lange dauern. Viele Falschmeldungen und Propagandaberichte über Greueltaten machen bis heute die Runde, die man alle einzeln untersuchen müsste, um ein klares Bild zu bekommen.

7. Die Gründung des Staates Israel

Am 14. Mai 1948 endete nach 30 Jahren das britische Mandat über Palästina und am gleichen Tag wurde der Staat Israel in den Grenzen des Teilungsplans der UNO gegründet. Der arabische Staat wurde nicht gegründet, statt dessen marschierten sofort ägyptische, jordanische, syrische, irakische und libanesische Truppen in Israel ein, um es wieder zu zerschlagen. Israel, den Invasionstruppen hoffnungslos unterlegen, gelang es mit Zähigkeit und Einfallsreichtum, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden und selbst zur Offensive überzugehen. Nicht zuletzt ist dies dem Einfallsreichtum des neugegründeten Geheimdienstes zu verdanken, der auf abenteuerliche Weise Waffen besorgte.
Der Mossad, was Institut heißt, wurde zunächst als "Mossad leAlijah Bet" (d.h. "Institut für illegale Einwanderung") gegründet und organisierte Fluchtwege für Juden aus Europa. Im Laufe des Krieges eroberte Israel zusätzliche Gebiete. Als 1949 der Waffenstillstand eintrat, setzte Israel seine Grenzen dort, wo der Frontverlauf war. Die Araber hatten ja selbst den Teilungsplan abgelehnt, warum sollte man sich also auf unsichere Grenzen zurückziehen, die sowieso nicht respektiert würden. So entstanden die heutigen Grenzen Israels. Mit dem Staat wurde auch gleichzeitig die Armee gegründet. Ministerpräsident Ben Gurion tat daraufhin etwas sehr wichtiges, was auch Arafat bereits 1994 hätte tun müssen: Die Regierung erklärte, daß sich alle paramilitärischen Organisationen (Haganah, EZel, LeChi) aufzulösen hätten. Sollte dies nicht geschehen, werde Gewalt angewendet, was im Falle von EZel auch kurz der Fall war. Die Mitglieder der Gruppen schlossen sich der Armee an oder bildeten politische Parteien. Ein Rückkehrgesetz wurde beschlossen, welches auf den Kriterien der Nürnberger Rassegesetze beruht. Jeder, der im 3. Reich als Jude unter die Rassegesetze gefallen wäre, hat das Recht, nach Israel einzuwandern. Das Rückkehrgesetz führt seit der 1990 begonnenen Alijah aus Rußland zu Problemen. Die Mehrheit der Einwanderer, die unter die Rassegesetze gefallen wären, sind nämlich keine Juden. Wer z.B. nur einen jüdischen Großvater oder Vater hat, wäre im 3. Reich verfolgt worden, ist aber nach jüdischem Gesetz kein Jude, da nur eine jüdische Mutter das Judentum an das Kind weitergeben kann.
Nach dem Unabhängigkeitskrieg setzte eine Massenalijah ein. Die Überlebenden des Holocaust strömten weiter nach Israel, und auch die Juden z.B. des Irak und des Jemen, die aufgrund des Palästinakonflikts dort nicht mehr sicher waren, wurden in Luftbrücken nach Israel gebracht.
Im Staat Israel, also in den Grenzen von 1949, leben heute zu 82% Juden aus allen Teilen der Welt und zu 18% Araber, Drusen u.a., die die gleichen Rechte und Pflichten haben wie die Juden, teilweise sogar noch mehr Rechte, denn sie dürfen z.B. den Wehrdienst verweigern. Innerhalb der jüdischen Bevölkerung waren die Gegensätze bis in die 70er Jahre sehr groß. Die Benachteiligung von Juden aus Nordafrika und Arabien im öffentlichen Leben war deutlich. Da diese Politik bis 1977 von der regierenden Arbeiterpartei ausging, wurde die oppositionelle Cherut bzw. später der Likud zur Partei der sozial Schwachen sephardischen Juden, während die Arbeiterpartei ihre Wählerschaft in der Intelligenz und den aschkenasischen Juden fand. Als Aschkenasim bezeichnet man die Juden aus Europa, während die aus Spanien, Nordafrika und dem Orient als Sephardim bekannt sind.

8. Krieg über Krieg ab 1949

Der Waffenstillstand von 1949 bedeutete natürlich nicht die Anerkennung der Existenz Israels durch die Araber. Statt daß sich aber sofort eine palästinensische Nationalbewegung organisierte, übernahmen die anderen arabischen Staaten, wie vorher auch, daß Denken für die Palästinenser. Jede arabische Nationalbewegung jener Zeit, wie z.B. die irakische und syrische Ba´at-Bewegung, hatte seit 1952 palästinensische Flügel. Man muß bedenken, daß ein palästinensisches Nationalgefühl der panarabischen Ideologie des ägyptischen Präsidenten Nasser zuwiderlief und deshalb nicht gefördert wurde. Dass die, sich in der zweiten Hälfte der 50er Jahre bildenden, Palästinensergruppen bis 1967 so völlig im Untergrund blieben, war nicht Israel zuzuschreiben, sondern den sie beherbergenden arabischen Regierungen. Israels Grenzen waren selbstverständlich nie sicher und die gefährliche Situation mündete 1956 in einem neuen Krieg. Nachdem im September 1955 Ägypten einen massiven Waffendeal mit der Tschechoslowakei abgeschlossen hatte, war es für Israel klar, daß ein Krieg bevorstand. Eigentlicher Auslöser war jedoch eine Entscheidung des ägyptischen Generalstabs vom April, eine eigene Einheit für Kommandounternehmen in Israel zu bilden, die Fedajin, die der Geheimdienstabteilung der Armee unterstellt waren und später auch von Jordanien aus operierten. Die Situation verschlimmerte sich derart, daß z.B. zwischen Dezember 1955 und März 1956 180 Fedajin-Unternehmungen in Israel durchgeführt wurden, die von der israelischen Armee entsprechend beantwortet wurden. In diesen Zeitungsausschnitten wird die Situation vor dem Krieg deutlich.

Zusätzlich wurde die ägyptische Blockade der lebenswichtigen Straße von Tiran für israelische Schiffe nicht aufgehoben, und im Juli 1956 verstaatlichte Nasser den Suezkanal, um damit zu zeigen, das sein Land endgültig unabhängig war, was die europäischen Großmächte auf den Plan rief. Großbritannien und Frankreich planten sofort eine Intervention am Suezkanal, die "Operation Musketier". Dieses Vorhaben war der entscheidende Punkt der Israel zum Handeln brachte. Im Oktober 1956 wurde der Sinai in der schnellen "Operation Kadesch" durch Israel besetzt, mit dem Ziel, die Straße von Tiran zu öffnen und die Fedajin-Aktionen zu beenden. Kurz darauf begann der britisch-französische Angriff am Suezkanal. Israel musste sich ein Jahr später aus dem Sinai und Gaza zurückziehen, hatte jedoch den Erfolg erzielt, daß nun UN-Truppen die Grenze zu Israel auf ägyptischer Seite schützten, die Fedajin-Attacken waren damit Geschichte. Die israelische Besetzung Gazas hatte aber noch andere Folgen. Nun regte sich erstmals unabhängiger und organisierter palästinensischer Widerstand. In Ägypten begann in dieser Zeit die Geschichte von "al Fatach", der Organisation von Jassir Arafat. Die 1959 erstmals in Erscheinung getretene Fatach war völlig isoliert, da die Palästinenser alle Hoffnung in Nasser setzten. Das Zerbrechen der ägyptischen Union mit Syrien 1961 und der folgende allmähliche Niedergang des Nasserismus, also der Ideologie eines vereinten Arabien unter Ägyptens Führung, änderten dies, und Anfang der sechziger Jahre sprossen viele neue Gruppen aus dem Boden. 1964 wurde auf Initiative der Arabischen Liga die "PLO" gegründet, die Anfangs nur ein Mittel der Araber war, das Problem des ungewollten palästinensischen Nationalgefühls unter Kontrolle zu halten. Die PLO wurde jedoch im Laufe der 60er Jahre zum Sammelbecken der Palästinensergruppen, und umfasste bei ihrem Kongress 1969 zehn Organisationen.
Die Ablehnung des palästinensischen Nationalbewußtseins durch die arabischen Regime hielt diese jedoch nicht davon ab, die Fatach als zusätzliche militärische Formation gegen Israel operieren zu lassen. Dem nächsten Krieg ging eine ähnliche Spannungsentwicklung voraus wie dem 1956er. Die arabischen Grenzverletzungen und die israelischen Antworten gingen nach 1956 weiter, jedoch in kleinerem Maße. Am kritischsten wurde die Situation an der syrischen Grenze, wo es im Winter 1966/67 täglich zu Zwischenfällen kam, an denen syrischen Grenztruppen oder Fatach-Kämpfer beteiligt waren. Die Fatach war auch von Jordanien aus aktiv. Israel war durch diese Fatach-Aktionen nicht übermäßig alarmiert, gleichzeitig war man sich aber klar, daß, falls nichts unternommen würde, diese nur zur Eskalation beitrügen, und wegen der konstanten syrischen Granatenangriffe auf Grenzdörfer lagen auch dort bald die Nerven blank. Die Ereignisse, die zum Ausbruch des 6-Tage-Krieges führten, sind extrem kompliziert und verwirrend, und sie darzulegen würde den Rahmen sprengen. Die Auseinandersetzung bis zum Ausbruch des Krieges war weniger ein arabisch-israelischer als ein innerarabischer Konflikt. Der Nasserismus lag zu dieser Zeit definitiv im Sterben. Die Widersprüche zwischen seiner panarabischen Ideologie und etwa den Regimen in Jordanien und Saudi-Arabien waren gewachsen. Das Verhältnis zwischen Jordanien und Syrien war extrem gespannt, bis sogar kurz vor dem Krieg die diplomatischen Beziehungen durch Jordanien beendet wurden. Der katastrophale Einsatz ägyptischer Truppen im jemenitischen Bürgerkrieg hatte Nasser einen zusätzlichen Prestigeverlust beschert. Nicht vergessen darf man die Flut von Fehlinformationen, die gestreut wurden und den Konflikt hochschaukelten. Die Sowjetunion, die Anfang der 50er Jahre ihre pro- israelische Politik aufgegeben hatte, war damals enger Verbündeter Syriens und veröffentlichte z.B. vor Juni 1967 täglich in der Prawda irgendeine angebliche Verschwörung Israels gegen Syrien.
Der Weg zum Krieg, den die Araber sich vorstellten war dann eine "Bilderbuch-Eskalation": Ende 1966 wurde ein Verteidigungspakt zwischen Ägypten und Syrien geschlossen; im Mai 1967 erzwang Nasser den Abzug der UN-Truppe von der israelischen Grenze, womit auch die Straße von Tiran wieder unter seiner Kontrolle war, deren Verminung er sofort verkündete; Ende Mai drohte Nasser Israel mit Vernichtung in einem totalen Krieg und schloss einen Militärpakt mit Jordanien, woraufhin ein ägyptischer General das Kommando über das jordanische Heer übernahm. Am Tag vor dem Kriegsausbruch trat schließlich der Irak dem Militärpakt bei und irakische Truppen rückten in Jordanien ein.
Israel entschloss sich, einem Angriff zuvorzukommen, und der folgende sechstägige Krieg endete mit einem israelischen Triumph und einer katastrophalen arabischen Niederlage. Israel eroberte den Golan, das Westjordanland, Gaza und Sinai. Der Krieg setzte sich weitere drei Jahre in Abnutzungsgefechten am Suezkanal fort. Mit dem israelischen Sieg war der Nasserismus am Ende und ein neues Kapitel des Konflikts begann: der Terrorismus. Die verschiedenen Gruppen - Fatach, "PFLP", "DFLP", "PDFLP", "PFLP-GC", "PFLP-SC" u.s.w. - starteten nun von Stützpunkten in Jordanien aus ihren eigenen Krieg gegen Israel. Es begann die Zeit der Infiltrationen, der Flugzeugentführungen. Hier auszugsweise die Ereignisse der frühen 70er Jahre.

Die verstärkte Anwesenheit palästinensischer Untergrundgruppen begann Jordanien sofort zu destabilisieren, was schon 1968 zu ersten Gefechten der Terroristen mit jordanischen Truppen führte.

9. Frieden mit Ägypten unter Anvar asSadat und Krieg im Libanon

Nasser starb 1970 an einem Herzanfall. Sein Nachfolger Anvar asSadat setzte sofort andere Akzente. So wurde das Ideal eines vereinten Arabien unter Ägyptens Führung 1971 endgültig verworfen. Sadat wies auch alle sowjetischen Militärberater aus. 1973 folgte schließlich ein kombinierter ägyptisch-syrischer Angriff auf Israel, der Jom-Kippur-Krieg. In einer Blitzaktion gelang es den Ägyptern, den Suezkanal zu überqueren und sich am anderen Ufer festzusetzen, während die Syrer fast den gesamten Golan überschritten. Trotz der arabischen Anfangserfolge konnte Israel erfolgreich zum Gegenangriff übergehen. Der Jom-Kippur-Krieg war ein notwendiger Schritt zum israelisch-ägyptischen Frieden. Sadat konnte nicht aus einer Position der Schwäche heraus, nach der Niederlage von 1967, Israel die Hand reichen. Durch die militärischen Leistungen von 1973, die man der Bevölkerung als Sieg verkaufen konnte, war es ihm jedoch möglich, diesen Schritt zu tun. Schon die Waffenstillstandsverhandlungen verliefen in geradezu freundschaftlicher Atmosphäre. Nach zähen Verhandlungen und reger Diplomatie der USA schlossen Israel und Ägypten dann 1979 Frieden. Bis 1982 wurde der Sinai an Ägypten zurückgegeben.
Doch für Israel war bereits Anfang der 70er Jahre ein neues Problem entstanden. Nachdem die Palästinensergruppen im sogenannten schwarzen September 1971 von König Husseïn aus Jordanien militärisch vertrieben wurden, setzten sie sich im Libanon fest, der prompt vier Jahre später in einem 16-jährigen Bürgerkrieg versank. Hier die Truppenkonzentrationen der Terroristen im Libanon.
Von Basen im Libanon aus wurde nun mit Raketen und Kommandotruppen gegen Galiläa vorgegangen. Ein erster Versuch, diesem Treiben ein Ende zu machen, war 1978 die "Operation Litani", in der die israelische Armee bis zum Litani-Fluß vorrückte und die Kämpfer zurückdrängte. Doch gerade in den Wirren dieses Bürgerkrieges war es unmöglich, langfristige Erfolge zu erzielen. Hier Beobachtungen aus den späten 70er Jahren.

Nachdem die Syrer bereits in den Libanon eingerückt waren, und die Raketenangriffe auf Nordgaliläa nicht abrissen, folgte 1982 die sogenannte "Operation Frieden für Galiläa": die Invasion des Libanon durch israelische Truppen, die bis Beirut vorrückten und die auch mit den Syrern in Konflikt gerieten.

Drei Jahre später zog sich Israel wieder zurück und blieb nur in einer schmalen Sicherheitszone präsent, um Terroristen besser verfolgen zu können. Israel hatte im Libanon einen Erfolg erzielt. Der Süden war von Terroristen weitgehend gesäubert, und auch aus Beirut mussten diese abziehen. Diese Beseitigung der Ursache des Bürgerkrieges war auch ein Schritt auf dem Weg zur Befriedung des Landes fünf Jahre später. Der Libanon-Krieg beschädigte dennoch das Image Israels in den Medien nachhaltig, hauptsächlich wegen des Massakers in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, wo christliche Milizen 1982 ungehindert Palästinenser töten konnten. Eine Alternative zum Krieg gab es aber nicht. Israel konnte nicht zulassen, daß die Bevölkerung im Norden täglich von Raketen getroffen wurde.

10. Die erste Intifada als Beginn eines nie sicheren Friedensprozesses

Kaum war der Libanon-Krieg beendet, begann zwei Jahre später ein überraschender Aufstand der Palästinenser in den besetzten Gebieten, die Intifada. Die Intifada war der wichtigste Schritt auf dem Weg zum Friedensprozess, ein Erwachen der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten.
Bis 10 Jahre nach dem 6-Tage-Krieg lebten noch verhältnismäßig wenige Juden (ca. 4000) im Westjordanland und Gaza. Erst mit dem Wahlsieg von Menachem Begin 1977 zog die Gründung von Siedlungen an, so das es bereits vier Jahre später rund 16.000 waren. Eine eigene Organisation der Siedler, der schon genannte Gusch Emunim, wurde gebildet. Viele nationalistische Parteien entstanden in den 80er Jahren. Sie betrachteten das Westjordanland, Gaza und Golan als Teile Israels, die nicht zurückgegeben werden dürften. Auf die einzelnen Organisationen komme ich im Parteienüberblick zu sprechen. Die Neusiedler haben zum Großteil mit dem Ideal des landwirtschaftlichen Pioniers gebrochen und sind hauptsächlich bürgerliche Pendler. Jedoch gibt es auch neue landwirtschaftliche Siedlungen, die das Ideal aufrechterhalten, das ursprünglich von den Arbeiterparteien begründet wurde, was zu einer Hassliebe der Arbeiterparteien gegenüber den Siedlern führt.
Nach dem gewonnenen Golfkrieg war es Amerikas Ziel, seinen Einfluß im Nahen Osten weiter zu verstärken und eine endgültige Lösung des Konflikts wurde gefordert. Erstes konkretes Ereignis war 1991 die Konferenz von Madrid, die noch in sehr feindseliger Atmosphäre stattfand. Doch im Hintergrund wurde fleißig gearbeitet: Israel erkannte die PLO als Gesprächspartner an, die Palästinenser das Existenzrecht Israels. Eine Zeitlang schien tatsächlich alles hervorragend zu laufen: Ein Autonomieplan wurde ausgearbeitet, israelische Truppen zogen sich aus den ersten Gebieten zurück, ein Friedensvertrag mit Jordanien wurde geschlossen. Einen ersten Eklat gab es jedoch 1994, als Arafat sich im letzten Moment weigerte, das Kairoer Autonomieabkommen zu unterzeichnen und nur durch Zureden von Hosni Mubarak umgestimmt werden konnte. Die Israelis haben auch nicht vergessen, daß Arafat im Zuge der Verhandlungen vor der Arabischen Liga sagte, dieser Friedensprozess sei nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Zerstörung Israels. Außerdem nahm der palästinensische Terrorismus nach dem Beginn der Umsetzung des Prinzips "Land gegen Frieden" nicht etwa ab, sonder weiter zu. Neue Gruppen hatten sich etabliert, v.a. die "Hamas", die von Frieden mit Israel nichts wissen wollten. Gleichzeitig blieb die Situation im Südlibanon gespannt. Die "Hisbollah" (d. h. Gottespartei) nahm ständig Nordisrael mit den bekannten Katjuscha-Raketen ins Visier. 1996 sah sich Israel in der kurzen "Operation Früchte des Zorns" gezwungen, militärisch gegen die Terroristen vorzugehen. Aber auch der Widerstand in Israel wuchs, wobei die Ermordung von Jizchak Rabin durch den Neo-Orthodoxen Jigal Amir und das Massaker, das Baruch Goldschtejn anrichtete, die Höhepunkte darstellten.
Mit dem Amtsantritt von Ehud Barak 1999 zog der Friedensprozess wieder an. Barak wollte nun so schnell wie möglich alle Probleme lösen und begann auch, Verhandlungen mit Syrien über einen Friedensvertrag zu führen, die jedoch am syrischen Starrsinn scheiterten. In Camp David wurde Mitte 2000 schließlich ein bis dahin unglaublicher Kompromiss erzielt, den Arafat jedoch, ebenso unglaublich, ablehnte.
Der größte Fehler in Baraks Amtszeit war der einseitige Rückzug aus der libanesischen Sicherheitszone. Aus dem Libanon abzuziehen, während die libanesische Regierung die Lage im Süden noch nicht kontrollierte und vor allem während die andere Besatzungsmacht, die Syrer, immer noch dort waren, machte keinen Sinn. Auch das Libanon-Problem hätte eines Friedensprozesses bedurft. So jedoch war der Abzug ein verheerendes Signal an die palästinensische Führung: Wenn man Israel nur ständig genügend Schaden zufügt, es dauernd mit Nadelstichen traktiert, dann weicht es zurück. Das (falsche) Signal, das Israel Opfer nicht mehr vertragen könne, führte bei der Palästinenserführung zu der Überlegung, man sollte es auch mal auf die libanesische Art versuchen. So begannen nach der Camp-David-Konferenz die Planungen für eine neue Intifada.


11. Die zweite Intifada als Unterbrechung des Friedensprozesses

Wenn man die zweite Intifada betrachtet, muß man feststellen, daß sie nicht den geringsten Sinn macht. War die erste Intifada noch ein notwendiges Mittel, um einen Lösungsprozess in Gang zu bringen, erfolgte die zweite, nachdem man sich bereits in 90% aller Streitpunkte geeinigt hatte und ein Staat Palästina nur noch eine Frage von Wochen war.
Bis heute wird in den deutschen Medien der Eindruck vermittelt, die neue Intifada sei ein spontaner Ausbruch gewesen, verursacht durch den Besuch des Tempelberges durch Scharon. Zu dem Schluss, dass dies nicht so war, wäre man bei Nachdenken schon am ersten Tag gekommen. Der palästinensische Informationsminister hat sich denn auch Monate später im Libanon einmal klar ausgedrückt und zugegeben, daß die Intifada seit der Ablehnung der Camp-David-Vereinbarung durch Arafat geplant wurde.
Bis heute wird in den deutschen Medien der Eindruck vermittelt, Scharon habe sich spontan seine Bodyguards geschnappt und sei auf den Berg getrampelt. Verschwiegen wird, daß der Besuch Scharons bereits eine Woche im Voraus mit der islamischen Tempelbergverwaltung Uakf abgeklärt war. Die Uakf hatte dem Besuch Scharons zugestimmt unter der Auflage, daß er nicht die al-Aksa-Moschee betritt, was er auch nicht getan hat. Für die Planer der Intifada war dies jedoch der gelungene Auslöser um loszuschlagen. Die mehrheitlich auf Frieden eingestellte Stimmung in der israelischen Bevölkerung kippte nach Ausbruch der palästinensischen Gewalt dramatisch.
Nach der Rassismuskonferenz von Durban, wo der legitime Anspruch eines Volkes auf eine staatliche Heimstätte mit Rassismus gleichgesetzt wurde und die antisemitische Stimmung ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte - die Meinung in Israel dazu ist hier gut dargestellt:
und v.a. seit dem 11. September 2001 findet sich Israel in einer schlechteren Situation als zuvor wieder. Das viele Araber der Meinung sind, die Juden seien für den Angriff auf New York verantwortlich lässt sich ja noch in die Mittelalter-Kategorie einordnen: wenn irgendwo die Pest ausbrach, haben natürlich die Juden die Brunnen vergiftet. Gefährlicher ist jedoch die in westlichen, v. a. britischen und deutschen Medien vertretene Auffassung, die Juden seien verantwortlich für die Angriffe, sie hätten halt die Islamisten nicht reizen dürfen. Israel steht nun mit dem Rücken zur Wand und wird kritisiert für Taten, für die Amerika gelobt wird, was auch zu einer frustrierten Haltung in der israelischen Bevölkerung führt wie diese Comics gut zeigen. Das Eindringen der deutschen Außenpolitik in den Nahen Osten, auf kosten der USA, wird sich für Israel ebenfalls negativ auswirken. Deutschland ist aufgrund seiner antisemitischen Vergangenheit und seiner "Neutralität" im 2. Golfkrieg den Palästinensern als Vermittler sehr viel lieber.
Die Berichterstattung der deutschen Medien über den Konflikt - ich kann hier von SZ, SPIEGEL, BR5 und allen Fernsehnachrichten sprechen -
ist so eindeutig auf Seiten der Palästinenser, daß ein Deutscher, der sich nur über die genannten Medien informiert kein ausgeglichenes Bild der Lage bekommen kann. Das Bild der Steine werfenden Kinder gegen Panzer wurde monatelang in den Medien aufrechterhalten, auch zu einer Zeit als sich der Konflikt schon auf Feuergefechte und Bombenterror spezialisiert hatte. Dass die Palästinenser Waffen besitzen, die ihnen die Israelis 1994 selbst gegeben hatten, wurde ignoriert. Ursache und Wirkung werden in der Berichterstattung grundsätzlich vertauscht. Israelische Vorstöße in autonomes Gebiet werden als ungerechtfertigte Aggression dargestellt ohne daß die jeweiligen Ursachen für die Aktionen überhaupt genannt werden. Nach dem Anschlag auf die Diskothek in Tel Aviv, als die israelische Regierung sich entschied nicht zurückzuschlagen, kam es zu einem einmonatigen sog. Waffenstillstand. In diesem Zeitraum kam es zu 1200 Angriffen von Palästinensern auf Israelis von denen weniger als 5 den deutschen Redakteuren eine Nachricht wert waren. Im SPIEGEL wird auf einer Seite über Einzelheiten des Holocausts berichtet und einige Seiten später von Annette Großbongardt der Mord an einem Rabbiner in Israel gerechtfertigt. Am Tag als der Terrorist Abu Ali Mustafa in seinem Büro von Israel liquidiert wurde fanden z. B. 10 Angriffe auf Israelis statt, die natürlich in Deutschland nicht erwähnt wurden. Ist ein palästinensischer Anschlag so groß daß ihn auch Deutsche nicht mehr übersehen können, wird in den Medien sogleich versucht diesen zu relativieren und zu rechtfertigen. So, ein Beispiel unter vielen, geschehen durch ARD-Korrespondent Peter Dudzig nach dem Massaker vom Valentinstag. Zu was dieses führt ist sichtbar. Z. B. in den Internetforen der SZ zu Nahost und Terror, wo man Zeuge der schlimmsten antijüdischen Tiraden wird, oder in der mittlerweile offen artikulierten Meinung, es würde ein Genozid an den Palästinensern verübt. Auch Politiker mischen kräftig mit: Jürgen Möllemann z. B. macht aus seinem Hass auf Israel keinen Hehl. Wolfgang Thierse darf sich mit trotteligen Bemerkungen in demokratische Prozesse Israels einmischen. Das Existenzrecht Israels wird derzeit von allen Seiten in Deutschland ausgehöhlt.
Die Friedensbewegung in Israel ist derzeit verständlicherweise chancenlos. Die Bevölkerung, die die Möglichkeit an jeder Straßenecke Opfer eines palästinensischen Anschlags zu werden nicht hinnehmen kann, ist zu über 70% für eine militärische Auseinandersetzung mit dem palästinensischen Terrorismus. Es ist einfach nicht vorstellbar, daß Scharon mit Arafat über Frieden verhandelt während gleichzeitig immer neue Anschläge geschehen. Solange Arafat die paramilitärischen Organisationen in seinem Land nicht entwaffnet gibt es eigentlich keine Chance zu neuen Verhandlungen. Einen Palästinenserstaat ohne Gewaltmonopol, der nichts weiter als eine Ansammlung bewaffneter Banden wäre, kann es nicht geben.
Einen allgemeinen neuen Nahostkrieg, wie er ständig an die Wand gemalt wird halte ich für völlig ausgeschlossen. Alle arabischen Armeen, selbst die hochgerüsteten Ägypter, sind der israelischen unterlegen. Und die arabischen Staaten wissen natürlich daß Israel Atommacht ist. Würde Israel bei einem Angriff in so tödliche Bedrängnis kommen daß die Existenz des Staates gefährdet wäre, würden Atombomben auch eingesetzt, wie die Einsatzerlaubnis im Jom-Kippur-Krieg, die glücklicherweise nicht durchgeführt werden musste, zeigt.
Zum Abschluss sehe ich persönlich für den Nahostkonflikt 3 mögliche nächste Schritte.
Der 1. mögliche Schritt wäre der beste: Arafat erlässt sofort ein Gesetz in dem er die Auflösung aller paramilitärischen Organisationen innerhalb der Autonomie anordnet. Die Mitglieder dieser Gruppen können sich dann der Polizei anschließen oder politische Parteien gründen. Sollten sie sich weigern diesem Gesetz zu folgen muß dieses mit Gewalt durchgesetzt werden. Wenn dies geschehen ist können die Verhandlungen wieder dort anfangen wo sie im Oktober 2000 beendet wurden.
Der 2. mögliche Schritt wäre der schlechteste: Die israelische Regierung könnte bei andauernder Gewalt das "Experiment" der Autonomie für gescheitert erklären, diese zerschlagen und alle Gebiete erneut besetzen. Dies würde zu einem jahrzehntelangen Guerrillakrieg führen.
Der 3. mögliche Schritt ist wohl der realistischste: Die israelische Regierung lässt abgelegene jüdische Ortschaften im Westjordanland und Gaza räumen und errichtet befestigte Grenzanlagen, im Grunde eine Mauer, zwischen jüdischem und arabischem Gebiet. Bereits in den 20er Jahren hatte Jabotinskij die Möglichkeit einer sog. "eisernen Wand" als einzige Lösung des Konflikts angedacht. So würde nicht der Konflikt beseitigt aber die Gewalt durch Gefechte und Bombenanschläge sofort beendet werden."

[Antifa-Referat des AStA der Geschwister- Scholl- Universität München]
V. i. S. d. P. : Alex Geller, Leopoldstraße 15, 80802 München

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