|
Der
ehrbare Antisemitismus
Der Text vom Auschwitzüberlebenden Jean Amery erschien erstmals
am 25.7.1969 in der Wochenzeitung "Die Zeit". Die Aktualität
dieses wichtigen Textes ist ungebrochen.
[Jean Amery, 1969]
De Gaulle
fiel. Manch einem war trüb zumut wie einem Heineschen Grenadier;
mir auch, mir auch. Nur leider, dass in New York dem französischen
UNO- Delegierten Armand Bérard nichts besseres einfiel, als
verzweifelt auszurufen (laut „Nouvel Observateur“ vom 5.Mai): „C’est
l’or juif!“ Und kein Dementi. Rechter Hand, linker Hand alles vertauscht.
Der Antisemitismus schafft’s und, wie es einst bei Stefan George hiess:
„... er reisst in den Ring.“
Das klassische Phänomen des Antisemitismus nimmt aktuelle Gestalt
an. Der alte besteht weiter, das nenn ich mir Koexistenz. Was war,
das blieb und wird bleiben: der krummnasige, krummbeinige Jude, der
vor irgendwas - was sag ich? - der vor allem davonläuft. So ist
er auch zu sehen auf den Affichen und in den Pamphleten der arabischen
Propaganda, an der angeblich braune Herren deutscher Muttersprache
von einst, wohlkaschiert hinter arabischen Namen, mitkassieren sollen.
Die neuen Vorstellungen aber traten auf die Szene gleich nach dem
Sechs-Tage-Krieg und setzen langsamerhand sich durch: der israelische
Unterdrücker, die mit dem ehernen Tritt römischer Legionen
friedliches palästinensisches Land zerstampft. Anti-Israelismus,
Anti-Zionismus in reinstem Vernehmen mit dem Antisemitismus von dazumal.
Der ehern tretende Unterdrücker-Legionär und der krummbeinige
Davonläufer stören einander nicht. Wie sich endlich die
Bilder gleichen!
Doch neu ist in der Tat die Ansiedlung des als Anti-Israelismus sich
gerierenden Antisemitismus auf der Linken. Einst war das der Sozialismus
der dummen Kerle. Heute steht er im Begriff, ein integrierender Bestandteil
des Sozialismus schlechthin zu werden, und so macht jeder Sozialist
sich selber freien Willens zum dummen Kerl.
Den Prozess kann man nutzbrigend nachlesen in dem schon vor mehr als
einem Jahr in Frankreich bei Pauvert“ erschienenen Buch „La Gauche
contre Israel“ von Givet. Es genügt aber auch, gewisse Wegmarken
zu erkennen, beispielsweise eine in der Zeitschrift „konkret“ erschienene
Reportage zu lesen: „Die dritte Front“. „Ist Israel ein Polizeistaat?“
heisst da ein Zwischentitel. Die Frage ist nur rhetorisch. Natürlich
ist Israel das. Und Napalm und gesprengte Häuser friedlicher
arabischer Bauern und Araber-Pogrome in den Strassen von Jerusalem.
Man kennt sich aus. Es ist wie in Vietnam oder wie es einstens in
Algerien war. Der krummbeinige Davonläufer nimmt sich ganz natürlich
aus als Schrecken verbreitender Goliath.
Es ist von der Linken die Rede und keineswegs nur von den noch mehr
oder minder orthodoxen kommunistischen Parteien im Westen oder gar
von der Politik der Staaten des Sozialistischen Lagers. Für diese
gehört der Anti-Israelismus, aufgepfropft auf den traditionellen
Antisemitismus der slawischen Völker, ganz einfach zur Strategie
und Taktik einer so und so gegebenen politischen Konstellation. Die
Sterne lügen nicht, die Gomulkas wissen, worauf sie rechnen dürfen.
C’est de bonne guerre! Darüber ist kein Wort zu verlieren.
Schlimmer ist, dass die intellektülle Linke, die sich frei weiss
von Parteibindungen, das Bild übernimmt. Jahrelang hat man -
um einmal von Deutschland zu reden - den israelischen Wehrbauern gefeiert
und die feschen Mädchen in Uniform. In schlechter Währung
wurden gewisse Schuldgefühle abgetragen. Das musste langweilig
werden. Ein Glück, dass für einmal der Jude nicht verbrannt
wurde, sondern als herrischer Sieger dastand, als Besatzer. Napalm
und so weiter. Ein Aufatmen ging durchs Land. Jedermann konnte reden
wie die „Deutsche National- unf Soldatenzeitung“; wer links stand,
war befähigt, noch den Jargon des Engagements routinemässig
zu exekutieren.
Fest steht: Der Antisemitismus, enthalten im Anti-Israelismus oder
Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke, ist wiederum ehrbar.
Er kann ordinär reden, dann heisst das „Verbrecherstaat Israel“.
Er kann es auf manierliche Art machen und vom „Brückenkopf des
Imperialismus“ sprechen, dabei so nebstbei allenfalls in bedauerndem
Tonfall hinweisen auf die missverstandene Solidarität, die so
ziemlich alle Juden, von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen,
an den Zwergstaat bindet, und kann es empörend finden, dass der
Pariser Baron Rothschild die Israel- Spenden der französischen
Bevölkerung Frankreichs als eine Steuer einfordert.
Der Antisemitismus hat es leicht allerwegen. Die emotionelle Infrastruktur
ist da, und das keineswegs nur in Polen oder Ungarn. Der Antisemit
„demystifiziert“ den Pionierstaat mit Wohlbehagen. Es fällt ihm
ein, dass hinter dieser staatlichen Schöpfung immer schon der
Kapitalismus stand in Form der jüdischen Plutokratie: Auf diese
letztgenannte geht er nicht ausdrücklich ein, das wäre ein
ideologischer lapsus linguae, jedoch - c’est l’or juif! - niemand
wird sich täuschen über die tatsächliche Bestelltheit
eines Landes, das aus einer schlechten Idee geboren, am schlechten
Orte errichtet, einen oder mehrere schlechte Kriege geführt und
Siege erfochten hat.
Missverständnisse sind nach Möglichkeit zu vermeiden. Ich
weiss so gut wie irgendwer und jedermann, dass Israel objektiv die
unerfreuliche Rolle der Besatzungsmacht trägt. Alles zu justifizieren,
was die diversen Regierungen Israels unternehmen, fällt mir nicht
ein. Meine persönlichen Beziehungen zu diesem Land, von dem Thomas
Mann in der Josefs-Tetralogie gesagt hat, es sei ein „Mittelmeer-Land,
nicht gerade heimatlich, etwas staubig und steinig“, sind quasi null:
Ich habe es niemals besucht, spreche seine Sprache nicht, seine Kultur
ist mir auf geradezu schmähliche Weise fremd, seine Religion
ist nicht die meine. Dennoch ist das Bestehen dieses Staatswesens
mir wichtiger als irgendeines anderen.
Und hiermit gelangen wir an den Punkt, wo es ein Ende hat mit jeder
berichtenden oder analysierenden Objektivität und wo das Engagement
keine freiwillig eingegangene Verbindlichkeit ist, sondern eine Sache
der Existenz, das Wort in mancherlei Bedeutung verstanden.
Über Israel, den modischen Anti-Israelismus, den altmodischen,
aber stets in jegliche Mode sich wieder einschleichenden Antisemitismus
spricht existentiell subjektiv, wer irgendwie „dazugehört“ („Juden,
Personen, die im Sinne des Reichsbürgergesetzes vom 15. September
1935 als Juden gelten“) - und erreicht am Ende vielleicht gerade darum
eine Objektivität annähernd naturrechtlichen Charakters.
Denn schlies-slich mündet noch die geistesschlichteste - genauso
wie die gründlichste und gescheiteste - Überlegung in die
Erkenntnis, dass dieses Pionierland, und mag es hundertmal nach einer
sich pervertierenden pseudomarxistischen Theologie im Sündenstande
technischer Hochentwicklung sich befinden, unter allen Staaten dieses
geopolitischen Raumes das gefährdetste ist. Sieg, Sieg und nochmals
Sieg: Es droht die Katastrophe, und ihr weicht man auch nicht aus,
indem man direkt in sie hineinrennt und Israel zum Teilgebiet einer
palästinensischen Födration macht.
Die arabischen Staaten, denen ich Glück und Frieden wünsche,
werden den israelischen Entwicklungsvorsprung einholen, irgendeinmal.
Ihr demographischer Überdruck wird das übrige tun. Es geht
unter allen Umständen darum, den Staat Israel zu erhalten, so
lange, bis Frieden, wirtschaftlicher und technischer Vorausgang der
Araber in einen allgemeinen Gemutszustand versetzen, der ihnen die
Anerkennung Israels innerhalb gesicherter Grenzen gestattet.
Es geht darum. Wem? Die subjektive Verfassung, die zur geschicht-lichen
Objektivität werden will, hat hier ihre Dreinrede. Israels Bestand
ist unerlässlich für alle Juden („Juden, Personen, die im
Sinne ...“ und so weiter), wo immer sie wohnen mögen. „Wird man
mich zwingen, Johnson hochleben zu lassen? Ich bin bereit dazu“, rief
am Vorabend des Sechs-Tage- Krieges der linksradikale französische
Publizist und Sartre-Schüler Claude Lanzmann. Der wusste, was
er meinte und wollte. Denn jeder Jude ist der „Katastrophen-Jude“,
einem katastrophalen Schicksal ausgeliefert, ob er es erfasst oder
nicht. „Lauf, blasser Jude“ schreiben die Black-Panther-Männer
an die Geschäfte und Häuser jüdischer Händler
in Harlem und vergessen leichten Herzens die alte Allianz, die in
den USA den Juden an den Neger kettete und die noch der mieseste bürgerlich-
jüdische Händler nicht verriet.
Wer garantiert, dass nicht einmal eine Regierung in den Vereinigten
Staaten zum grossen Versöhnungsfest den Juden dem Neger zum Frass
hinwirft? Wer verbürgt den einflussreichen und zum Teil reichen
Juden Frankreichs, dass nicht eines Tages das Erbe der Drumont, Maurras,
Xavier Vallat zu neuer Virulenz gelangt? Wer steht ein dafür,
dass nicht Herrn Strauss, an die Macht gekommen, irgendwas einfällt,
worauf dann auch ein gewisser Zeitungs- Tycoon sich hüten würde,
weitere schnöde Spenden einer schnöde zur Annahme bereiten
israelischen Regierung zu geben? Niemand garantiert nichts. Das ist
keine paranoide Phantasie und ist mehr als die menschliche Grundverfassung
der Gefahr. Die Vergangenheit, die allerjüngste, brennt.
Und nun wird jeder Freund von der Linken mir sagen, auch ich reihte
mich ein in die grosse Armee derer, die mit sechs Millionen (oder
meinetwegen fünfen oder vieren) Ermordeter Meinungserpressung
treiben. Das Risiko ist einzugehen: Es ist geringer als das andere,
welches die Freunde mir proponieren, wenn sie für die Selbstaufgabe
des „zionistischen“ Israel plädieren. Die Forderung der praktisch-politischen
Vernunft geht dahin, dass die Solidarität einer Linken, die sich
nicht preisgeben will (ohne dass sie dabei das unerträgliche
Schicksal der arabischen Flüchtlinge ignorieren muss), sich auf
Israel zu erstrecken, ja, sich um Israel zu konzentrieren hat. Das
Gebot hat für den nichtjüdischen Mann der Linken nicht die
gleiche Verbindlichkeit wie für Juden, stehe dieser politisch
links, mittwegs, rechts oder nirgendwo. Aus der Linken kann man austreten;
das Sosein als Jude entlässt niemand, das wusste schon ein Früh-Antisemit
wie Lanz-Liebenfels. Freilich hat die Linke ihre ungeschriebenen moralischen
Gesetze, die sie nicht beugen darf. „Wo es Stärkere gibt, immer
auf der Seite des Schwächeren“, welch unüberschreitbar wahre
Trivialität! Und stärker - wer wagte Widerrede? - das sind
die Araber; stärker an Zahl, stärker an Öl, stärker
an Dollars, man frage doch bei der Aramco und in Kuwait nach, stärker,
ganz gewiss, an Zukunftspotential.
Die Linke aber ganz offensichtlich schaut wie gebannt auf die tapferen
palästinensischen Partisanen, die freilich ärmer sind als
die Männer Moshe Dayans. Sie sieht nicht, dass trotz Rothschild
und einem wohlhabenden amerikanisch-jüdischen Mittelstand der
Jude immer noch schlechter dran ist als Frantz Fanons Kolonisierter,
sieht das so wenig wie das Phänomen des anti-imperialistischen
jüdischen Freiheitskampfes, der gegen England ausgefochten wurde.
Am Ende ist es auch nicht die Schuld der Israelis, wenn die Sowjetunion
vergass, was 1948 vor der UNO Gromyko mit schönem Vibrato vorgetragen
hat: „Was den jüdischen Staat betrifft, so ist seine Existenz
bereits ein Faktum, das gefalle oder nicht (...) Die Delegation der
UdSSR kann sich nicht enthalten, ihr Erstaunen über die Einstellung
der arabischen Staaten in der palästinensischen Frage auszudrücken.
Ganz besonders sind wir überrascht zu sehen, dass diese Staaten
oder zumindest einige von ihnen sich entschlossen haben, militärische
Massnahmen zu ergreifen mit dem Ziele, die nationale Befreiungsbewegung
der Juden zu vernichten. Wir können die vitalen Interessen der
Völker des Nahen Ostens nicht identifizieren mit den Erklärungen
gewisser arabischer Politiker und arabischer Regierungen, deren Zeugen
wir jetzt sind.“
So sprach, wie schon gesagt, die Sowjetunion, eine Grossmacht, die
Grossmachtpolitik treibt und die wohl a la longue nicht absehen konnte
von dem offenbaren Faktum, dass es mehr Araber gibt als Juden, mehr
arabisches Öl als jüdisches, dass militärische Stützpunkte
in den arabischen Staaten einen höheren strategischen Wert haben
als in Israel. Die Linke im weiteren und weitesten Sinne aber, und
ganz besonders die protestierende äusserste Linke, der ich mich
auf weiten Stecken verbunden weiss, hat diese Grossmacht-Ausflucht
nicht. Sie ist, nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten, zur Einsicht
verpflichtet; zur Einsicht in die tragische Schwäche des jüdischen
Staates und jedes einzelnen Juden in der Diaspora, zur Einsicht in
das, was hinter den Kulissen eines jüdisch-bürgerlichen
Mittelstandes, hinter dem Mythos des Geld- und Gold-Juden (vom Jud
Süss bis zu den kontemporären Rothschilds und ein paar jüdischen
Hollywood-Grössen) sich verbirgt. Die Juden manipulieren zeitweilig
Kapitalien: Sie beherrschen sie niemals. Sie haben heute in Wall Street
so wenig zu sagen wie einst im wilhelminischen Deutschland in der
Schwerindustrie.
Der Staat Israel ist heute so wenig ein Bollwerk des Kapitalismus,
wie er es war, als die ersten Pioniere dort den Boden umgruben, so
wenig wie die arabischen Staaten vernünftigerweise als progrssiv
angesehen werden können. Die Linke macht, das ist der Jammer,
die Augen zu. Der Zufall spielte mir gerade einen Text von Hans Blüher
zu: „Eine wirkliche Geschichte Europas dürfte nicht so geschrieben
werden, wie das bisher geschah, dass nämlich ein Jude einmal
hie und da anekdotenhaft vorkommt ..., vielmehr müsste die Darstellung
so sein, dass dauernd die geschichtliche Macht des Judentums als eines
latenten und ständig mitspielenden Reiches sichtbar wird.“ Der
Text könnte wörtlich in einer der zahlreichen pseudointellektuellen
arabischen Veröffentlichungen stehen, mit denen die Presse überschwemmt
wird. Und von Blüher - aber auch von Streicher, denn allerwegen
ebnet der Antisemitismus die intellektüllen Höhenunterschiede
ein - könnte stammen, was der Unterrichtsminister des progressiven
Staates Syrien an den Generaldirektor der UNESCO schrieb: „Der Hass,
den wir unseren Kindern einprägen, ist ein heiliger Hass.“ Es
wäre das alles kaum der Aufnotierung wert, und der närrische
Blueher könnte im Frieden des Vergessens schlafen, hätte
nicht die intellektülle Linke Westeuropas (einschliesslich übrigens
einiger vom Selbsthass verstümmelter Juden wie Maxim Rodinson)
sich dieses Vokabulars bemächtigt und das vom Wortschatz vermittelte
Normensystem angenommen.
Wenn aus dem geschichtlichen Verhängnis der Juden- beziehungs-weise
Antisemitenfrage, zu dem durchaus auch die Stiftung des nun einmal
bestehenden Staates Israel gehören mag, wiederum die Idee einer
jüdischen Schuld konstruiert wird, dann trägt hierfür
die Verantwortung eine Linke, die sich selber vergisst. „Der Antizionismus
ist ein von Grund auf reaktionäres Phänomen, das von den
revolutionären progressistischen antikolonialistischen Phrasen
über Israel verschleiert wird“, sagte neulich Robert Misrahi,
ein französischer Philosoph, der, gleich dem vorhin zitierten
Claude Lanzmann, zur weiteren Sartre- Familie gehört.
Der Augenblick einer Revision und neuen geistigen Selbstbestreitung
der Linken ist gekommen; denn sie ist es, die dem Antisemitismus eine
ehrlose dialektische Ehrbarkeit zurückgibt. Die Allianz des antisemi-tischen
Spiesser-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde
wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben.
Leute wie der polnische General Moczar können sich die Umfälschung
des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten:
Die Linke muss redlicher sein. Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus.
Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen „Überlegungen zur
Judenfrage“: „Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist
der Tod des Juden.“
[Jean Amery, 1969]
zum
Anfang l
zurück zur Auswahl
|