|
Dont
worry, be happy!
Gegen den deutschen Opfermythos, Volkstrauertag abschaffen!
[Antifaschistische Gruppen Halle, September 2003]
Am Volkstrauertag
ist das Einvernehmen zwischen den einzelnen politischen Parteien bzw.
den Parteien und großen Teilen der Bevölkerung so groß
wie sonst nur selten. Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen
Parteien und Verbände, Angehörige der Bundeswehr und Mitglieder
von Bürgerinitiativen legen gemeinsam Kränze zum Gedenken
an diejenigen nieder, die Sorge dafür trugen, dass Auschwitz
betrieben werden konnte, verurteilen die alliierten Bombenangriffe
auf deutsche Städte als Kriegsverbrechen und betrauern die Deutschen
als die eigentlichen Opfer des Nationalsozialismus und des Zweiten
Weltkrieges. Wer diese Rahmenbedingungen akzeptiert, ist herzlich
eingeladen mitzutrauern und seinen Kranz abzulegen. Dementsprechend
erschienen in den letzten Jahren immer wieder Neonazis bei den offiziellen
Gedenkfeiern zum Volkstrauertag und durften sich wie z.B. in
Halle als akzeptierter Teil der Trauergemeinschaft begreifen.
Aufruf zur Demonstration am 16. November 2003 in Halle:
Deutschland
als Opfer dieses Motiv spielte in den deutschen Geschichts-
und Vergangenheitsdebatten der letzten hundert Jahre stets eine zentrale
Rolle. Deutschland wurde wahlweise als Opfer des »Erbfeinds
Frankreich« und als Leidtragender des Versailler Vertrages dargestellt,
als Verfolgter einer »jüdischen Weltverschwörung«
halluziniert und nach 1945 schließlich als Opfer des Nationalsozialismus
präsentiert.
Das hierbei gepflegte Selbstmitleid korrespondierte stets mit Aggressivität:
Aus dem Gefühl der Benachteiligung bei der Vergabe von Kolonien
erwuchs die Bereitschaft zum Losschlagen von 1914, die Wahl der NSDAP
wurde nicht zuletzt als Reaktion auf die Politik der Sieger des Ersten
Weltkrieges begriffen, und der Zweite Weltkrieg galt als weltanschaulicher
Abwehrkampf gegen undeutsche Einflüsse und Angriffe. Selbst der
erste deutsche Krieg nach 1945, der Angriff auf Jugoslawien, wurde
nicht nur mit dem Argument geführt, man wolle ein »Auschwitz
auf dem Balkan« verhindern. Vertreterinnen und Vertreter der
politischen Parteien, der Medien und der Zivilgesellschaft verwiesen
zugleich darauf, dass man die Menschen im Kosovo hierzulande gut verstehe,
immerhin wüssten die Deutschen sehr genau, was es heißt
vertrieben zu werden.
Die
verfolgende Unschuld. Zur Geschichte des Volkstrauertages
Das zentrale Ritual der kollektiven deutschen Opferpräsentation
ist seit 1919 der so genannte Volkstrauertag. Wenn sich Anlass und
Formen des Erinnerns seit 1919 auch stetig verändert haben
der zentrale Gedanke des Volkstrauertages ist erhalten geblieben:
Die Deutschen haben Europa zwar wiederholt verwüstet, Schuld
waren jedoch immer die Anderen.
Der Volkstrauertag wurde erstmals 1919 zum Gedenken an die vermeintlichen
Helden des »im Felde unbesiegten« deutschen Heeres
so die weit verbreitete Deutung der deutschen Niederlage 1918
begangen. Wenn es auch vereinzelte Stimmen gab, die den Tag als Symbol
einer Abkehr vom Hass begriffen wissen wollten, wurde Deutschland
im Rahmen der entsprechenden Gedenkveranstaltungen doch zumeist als
Opfer eines »Verrats der Heimatfront« und des »Versailler
Diktats« betrauert, der Hass auf die inneren und äußeren
»Volksfeinde« gepflegt und die kriegerische Revision der
Ergebnisse des Ersten Weltkrieges angekündigt. Im Jahre 1923
erklärte der Präsident des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge
der Bund ist nach wie vor einer der zentralen Initiatoren des
Volkstrauertages die antifranzösischen Ressentiments in
Deutschland zu einem heiligen Hass: »Wir verstehen, was das
alte Testament meinte: Du sollst Deinen Freund lieben und Deinen Feind
hassen, Auge um Auge, Zahn um Zahn.«
1934 wurde der Volkstrauertag schließlich zum Staatsfeiertag
erhoben und in »Heldengedenktag« umbenannt. Die an diesem
Tag bis dahin ohnehin nur am Rande zelebrierte Trauer entfiel nun
vollständig zu Gunsten der Heroisierung von Krieg, Opfertod und
eines Aufgehens des Individuums im Kollektiv. Von nun an ging man
daran, den in der Weimarer Republik formulierten Revanchegedanken
in die Tat umzusetzen. Bei den jetzt stattfindenden militärischen
Aufmärschen zum Volkstrauertag wurden die gefallenen deutschen
Soldaten des Ersten Weltkrieges als Vorbilder präsentiert, zum
Kampf gegen die vermeintlichen Feinde Deutschlands aufgerufen und
die Volksgemeinschaft auf das kollektive Projekt »deutscher
Endsieg« eingeschworen. Als der Glauben an diesen Sieg nach
1943 zunehmend schwand, beschränkte man sich fortan auf die gegenseitige
Versicherung des gemeinsamen Vernichtungswillens.
Nachdem der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge 1945
zunächst von den Alliierten verboten wurde, konnte er seine Arbeit
bereits nach einem Jahr wieder aufnehmen. Schon 1950 wurde der Volkstrauertag
erstmals im Plenarsaal des Bundestages mit einer Feierstunde begangen
und damit erneut in den Stand eines offiziellen Gedenktages erhoben.
Dieser Rückgriff auf die Traditionen der Weimarer Republik und
des Nationalsozialismus stand in unmittelbarem Zusammenhang mit dem
neuen deutschen Selbstbewusstsein nach der Rückübertragung
von Hoheitsrechten durch die Alliierten. Er ordnete sich in eine Reihe
ähnlicher Maßnahmen und Ereignisse ein: Bereits kurz nach
dem Zusammentreten des ersten Bundestages wurde auch dort über
die Beseitigung der Folgen der Entnazifizierung beraten, mit den »Richtlinien
zum Abschluss der Entnazifizierung« signalisierten die Abgeordneten
im Dezember 1950, dass sie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
als beendet ansahen, und im Mai 1951 wurden Bund, Länder und
Gemeinden schließlich verpflichtet, die in Folge der alliierten
Reeducation-Politik aus dem öffentlichen Dienst entlassenen Personen
wieder einzustellen. Ausgenommen blieben lediglich diejenigen, die
per Spruchkammerbescheid als untragbar eingestuft worden waren.
»Ich
hatt einen Kameraden«
Wie in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus diente der
Volkstrauertag auch nach dem Ende des Nationalsozialismus dem Zusammenfinden
der Nation als Opfergemeinschaft. Während nach 1918/19 vor allem
der Toten des Ersten Weltkrieges gedacht wurde, standen im Zentrum
der Erinnerung nun vor allem diejenigen, die entweder selbst an Massenmorden
teilgenommen oder zumindest Sorge dafür getragen hatten, dass
im Rücken der Front Auschwitz betrieben werden konnte. In den
Reden zum Volkstrauertag und mit dem obligatorischen »Lied vom
guten Kameraden« (»Ich hatt einen Kameraden, einen
bessern findst du nicht...«) wurde die Legende der »sauberen
Wehrmacht« gepflegt und Verbundenheit mit denen gezeigt, die
dazu beigetragen hatten, Europa in ein Schlachthaus zu verwandeln.
Ganz im Sinn dieser Verlängerung des nationalen »Wir«
über das Ende des Nationalsozialismus hinaus erklärte der
damalige Bundespräsident Theodor Heuss bei der Einweihung eines
Soldatenfriedhofes in den 50er Jahren nicht nur, dass die Soldaten
der Wehrmacht »an ihre Pflicht gebunden« gestorben seien.
Er führte gleichzeitig aus, dass hiervon »nur in Dankbarkeit
und Ehrfurcht« gesprochen werden dürfe. »Ein anderer
Ton«, so Heuss, »ist nicht erlaubt.«
Einer der perfidesten Einfälle der Vorbereitungskreise dieses
Gedenkens war die Unterordnung des Volkstrauertages unter das Motto
der Versöhnung und Völkerverständigung. Die Täterinnen
und Täter luden ihre ehemaligen Opfer zur Versöhnung ein
und forderten sie damit auf, so zu tun, als wäre nichts geschehen.
Da man sich nach der früh erfolgten Bagatellisierung von Auschwitz
und der Aufrechnung von Coventry und Dresden selbst nicht als Täterin
und Täter, sondern als Opfer begriff, glaubte man auch das Recht
zu besitzen, gönnerhafte Versöhnungsangebote unterbreiten
zu dürfen. Wenn dem Zweiten Weltkrieg in dieser Zeit überhaupt
ein besonderer Charakter zugestanden wurde, dann nur aufgrund des
angeblich doppelten Leidens der deutschen Bevölkerung unter der
Nazidiktatur und den alliierten Bombenangriffen. Die Opfer der Verfolgungspolitik,
der Konzentrations- und Vernichtungslager oder des Vernichtungskrieges
der Wehrmacht tauchten in den Reden zum Volkstrauertag allenfalls
am Rande bzw. als »Opfer Hitlers« auf. In der Provinz
wurde selbst auf diese halbherzigen Verweise oftmals mit Entrüstung
reagiert: Als ein Pfarrer im niedersächsischen Moringen 1982
die Opfer des ehemaligen örtlichen Jugend-KZs in seine Predigt
zum Volkstrauertag mit einbezog, ging ein Sturm der Empörung
durch den Ort. Man wolle mit »Kriminellen« nichts zu tun
haben, wenn man der »gefallenen Helden« gedenke, beschwerten
sich die Funktionäre von CDU und FDP unter stürmischem Beifall
und Bravo-Rufen.
Gedenken
macht frei
Mit dem altersbedingten Ausscheiden ehemaliger Nazis aus höheren
Positionen in Wirtschaft, Politik und Kultur und der hiervon beeinflussten
Veränderung der Erinnerungskultur in der Bundesrepublik wandelte
sich spätestens seit Mitte der 90er Jahre auch die Form des Gedenkens
am Volkstrauertag. Wurde zuvor fast ausschließlich auf die Soldaten
der Wehrmacht und die Toten der alliierten Bombenangriffe verwiesen,
werden seither auch andere tatsächliche oder vermeintliche Opfergruppen
in die offizielle Erinnerung integriert. Das Gedenken firmiert nun
offiziell als Andacht an die »Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft«,
man erinnert an die Leidtragenden des Stalinismus oder die Mauerroten
und verweist schließlich auch auf die Ermordeten der Konzentrations-
und Vernichtungslager.
Diese neue Form des Gedenkens ist jedoch weniger Ausdruck einer offener,
toleranter oder kritischer gewordenen Bundesrepublik. Sie ist lediglich
die abgewandelte, modernisierte Version des selbstbezogenen deutschen
Opferkultes, bei dem die Kategorien der nationalsozialistischen Reichsbürgergesetze
auch weiterhin Anwendung finden. So verschwinden hinter der Aufzählung
der verschiedenen realen oder eingebildeten Opfergruppen aus den unterschiedlichsten
Zeitepochen nicht nur die Taten, die Täterinnen und Täter
sowie die jeweiligen Spezifika der Taten. Die gemeinsame Nennung der
Opfer des Ersten Weltkrieges, des Stalinismus, der Konzentrations-
und Vernichtungslager sowie der gefallenen Wehrmachtssoldaten ist
vielmehr die Weiterführung des Versuchs, die deutsche Geschichte
zu normalisieren und den Zweiten Weltkrieg zu einem normalen Krieg,
in dem es keine Täterinnen und Täter, wohl aber unschuldige
Opfer gab, umzulügen. Die wichtigste Aufgabe überhaupt sei
die »Arbeit für den Frieden«, so erklärte Bundestagspräsident
Wolfgang Thierse am letzten Volkstrauertag vor denen, gegen die mit
dem größten Recht der Geschichte Krieg geführt wurde:
deutschen Stalingradveteranen und anderen ehemaligen Angehörigen
der Wehrmacht.
Die zentrale Funktion des Volkstrauertages besteht damit in der Leugnung
einer simplen Tatsache: Die Bekämpfung derjenigen, die Auschwitz
betrieben bzw. die Garanten dafür waren, dass Auschwitz betrieben
werden konnte, war die Bedingung für die Beendigung der Massenmorde
in den Vernichtungslagern. Am Volkstrauertag hingegen werden diejenigen
als die eigentlichen Opfer betrauert, die nur durch Gewalt von der
Fortführung ihres Amoklaufes abgehalten werden konnten. Insofern
ist es nur konsequent, wenn wie in den vergangenen Jahren u.a.
in Halle auch Neonazis bei diesen Feierlichkeiten erscheinen
und Einheiten der Waffen-SS ehren wollen.
Die mittlerweile in Reden zum Volkstrauertag zu findenden Randbemerkungen
über ermordete Jüdinnen und Juden, Homosexuelle, Widerstandskämpferinnen
und -kämpfer, Sinti, Roma, Behinderte usw. ziehen zwar zum Teil
den Unmut von Angehörigen der rechten Szene auf sich. Als ausreichender
Grund für einen Boykott der jeweiligen Veranstaltungen werden
sie in diesem Spektrum jedoch auch weiterhin nicht angesehen. Die
Schlaueren unter den Neonazis ahnen ohnehin, welche Funktionen diese
Verweise erfüllen: Durch ein gemeinsames Gedenken sowohl an die
Auschwitz-Schutztruppe Wehrmacht als auch an diejenigen, die in den
Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden, werden die
Unterschiede zwischen Täterinnen bzw. Tätern und Opfern
nivelliert. Die Täterinnen und Täter werden rehabilitiert.
Nach einigen Verweisen auf die »dunklen Seiten der Vergangenheit«,
auf Zwangsarbeit, Vernichtungskrieg und Konzentrationslager
so lautet dementsprechend das inoffizielle Motto der neuen deutschen
Erinnerungspolitik kann die Präsentation der Deutschen
als Opfer nur noch unverblümter und unverschämter betrieben
werden.
Außenpolitische
Normalisierung
Die zaghaften Verweise auf die Opfer der deutschen Verfolgungs- und
Vernichtungspolitik sind allerdings nicht nur Teil der modernisierten
Selbstpräsentation der Deutschen als Opfer. Sie sind gleichzeitig
eine der Legitimationsgrundlagen der neuen deutschen Außenpolitik.
Da Deutschland besondere Erfahrung im Umgang mit Unrecht habe und
die Vergangenheit hierzulande vorbildlich bewältigt worden sei,
so wird auf internationaler Ebene neuerdings von deutscher Seite ausgeführt,
sei die Bundesrepublik gegenüber weltweitem Unrecht besonders
sensibilisiert. Diese Sensibilisierung kann sich mittlerweile sowohl
in der Forderung nach Interventionen der Bundeswehr als auch in der
Ablehnung von Kriegseinsätzen äußern. Gerade aufgrund
der deutschen Vergangenheit, so wurde der deutsche Angriff auf Rest-Jugoslawien
1999 gerechtfertigt, habe die Bundesrepublik die Pflicht, militärisch
in den Konflikt einzugreifen. Nur wenige Jahre später wurde mit
dem gleichen Argumentationsmuster die ebenso machtpolitisch
motivierte deutsche Nichtbeteiligung am Irakkrieg und die damit
verbundene offizielle Reaktivierung des »deutschen Weges«
begründet. Im Unterschied zu den USA, so wurde angedeutet, habe
die Bundesrepublik die Lektionen aus der Geschichte gelernt.
Mit beiden Formen dieser neuen »Vergangenheitsbewältigung«
verfügen die Nachkommen der Täterinnen und Täter noch
einmal über die Opfer und nutzen das Gedenken an sie als einen
Beitrag zur innen- und außenpolitischen Normalisierung.
»Unberechtigte
Ansprüche«
Welcher Stellenwert den Opfern der deutschen Ausplünderungs-
und Vernichtungspolitik tatsächlich zugeschrieben wird, ist u.a.
am offiziellen Umgang der Bundesrepublik mit den wenigen Überlebenden
der Konzentrationslager und der Zwangsarbeiterpolitik abzulesen. Während
selbst ehemalige Wehrmachts- und SS-Angehörige, die von den Ermittlungsbehörden
wegen der direkten Beteiligung an Kriegsverbrechen gesucht wurden,
pünktlich ihre Pensionen ausgezahlt bekamen und bekommen, wird
den meisten Opfergruppen eine angemessene Entschädigung weiterhin
vorenthalten. Dem neuen und scheinbar offeneren Umgang mit der deutschen
Vergangenheit entsprechend verwies Gerhard Schröder zu Beginn
der Diskussionen um Entschädigungsleistungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen
und Zwangsarbeiter zwar auf die Schuld der deutschen Wirtschaft. Gleichzeitig
erklärte er allerdings, die deutschen Unternehmen vor »unberechtigten
Ansprüchen« schützen zu wollen.
Warum
gerade Halle?
Proteste gegen den Volkstrauertag, die Formierung zur Trauer- und
Opfergemeinschaft und die Gleichsetzung von Täterinnen bzw. Tätern
und Opfern könnten somit im Grunde überall stattfinden.
Dennoch ist der Ort für die Demonstration, der Gertraudenfriedhof
in Halle, nicht willkürlich gewählt. Hier fand die in der
Konzeption des Volkstrauertages angelegte Tendenz in den letzten Jahren
ihre wohl deutlichste praktische Umsetzung. Gedachte Bundestagspräsident
Thierse im vergangenen Jahr noch gemeinsam mit den einstigen Kämpfern
gegen Bolschewismus und Judentum Stalingradveteranen der deutschen
Wehrmacht , begeht man den Volkstrauertag in Halle bereits seit
einigen Jahren in Kooperation mit denen, die die Forderung »Juden
raus!« in Deutschland derzeit am vehementesten vertreten.
So waren seit etwa 1998 nicht nur Vertreter studentischer Verbindungen
regelmäßig bei der offiziellen Gedenkveranstaltung der
Stadt auf dem Gertraudenfriedhof erschienen, sondern stets auch bis
zu dreißig Angehörige der örtlichen rechten Szene.
Im vergangenen Jahr nahmen schließlich etwa 200 Neonazis aus
Niedersachsen und verschiedenen Regionen Sachsen-Anhalts an dieser
Feierlichkeit teil und nutzten sie als Ersatzveranstaltung für
den kurz zuvor verbotenen zentralen Neonaziaufmarsch zum so genannten
»Heldengedenktag« im brandenburgischen Halbe. Die hallesche
Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) hielt eine
Rede, Mitglieder der regionalen Parteien und Verbände
CDU, FDP, PDS, SPD usw. legten Kränze nieder, die Neonazis
präsentierten Gebinde zu Ehren von Einheiten der Waffen-SS und
entrollten ein Transparent mit der Aufschrift »Wir sind ein
Volk des Geistes, aber mit einer eisernen Faust«. Abschließend
spielten Angehörige der Bundeswehr das »Lied vom guten
Kameraden«, die Neonazis senkten dazu ihre Fahnen.
Da nahezu alle im Stadtrat vertretenen Parteien und Organisationen
ihre Kränze gemeinsam mit den Nazis abgelegt hatten, blieben
Auseinandersetzungen auf der Ebene des Stadtparlamentes aus. Oberbürgermeisterin
Häußler rechtfertigte in einer Stadtratssitzung noch einmal
die Kranzniederlegung und behauptete obwohl sie noch im November
2000 erklärt hatte, die Teilnahme von Neonazis nicht noch einmal
dulden zu wollen dass niemand mit dem Erscheinen von Angehörigen
der rechten Szene hätte rechnen können. Auch die Regionalzeitung
mochte keine Kritik äußern und berichtete lediglich, dass
einige Neonazis versucht hätten, das Gedenken für ihre Zwecke
zu »missbrauchen«.
Als Störenfriede wurden vor allem diejenigen betrachtet, die
gegen die gemeinsame Manifestation von Neonazis und Vertretern der
Stadt protestierten. Angehörige antifaschistischer Initiativen
verteilten vor der nachfolgenden Stadtratssitzung Flugblätter
und der Verein Ludwigstraße e.V. ein linkes Kulturprojekt
äußerte in einem offenen Brief Kritik am Verhalten
der örtlichen Organisatoren des Volkstrauertages und der Oberbürgermeisterin.
Als Reaktion auf diesen Protest wurde dem Verein eine Sozialarbeiterstelle
gestrichen. Der Grund für diese Streichung, so wurde nach Widerspruch
des Vereines auch amtlicherseits erklärt, seien die Methoden
seiner Jugendbildungsarbeit, die u.a. anhand der »politischen
Stellungnahme zu den Ereignissen des Volkstrauertages 2002«
deutlich geworden seien. Ihr Gedenken will sich die Volkstrauerfront
eben von niemandem vermiesen lassen.
Warum
also: »Dont worry«?
Um es zusammenzufassen: Der Volkstrauertag dient, wie nicht nur die
Ereignisse in Halle zeigen, dem parteiübergreifenden Zusammenfinden
als Opfergemeinschaft. Selbst die in Gedenkreden neuerdings zu findenden
Randbemerkungen über die Konzentrations- und Vernichtungslager
dienen lediglich als Plattform, auf der noch ungenierter und verständnisvoller
über die Befindlichkeiten der Täterinnen und Täter
geredet und öffentlich um sie getrauert werden kann. Der Volkstrauertag
ist damit primär für das Gedenken an diejenigen reserviert,
die entweder direkt an den Massenmorden beteiligt waren oder durch
ihre Tätigkeiten indirekt dazu beitrugen, dass diese Verbrechen
begangen werden konnten. Der Kampf gegen Deutschland die Offensive
der Alliierten in der Normandie, die Niederlage der sechsten Armee
in Stalingrad, die darauf folgende Befreiung von Auschwitz, Buchenwald,
Belsen usw. ist jedoch kein Grund zur Trauer, sondern zur Freude.
Darum: Weg mit dem Volkstrauertag! Gegen den deutschen Opfermythos!
[Antifaschistische
Gruppen Halle, September 2003]
zum
Anfang l
zurück zur Auswahl
|