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Sie
wollen Maschinen sein
Neonazistische Ideologie
[Broschüre der rat "In der Mitte
angekommen"]
Rechtsextremismus
wird in der Öffentlichkeit zumeist auf ein Gewaltphänomen
reduziert wahrgenommen. Dies führt dazu, dass er von anderen
Gewaltphänomenen nicht mehr unterscheidbar ist und als eine Form
von Jugendgewalt unter anderen fehlinterpretiert wird. Hinter den
Morden, Körperverletzungen und der alltäglichen Tyrannisierung
von Flüchtlingen steckt aber eine Ideologie, deren Handlungs-
anwei-sungen konsequent auf Gewalt hinauslaufen. Dazu kommt eine in
weiten Teilen mangelhafte gesellschaftliche Aufarbeitung des National-sozialismus;
er wird hauptsächlich als historisches Phänomen betrachtet,
seine ideologischen Bestandteile werden nicht analysiert – gerade
diese bilden aber das ideologische Fundament des Neo-nazismus.
Rechtes Denken ist so asozial wie widersprüchlich. Und natürlich
ist kein Mecklenburger Dorfnazi pünktlicher, blonder oder fleißiger
als andere Menschen – er ist den selben gesellschaftlichen Verhältnissen
ausgesetzt. Auch wenn wir Rechtsextreme im folgenden zum Teil als
Opfer ihrer Lebensumstände darstellen werden, soll dies nichts
entschuldigen. Trotzdem muss klar sein, dass das für rechte Ideologie
ansprechbare Potenzial von einer Gesellschaft, in der Rechts-extremismus
existiert, produziert wird.
Ausgebrütet werden die Ideologiefragmente von rechten »Intellektuellen«
an Orten wie dem Studienzentrum Weikersheim oder auch im mecklenburgischen
Hohewisch bei Neustadt- Glewe, wo alljährlich das Pressefest
der Zeitschrift Signal stattfindet. Neben diesem Blatt dienen z.B.
Schriften wie die Junge Freiheit oder Europa vorn als Brücke
zum rechten Rand der großen Volksparteien. Führende Kader
werden intensiv geschult und geben ihre ›Erkenntnisse‹ in Papieren
mit deutlich weniger intellektuellem Anspruch, etwa dem Zentralorgan,
an das Fußvolk der Kameradschaften weiter, die deren logisch
klingende Rechtfertigungen für Mord und Totschlag dankbar annehmen.
Zum anpolitisierten Jugendlichen in Ostvorpommern dringt die unheilvolle
Botschaft in Form von Rechts- Rock, in dem der rechte Gedanke nur
noch als gebrüllte Parole enthalten, aber schon mit dem offenen
Aufruf zur Gewalt versetzt ist.
Die Grundpfeiler neonazistischen Denkens wie völkisch definierter
Nationalismus, Rassismus und eine allgemeine Fremdenfeindlichkeit,
der auf einer verkürzten Kapitalismuskritik basierende Antisemitismus,
Sozialdarwinismus sowie positiver Bezug auf den Nationalsozialismus
sind in weiten Teilen der Gesellschaft zumindest partiell verankert.
Im Rahmen seiner Untersuchung zu Ausbreitung und Ursachen des Rechtsextremismus
in Mecklenburg- Vorpommern führte Frieder Dünkel, Kriminologie-
Professor an der Greifswalder Universität, eine Befragung mit
›kriminologisch‹ mehrfachauffälligen Jugendlichen und einer Vergleichsgruppe
›normaler‹ Jugendlicher durch. Dabei stimmten in beiden Gruppen über
40 Prozent der Befragten den Aussagen zu, Deutsche seien anderen Völkern
überlegen und Ausländer sollten mit Deutschen keine Kinder
zeugen. Über 70 Prozent waren der Ansicht, »in Deutschland
sollten nur deutsche Sitten gelten, Ausländer müssen sich
anpassen.«
Im folgenden werden die rechten Ideologiebestandteile dargestellt
und ihre Unterschiede, aber auch Verbindungen zu akzeptierten gesell-schaftlichen
Wertekategorien beleuchtet.
Das
Konstrukt der Nation
Die Nation wird im rechten Denken als überhistorischer und
»biologisch gewachsener Volkskörper« gesehen. An
diesen ist der »Volksgenosse« per Blutsverwandtschaft
(ius sanguinis) gebunden. Das heißt, Nationalität ist eine
angeborene genetische ›Qualität‹ des Menschen, die er weder erlangen
noch loswerden kann. Zu dieser ›bluts-verwandtschaftlichen‹ Gemeinschaft
der Nation gehört das Land – die ›Scholle‹.
Der Nation wird so ein gemeinsames Interesse, ein kollektiver Wille
unterstellt, dessen Ausdruck der autoritäre (Führer-)Staat
ist. Sie ist zu einer ›höheren Aufgabe‹ bestimmt, die sich im
wesentlichen darin erschöpft, im Kampf mit anderen ›Nationen‹
zu bestehen und zu siegen. Demokratische Entscheidungen werden überflüssig,
innerhalb der ›Nation‹ herrscht eine ›natürliche Hierarchie‹
– das Individuum erlischt in ihr; »Nichts für uns – alles
für Deutschland!« ist die gängige Parole der Nazis.
In der Angst vor Identitätsverlust und der tatsächlichen
Überflüssigkeit des Individuums (die vor dem Hintergrund
von Arbeitslosigkeit oder realer sozialer Bedeutungslosigkeit sogar
eine gewisse Berechtigung hat) richtet sich seine Aggression aber
nicht gegen das eigene autoritäre und alle Individualität
auslöschende Kollektiv, sondern gegen alles, was es bedroht;
und das Kollektiv ist ständig bedroht: von ›Hütchenspielern‹
wie von indischen Internet-Spezialisten, von ›Sozialschmarotzern‹
wie von ›Haschischspritzern‹, von ›Spekulanten‹ ebenso wie von nestbeschmutzenden
Intellektuellen.
Während im historischen Nationalsozialismus die ›deutsche Nation‹
als Führervolk der »weißen Rasse« galt, ist
bei der »Neuen Rechten« diese Sichtweise der Vorstellung
von einem »Europa der Vaterländer« gewichen; geeint
in ihrer Zugehörigkeit zur »europäischen Rasse.«
Die deutsche Nation gilt nicht mehr als überlegene, ihr Führungsanspruch
wird zurückgestellt, was seine Begründung in der zunehmenden
Zusammenarbeit der europäischen Rechten findet.
Im bürgerlichen Nationalbegriff ist die Nationalität ebenfalls
eine Eigenschaft an sich. Sie ist hier aber ein Rechtstitel und kann
als solcher verliehen oder aberkannt werden. Sie ist per Gesetz definiert.
Das kuriose Merkmal des Deutschseins findet sich aber nicht nur bei
bekennenden Rechtsextremen, sondern auch im Alltagsbewusstsein; es
wird ein Unterschied zwischen dem ›Deutschen‹ und dem ›Nicht- Deutschen‹
konstruiert, den es tatsächlich nur da gibt, wo er gewollt ist.
Rassismus
Dem Rassismus liegt zunächst die _– irrige – Vorstellung
von der Existenz mehrerer Rassen innerhalb der menschlichen Population
zugrunde. Diese Rassen sollen durch bestimmte genetische Rassemerkmale
bestimmt sein. Hierbei gelten auch durch Sozialisation oder ökonomische
Umstände bedingte kulturelle Unterschiede als genetisch determiniert.
Unterschiedliche Rassen werden zudem nicht nur dort entdeckt, wo es
tatsächlich minimale genetische Unterschiede gibt, wie etwa die
Hautfarbe. Sondern eine ›Rasse‹ wird auch an Kriterien wie faul/ arbeitsam,
mutig/ feige, sauber/ schmutzig, gesund/ krank, leistungsfähig/
schwächlich usw. definiert und bewertet; Rassismus beginnt, wo
einer Gruppe Menschen entlang biologistischer Kriterien bestimmte
Eigenschaften unterstellt werden.
Wie ist zu erklären, dass Rassismus dort am meisten ausgeprägt
ist, wo es seine Opfer kaum gibt? Rassismus hat, wie die Idee der
Nation, eine bestimmte gesellschaftliche Funktion, er ist Resultat
und Ausdruck sozialer Defizite. Dahinter steckt ganz offensichtlich
das Bedürfnis nach einem geschlossenen Kollektiv, dessen Hierarchie
dem Einzelnen soziale Sicherheit verspricht und das Gefühl vermittelt,
erwünschter Teil von etwas Großem zu sein, und zwar unabhängig
von der persönlichen Verwertbarkeit durch die »unsichtbare
Hand des Marktes«, sondern eben per imaginierter ›Blutsverwandtschaft‹.
»Militarismus, Nationalismus, martialisch- kraftmeierisches
Gebaren, Gemeinschafts›geist‹ setzen dort ein, wo Aufhebung von Vereinzelung
zum Bedürfnis wird, ohne wirklich zu werden. Kollektives Verhalten
auf Basis der Individualität kompensiert sich im barbarischen
Kollektiv, in Selbstnegation durch Hingabe an ›die Sache‹.«1
Die Gemeinschaftlichkeit wird nicht über die gegenseitige Achtung
als menschliches Individuum sondern über die Abgrenzung zu anderen
hergestellt – die Sehnsucht zu ihr kann jedoch durch das Erschlagen
eines Schwarzen oder eines Obdachlosen nicht befriedigt werden: Die
Projektion der Ursachen für eigene Ängste und Probleme auf
einen willkürlichen ›Schuldigen‹ ist eben nur eine Projektion.
Deshalb ist das Reservoir potentieller ›Feinde‹ im Prinzip auch unendlich
groß. Das Kollektiv, das »weder ökonomisch noch sexuell
auf seine Kosten kommt, hasst ohne Ende« (Adorno, 1951). Für
Rassismus braucht es also lediglich Rassisten, die Projektionsflächen
sind variabel und können ›Ausländer‹, ›Juden‹, Menschen
dunkler Hautfarbe oder türkische MigrantInnen mit deutschem Pass
sein. Typischerweise sind dabei stets Menschen betroffen, die ohnehin
gesellschaftlich marginalisiert sind.
In Abgrenzung zum militanten Rassismus der Neonazis findet sich bei
bürgerlichen ›Antirassisten‹ oft der ›Positiv- Rassismus‹: Auch
er dichtet ›Fremden‹ besondere Merkmale oder Mentalitäten an,
bewertet sie aber positiv; hier dient das ›Exotische‹ des ›fremd Seins‹
zur Auffüllung des eigenen kulturellen Pools: Auf ›antirassistischen
Friedensfesten‹ müssen Menschen schwarzer Hautfarbe immer trommeln
– auch wenn sie vielleicht wirklich gern trommeln ist dies eine rassistische
Reduktion: Schwarze trommeln, Vietnamesen kochen und Deutsche machen
sauber.
Sozialdarwinismus,
Fleiß- und Preisgesellschaft
In der sozialdarwinistischen Ideologie des Nationalsozialismus
und der heutigen Neonazis wird Charles Darwins Theorie vom »Survival
of the fittest«, dem Überleben des Stärkeren in der
Evolutionsgeschichte, auf den Menschen übertragen – an ihn werden
die Maßstäbe des Tierreiches gelegt. Die Biologisierung
des Menschen zieht sich durch alle rechten Ideologeme. Zum Kriterium
für Stärke wird die physische und geistige Leistungsfähigkeit.
Der rechte Ideologe stellt die Kategorien Leistung und Konkurrenz
nicht in Frage. Er möchte sich aber vor ihnen schützen,
indem er sie lediglich aus dem Kollektiv auslagert und auf den Kampf
zwischen »Ethnien«, »Völkern« oder »Rassen«
projiziert. Während innerhalb der »Volksgemeinschaft«
der Wettbewerb durch strenge Hierarchie ersetzt ist, in der jeder
ein Teil des »Organismus« ist, befinden sich »Ethnien«
im Kampf um »Ressourcen und Lebensraum.« Dieses »bedroht
sein« wird zur permanenten Projektion einer Verschwörung,
was wiederum zu chronischer ›Opfermentalität‹ führt.
Hier wird eine Parallele zur Leistungsgesellschaft deutlich: Auch
hier sind die Menschen einer ständigen Konkurrenzsituation um
Arbeitsplätze, Preise oder das teurere Outfit ausgesetzt. Diese
wird nicht verschämt hinter vorgehaltener Hand zugegeben, sondern
idealisiert – wo aber die eigene Existenz an den Besitz eines Arbeitsplatzes
gekoppelt ist, wird die Konkurrenz um denselben zum puren Sozialdarwinismus.
Immer mehr Menschen, die vom Arbeitsmarkt abgeschnitten werden, sind
der materiellen und sozialen Verelendung preisgegeben. Der asoziale
Reflex »gegen den anderen« wird in der permanenten Konkurrenzsituation
erlernt, bevor er sich konsequent in Gewalt ausdrückt.
Rechte
»Kapitalismuskritik« und Antisemitismus
Antisemitismus spielt in der rechten Szene, besonders auch in
Mecklenburg- Vorpommern, eine sehr große Rolle, die sich nicht
nur in permanenten Schändungen jüdischer Friedhöfe
äußert. Wo es lebende Opfer kaum mehr gibt ist man auch
bereit, sich an den Toten zu vergreifen. Im Usedomer Skinhead- Fanzine
Der Fahnenträger wird der verstorbene Vorsitzende des Zentralrats
der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, als »Kaffeeschieber«
diffamiert. Im selben Artikel heißt es: »Wie sagte es
doch Karol Wojtyla alias Papst Johannes Paul II. – Wir müssen
kämpfen, um immer das wahre Gesicht der Juden und des Judentums,
sowie der Christen und des Christentums zu zeigen. Und bei allem was
uns ›bibeltreuen Christen‹ heilig ist, dieser Pole sagt genau das
was uns schon immer auf dem Herzen liegt.« Einige Seiten weiter
werden die ›wahren‹ jüdischen Namen einer Reihe Prominenter ›entlarvt‹:
als Nachweis für die Allgegenwart einer jüdischen Konspiration.
Viele europäische sowie US-amerikanische extreme Rechte bezeichnen
ihre Regierungen als »Zionist Occupation Government« (ZOG),
was soviel heißt, wie »Zionistische Besatzungsregierung.«
Dies unterstellt den Regierungen, sie seien eingesetzte Vertreterinnen
einer halluzinierten jüdischen Weltverschwörung. Der Holocaust
wird – wo nicht geleugnet – gerechtfertigt, wobei sich Neonazis der
strafrechtlichen Relevanz durchaus bewusst sind, wenn sie stets zweideutig
und unklar formulieren. Unverhohlenen Antisemitismus kann man in dem
vom Stralsunder »Freien Nationalisten« Axel Möller
betriebenen stoertebeker.net finden; Juden werden dort tendenziell
immer als »Erbfeind der Deutschen« dargestellt, die »rachsüchtig«
versuchen, sich in den »Volkskörper« einzuschleichen,
um ihn letztendlich zu vernichten.
Paranoide Verschwörungstheorien sind so alt wie verbreitet. Sie
müssen immer dann herhalten, wenn bestimmte Phänomene nicht
anders erklärbar scheinen. Eine seiner populärsten Erscheinungsformen
ist beispielsweise die »geheime Freimaurerloge der Illuminaten«
der Autoren Robert Shea und Robert A. Wilson. Grundmotiv ist stets
eine allmächtige Verschwörung, eine fremde, gefährliche
und destruktive Macht, »die Macht, Gott zu töten, die Beulenpest
loszulassen oder, in jüngerer Zeit, Kapitalismus und Sozialismus
herbeizuführen« (Postone, 1991).
Der moderne Antisemitismus ist das Erklärungsmuster der Rechten
für die unbegreiflichen Gesetze 4 und Zumutungen kapitalistischer
Wirklichkeit in Zeiten zunehmender Globalisierung, das immer dann
Konjunktur hat, wenn ökonomische Krisen soziale Engpässe
verursachen.
Der historische Antijudaismus des Mittelalters beruhte auf dem Vorwurf
des Christusmordes durch »die Juden«. Damals bestand aber
immerhin noch die Möglichkeit einer Konvertierung zum Christentum.
Allerdings führte der religiöse Judenhass unter anderem
zum Zunftverbot für Juden. Diese waren deshalb im frühen
Mittelalter auf den Broterwerb durch Handel und Geldverleih angewiesen.
Sozialer Neid auf den »Gelderwerb ohne Arbeit« prägt
seitdem den modernen Antisemitismus, das Bild vom »faulen, geldgierigen
Juden.« Schon während des Mittelalters fanden Judenpogrome
statt.
Seine mörderische Dynamik gewann der Antisemitismus aber erst
mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und des Kapitalismus.
Durch den Warentausch kam das menschliche Arbeitsprodukt neben seiner
Eigenschaft als konkretem, sichtbarem Gebrauchswert zu einer zweiten,
nämlich der als abstrakter, unsichtbarer Tauschwert. Dieser bemisst
sich an der Menge der in der Ware enthaltenen Arbeit. Während
beispielsweise der Gebrauchswert eines Bleistifts stets derselbe ist,
hängt sein Tauschwert von der zu seiner Produktion notwendigen
Arbeitszeit und den Geschehnissen des Marktes ab.
Zur Vereinfachung des Handels etablierte sich ein allgemeines Tauschäquivalent,
das Geld. Geld und Ware sind also nur die beiden verschiedenen Formen,
in denen sich der abstrakte (Tausch-)Wert, als Ausdruck der im Produkt
enthaltenen Arbeit, darstellt. Wahrgenommen wird der abstrakte Wert
aber nur in der Geldform, die Warenform scheint wegen des in ihr auch
enthaltenen Gebrauchswerts als stofflich- natürliches Ding. Die
Schuld für die kapitalistischen Missstände wird dem Geld
gegeben, es wird sogar mit dem Kapitalismus gleichgesetzt.
Wichtig für das Verständnis des Antisemitismus ist, dass
sich der Kapitalismus auf einer sehr konkreten, sichtbaren Ebene und
einer abstrakten, schwer fassbaren abspielt. Von den Nazis wird dabei
zwischen der »konkret schaffenden, deutschen Arbeit« und
dem »raffenden, jüdischen Kapital« unterschieden.
Kapitalismus findet aus ihrer Sicht nur in der Geld- bzw. Zirkulationssphäre
statt, deren Mechanismen ihnen ein Rätsel sind. Der Produktionsprozess
hat bei ihnen mit dem Kapitalismus nichts zu tun, er wird als direkter
Nachfolger »natürlicher, handwerklicher« Arbeit angesehen.
»Die abstrakte Herrschaft des Kapitals, wie sie besonders mit
der raschen Industrialisierung einhergeht, verstrickte die Menschen
in das Netz dynamischer Kräfte, die, weil sie nicht durchschaut
zu werden vermochten, in Gestalt des ›internationalen Judentums‹ wahrgenommen
wurde« (Postone, 1991). Ebenso wie das Geld wurden auch »die
Juden« als unfassbar mächtig, international, wurzellos
und zersetzend angesehen. Sie waren zwar Bürger vieler europäischer
Staaten, gehörten aber keiner ›Bluts‹- Nation an.
Dem Bild vom »egoistischen jüdischen Wucherer« wurde
das vom »rastlos schaffenden deutschen Arbeiter« gegenübergestellt.
Es entwickelte sich ein spezifischer deutscher Arbeitsbegriff, bei
dem im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern die ständige
körperliche Tätigkeit und weniger das Ergebnis der Arbeit
im Mittelpunkt stand.
Der Antisemitismus ist seit Jahrhunderten kulturell tief in der deutschen
Bevölkerung verankert und mündete schließlich im Holocaust,
der massenhaften industriellen Vernichtung der Jüdinnen und Juden
in Europa.
Nach wie vor sind Rechtsextreme überzeugte Antisemiten; sie leugnen
oder rechtfertigen den Holocaust, sprechen Israel das Existenzrecht
ab und ergreifen für seine Gegner bei jeder Gelegenheit Partei,
wie zuletzt für die Al- Aqsa- Intifada der Palästinenser
– letztendlich geht es ihnen immer wieder um Vernichtung jüdischen
Lebens.
Positiver
Bezug zum Nationalsozialismus
Die Verherrlichung des Nationalsozialismus, die Relativierung
seiner Verbrechen und der positive ideologische Bezug auf ihn sind
für Neonazis von zentraler Bedeutung. Dies drückt sich vor
allem in der Verehrung maßgeblicher Repräsentanten des
Dritten Reichs, in der Verteidigung von Wehrmacht und Waffen-SS, im
Revisionismus und einer idealisierenden Sicht auf die ›Kampfzeit‹
der 20er- und 30er-Jahre aus.
Ein Personenkult wird auch gegenüber Vertretern verschiedener
ideologischer Strömungen des NS betrieben, z.B. bei Adolf Hitler,
seinem Stellvertreter Rudolf Heß, dem SA-Schläger Horst
Wessel oder dem SA- Mitbegründer Gregor Strasser. Des weiteren
spielt die Symbolik des Nationalsozialismus eine wesentliche Rolle,
etwa beim Layout von Zeitschriften oder als Tätowierungen; beliebt
sind auch Stilisierungen und Modifizierungen, wie zum Beispiel die
Triskele, eine dreizackige Abwandlung des Hakenkreuzes.
Mit Parolen wie »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« werden SS
und Wehrmacht glorifiziert und ihre Vernichtungspraxis im Zweiten
Weltkrieg wahlweise geleugnet oder gerechtfertigt. Der Zweite Weltkrieg
sei dem friedfertigen Deutschland aufgezwungen worden; Krieg und Holocaust
sind ihnen bedauerliche Unglücke, die die Deutschen nicht etwa
zu verantworten haben, sondern ihnen zugefügt worden sind – in
der Penetranz der Wiederholung schließlich Wahrheit werdende
Erklärungen.
Als besondere Provokation empfinden Neonazis die Wehrmachts-ausstellung,
gegen die sie in München 1997 (gemeinsam mit Vertretern von CDU
und CSU) mit 5.000 Teilnehmern den größten Neonazi- Aufmarsch
seit Ende der 60er-Jahre durchführten und just am 1. Dezember
2001 in Berlin mit 3.500 Neonazis »Die Ehre der Großväter«
wiederherstellen wollten. Mit dabei die Rostocker Kameradschaft mit
eigenem Transparent. In Mecklenburg- Vorpommern werden alljährlich
und mit zunehmender Begeisterung die Gräber gefallener Wehrmachtssoldaten
in Anklam, Schwerin und vielen anderen _Orten von den Kameradschaften
gepflegt.
Sehr gefährlich, weil auch von Vertriebenenverbänden wie
der einflussreichen Landsmannschaft Ostpreußen immer wieder
geäußert: die Forderung nach »Rückübertragung«
der »verlorenen deutschen Ostgebiete.« Frieden könne
nur herrschen, wenn die »natürliche Raumordnung«
wiederhergestellt sei. Abgesehen davon, dass dies angesichts der deutschen
Geschichte eine bodenlose Frechheit ist, ist diese revisionistische
Forderung letztendlich uferlos: Geträumt wird abermals von einem
Deutschland, »in dem die Sonne niemals untergeht.«
Besondere Faszination besitzt für Neonazis auch die ›Kampfzeit‹
der Weimarer Republik vor 1933. Axel Möller fand auf einer Demo
in Hagenow am 18. August 2001 nicht nur rühmende Worte für
Rudolf Heß, sondern auch für den Kommunisten Ernst Thälmann.
Dabei ging es offenbar um mehr als ein codiertes Angebot zur Zusammenarbeit
an die Linke: Thälmann sei ein aufrechter Kämpfer gewesen,
der im Kampf für seine Ideale in den Tod gegangen sei. Hier scheint
der Wunsch nach einer Zeit durch, in der noch »große Kämpfe«
geführt wurden und in denen es um »etwas ging«, die
jene »aufrechten Recken« hervorbrachte, wie sie Möller
und seinesgleichen selbst gern wären.
Sie
wollen Maschinen sein ...
Die Feindbilder der Rechten sind ob ihrer negativen Ableitung
vom Bild des ›Deutschen‹ mannigfaltig und flexibel. Die Vorstellung
vom ›Deutschen‹ dagegen ist sehr konkret und von einem manischen Ordnungsdenken
bestimmt. Der ›Deutsche‹ verfügt über die ›deutschen Tugenden‹,
er soll sauber, pünktlich und zuverlässig, wehrhaft und
gesund, leistungswillig und stark, hart und opferbereit sein.
Die Ursachen für dieses roboterhafte Selbstbild sind unter anderem
in den Sozialisationsbedingungen rechter Jugendlicher zu suchen: Tatsächlich
weisen diese Jugendlichen oft gebrochene Biografien auf. Aber auch
Jugendliche ohne Missbrauchs- und andere Gewalterfahrungen sind in
ihrer Persönlichkeitsbildung eingeschränkt.
Ob die Jugendlichen noch zu DDR-Zeiten in den ›Genuss‹ der Vermittlung
preußischer Tugenden gekommen sind oder im Kapitalismus zu Konkurrenzsubjekten
zurechtgestutzt werden, ist dabei nicht wesentlich. In jedem Fall
nehmen sie sich nicht als handelnde, bewusst ihre Umwelt gestaltende
Individuen wahr, sondern als Objekte der sie umgebenden Verhältnisse.
Diese objektive Schwäche drückt sich als Schwäche in
der Persönlichkeitsbildung aus, den Jugendlichen fehlt eine innere
Stabilität, ein inneres ›Rückgrat‹.
Als Ersatz für das ›innere Rückgrat‹ bauen sie sich einen
äußeren Schutzpanzer, der sich im Bedürfnis nach »geordneten
Verhältnissen«, übersichtlichen Strukturen und einfachen
Erklärungsmustern, im Wunsch nach »Ordnung und Sauberkeit«
und in der Präsentation eines martialischen Habitus ausdrückt.
Sie fühlen sich aufgehoben in Hierarchien und Befehlsketten,
in denen sie keine Verantwortung tragen und nur funktionieren müssen.
Sie sind ihren Führern ebenso gute Untertanen wie sie dem unter
ihnen liegenden Teil der sozialen Hierarchie Despoten sind – sie machen
sich zum Objekt, zu einer Funktion, einem wesenlosen Ding.
Diese Panzerung ist ein ungeheurer Akt der Selbstunterdrückung.
Die eigenen Bedürfnisse werden gefürchtet und negiert. Sie
haben Angst vor Geheimnisvollem, Unberechenbarem und Fremdem. Dies
betrifft vor allem auch die Sexualität: Die erotische Frau ist
ihnen eine Bedrohung, weibliche Lust schmutzig und obszön. Sie
hassen die Weiblichkeit, weil sie Angst vor ihr haben. Resultat ist
ein hochgradig patriarchales Frauenbild: Sie reduzieren die Frau auf
die Rolle als Sexobjekt und/oder Mutter. Deren Aufgaben sind die »Kinderaufzucht«
und die Fürsorge für den »kämpfenden Mann.«
Zu emotionalen Beziehungen sind die rechten Jungmänner unfähig,
sie kennen nur Herrschaftsverhältnisse, auch gegenüber Frauen.
Vor ihnen und den eigenen Emotionen ›schützen‹ sie sich in Männerbünden
und Kameraderie. Und doch ist dies ein »stummer Schrei nach
Liebe.«
Dazu kommt eine panische Homophobie und bei einem Teil der Jugendlichen
auch die Verdrängung der eigenen Homosexualität. Die funktionslose
Liebe ist ihnen ein ›Verbrechen‹; Sex hat der Fortpflanzung zu dienen,
mindestens aber der Manifestation männlicher Herrschaft.
»Alles Denken ist ihnen verhasst. Sie pfeifen auf den Menschen!
Sie wollen Maschinen sein, Räder, Kolben, Riemen – doch noch
lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnells,
Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld!
Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.«
(Horvath, 1937).
Die
Mitte der Gesellschaft
»Die Verbreitung einer bestimmten Ideologie impliziert,
dass sie eine Resonanz besitzen muss, deren Ursprung zu erklären
ist.« (Postone, 1991)
Dass der Rechtsextremismus von irgendwo aus der Mitte der Gesellschaft
käme, ist inzwischen eine Einsicht, die sich gesellschaftlich
durchgesetzt hat. Was das aber bedeutet, bleibt weit gehend ausgeblendet.
Es muss doch in dieser Gesellschaft inhaltliche Anknüpfungspunkte
für rechte Gedanken geben. Es müssen sich Menschen in Situationen
befinden, die es ihnen attraktiv erscheinen lassen, sich geistig und
moralisch derart zu verstümmeln, sich selbst aufzugeben, für
eine Sache, von der sie keinen materiellen Nutzen haben, die ihnen
emotionale Befriedigung nur in Gewalt verspricht.
Das Beste, was die Gesellschaft tun kann, um dem rassistischen Treiben
im eigenen Wohnzimmer zu begegnen, ist, sich vor allem mit sich selbst
auseinander zu setzen. Nazis dort zu bekämpfen, wo sie schon
sind, ist ein mühseliges und wenig Erfolg versprechendes Unterfangen.
Und es erscheint doppelt sinnlos, wenn die Mitte permanent nach Rechts
sich schiebt. Rechte Ideologie hat nur dort Erfolg, wo sie mehr verspricht,
als die realen Lebensumstände halten. An diesen muss angesetzt
werden, und das bedeutet wesentlich mehr, als den Jugendlichen Lohnarbeit
aufzubürden, damit sie keine Zeit haben, Ausländer zu jagen.
»Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die
Ursachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen
fortbestehen, wird sein Bann bis heute nicht gebrochen.« (Adorno,
1963)
Zum
Toleranzbegriff
Toleranz ist zum Kampfbegriff des »Aufstands der Anständigen«
geworden. Inzwischen fordern auch die Nazis Toleranz für sich
ein. Nicht nur deshalb handelt es sich um einen problematischen Begriff.
Toleranz bedeutet immer, dass aus einer Machtposition heraus etwas
›Anderes‹ geduldet wird. Sie zementiert somit ein Herrschaftsverhältnis,
in welchem das Dominante die Möglichkeit besitzt, über das
Schicksal des zu [Er-]Duldenden zu entscheiden. Wenn Toleranz als
Mittel gegen Fremdenfeindlichkeit beschworen wird, dann ist eigentlich
schon alles zu spät. Denn ihre Realisierung benötigt die
›Anderen‹. So gemeint muss das ›Andere‹ fremd bleiben.
1)
Rotermundt, Rainer: Verkehrte Utopien. Nationalsozialismus – Neonazismus
– Neue Barbarei. Frankfurt/M., 1980, S. 82, zitiert aus Jungle World
34/2001.
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