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Geschichte
der Antifaschistischen Aktion
[Autonome Antifa [M] Göttingen]
Im folgenden geht es um die Entstehung der Antifaschistischen Aktion
von 1932. Um zu verstehen, wie es zur Gründung dieser Initiative
kam, ist es notwendig, die geschichtliche Entwicklung zu betrachten,
aus der diese Bewegung entstanden ist. Entscheidend für die Politik
und organisatorische Gestaltung waren sowohl die Erfahrungen der Kampforganisationen
kommunistischer als auch sozialdemokratischer ArbeiterInnen. Darüberhinaus
spielten die Erfahrungen und Niederlagen der revolutionären Aufstände
innerhalb des Deutschen Reiches und Weimar seit 1918 eine Rolle.
Im folgenden wird deshalb kurz dargestellt, welche Aufstände
es gegeben hat, um dann zur Suche nach Fehlern und fortschrittlichen
Ansätzen innerhalb der Antifaschistischen Aktion zu kommen. Um
zu begreifen, welche Unzulänglichkeiten dazu führten, daß
auch ein alles in allem positiv zu bewertender Ansatz linker Kräfte
- wie die Antifaschistische Aktion - nicht vermochte, faschistische
Tendenzen innerhalb der Weimarer Republik und letztlich den Faschismus
umgreifend zu bekämpfen oder aufzuhalten, ist ein Verständnis
des geschichtlichen Hintergrundes unabdingbar.
Der 9. November 1918
Vaterland statt Klassenkampf
Der 9. November - Revolution und "Dolchstoß"
Die Rolle der SPD
Bewaffnete Aufstände
Freikorps
Berlin 1919
Frühjahr 1919
Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920
Generalstreik als Waffe gegen den Putsch
Fortschritt oder Reaktion 1921-1923
Mitteldeutscher Aufstand
Der Rathenaumord und die erste antifaschistische Einheitsfront
1923
Eine andere Seite
Zeit der Konsolidierung
Politik der Kommunistischen Internationale
"Abweichler" und "Versöhnler"
Analyse contra Einheitspolitik
Die Sozialfaschismusthese
Antifaschistische
Organisationen in der Weimarer Zeit
Warum Wehrverbände?
SPD-nahe Organisationen
Das Reichbanner Schwarz-Rot-Gold
Die Eiserne Front
KPD-nahe Organisationen
Proletarische Hundertschaften - Vorläufer des RFB
Die Gründung des Roten Frontkämpferbundes (RFB)
Exkurs zu den Unterorganisationen des RFB
Roter Jungsturm (RJ)
Die Rote Marine
Der Rote Frauen- und Mädchenbund (RFMB)
Einheitsfrontbestrebungen anhand der Fürstenenteignungskampagne
Bilder der Straßen
Das Ende von Weimar
Der Beginn der Weltwirtschaftskrise
Die parlamentarische Demokratie auf dem Weg zum Nationalsozialismus
Die hinhaltende SPD
Der Preußenschlag
Zur Bedeutung Preußens
Das Zögern wird zur Ohnmacht
Zurück zum Antifaschismus
Der Kampfbund gegen den Faschismus (KGF)
Die Antifaschistische Aktion
Roter Massenselbstschutz
Auseinandersetzungen
Verschiedene Ansätze
Fazit
Einige Gründe des Scheiterns des antifaschistischen
Widerstands
Anmerkungen zu inhaltlichen Schwächen
Letzte Worte
Der
9. November 1918
Der Krieg sollte nur wenige Wochen dauern, das jedenfalls war
das Versprechen der deutschen kriegführenden Regierung beim Ausbruch
des I. Weltkrieges im August 1914. Aus Monaten wurden Jahre, ohne
daß ein Ende des Krieges abzusehen war. Massenhafter Tod und
unvorstellbares Elend ließen die anfängliche nationale
Kriegsbegeisterung schnell schwinden. Im besonderen die katastrophale
Lebensmittelversorgung in Ballungsgebieten (Städten, Industrieregionen)
und an der Front hatte die Bevölkerung und einen Teil der Soldaten
mehr und mehr gegen den Krieg eingenommen.
Mit Kriegsbeginn wurde über jede deutsche Provinz der Belagerungszustand
verhängt, zur Steigerung und Aufrechterhaltung der Produktion
auch während des Krieges und zur Vermeidung von Streiks und Unruhen
wurden Arbeitsschutzgesetze aufgehoben.
Die Militarisierung der Betriebe, die Einsetzung vonFrauen in die
der Rüstungsindustrie, die Überwachung und das Verbot mißliebiger
Versammlungen, die Einberufung "aufgefallener Rädelsführer"
zum Militär, Sicherheitshaft und kriegsrechtlich schnelle Verurteilung
linker Kräfte sowie eine scharfe Zensur über alle Publikationen,
waren die wichtigsten Instrumente, die der Staatsgewalt im Krieg zusätzlich
zur Verfügung standen, um die Kriegsproduktion ideologisch und
ökonomisch aufrecht zu erhalten.
Vaterland
statt Klassenkampf
Die sozialdemokratische Reichtstagsfraktion hatte die zur Kriegsführung
benötigten Kredite im August 1914 bewilligt (»Wir lassen
in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich«)
und trug während des Krieges mehrheitlich die obrigkeitstaatliche
Politik (Verzicht auf Lohnforderungen und Streikmaßnahmen, Zusammenarbeit
mit Unternehmern und staatlichen Stellen).
Sie hatte innenpolitisch "Burgfrieden" geschlossen mit den
Nationalisten und Reaktionären und verzichtete bereitwillig auf
eine grundlegende Konfrontation mit den ökonomisch und politisch
Herrschenden. Die revisionistischen Positionen, die unterschwellig
schon vor Beginn des I. Weltkrieges die Politik der Sozialdemokratie
und Gewerkschaften bestimmt hatten, beherrschten nunmehr offen ihre
Politik.
Je länger der Krieg jedoch andauerte, desto brüchiger wurde
der Burgfrieden. Die Militärdiktatur im Innern des Landes, wachsende
Not und Elend, zunehmender Vertrauensverlust der Bevölkerung
in die alten obrigkeitsstaatlichen Autoritäten und eine wachsende
Opposition innerhalb der traditionellen ArbeiterInnenorganisationen
SPD und Gewerkschaften, dazu eine wachsende antimilitaristisch geprägte
Kriegsmüdigkeit verschärften die Spannungen im Gesellschaftsgefüge,
vor allem zwischen den Klassen.
Vor diesem Hintergrund entstand eine politische oppositionelle Massenbewegung,
die das Geschehen Ende 1918 entscheidend bestimmte.
Der
9. November - Revolution und "Dolchstoß"
Kam es im April 1917 schon zu einer Streikbewegung in der Rüstungsindustrie
und bereits im August 1917 zu einer Meuterei in der deutschen Flotte,
blieben all diese Aktionen trotzdem bis dahin zunächst erfolglos.
Mit der Oktoberrevolution 1917 in Rußland, dem Sieg der RevolutionärInnen
über das alte Zarenreich, bekamen die revolutionären Kräfte
im Deutschen Reich einen entscheidenden Impuls.
Als nach der gescheiterten deutschen Offensive vom Sommer 1918 die
militärische Niederlage unübersehbar bevorstand, vollzog
die monarchistisch-nationalistische "Obere Heeresleitung"
unter Generalfeldmarschall von Hindenburg und Ludendorff eine plötzliche
Wende und forderte die Bildung einer parlamentarischen - auch von
der SPD mitgetragenen - Reichsregierung als Voraussetzung für
Waffenstillstandsverhandlungen. Mit diesem taktischen Schwenk wollten
sich die reaktionären - mit ihrer Kriegspolitik gescheiterten
- Militärs aus der Verantwortung für die Folgen des verlorengegangenen
Krieges ziehen.
Zugleich wurde damit der Grundstein für die "Dolchstoßlegende"
gelegt, welche die Entstehung der Weimarer Republik mit dem Makel
republikanischen Kapitulantentums verband. Für die reaktionären
Kräfte war der I. Weltkrieg nur deshalb verloren gegangen, weil
die verhaßten "Sozialisten und Demokraten den deutschen
Soldaten den Dolch in den Rücken gerammt" hatten.
Als Kaiser Wilhelm II. die Gesetze zur Einführung einer Parlamentarischen
Monarchie unterschrieb, meuterten in Wilhelmshaven bereits Mannschaften
gegen die Marineleitung, die zur "Ehrenrettung" der kaiserlichen
Marine einen letzten und chancenlosen Flottenvorstoß unternehmen
lassen wollte.
Die erschöpften und kriegsmüden Matrosen verstanden dies
als Kampfansage auf "ihre friedenswillige" Reichsregierung.
Am 3. November 1918 erfolgte der Aufstand der Kieler Matrosen; Dockarbeiter
schlossen sich dem Aufstand an und beschlossen den Generalstreik.
Zwischen dem 4. und 9. November 1918 verbreitete sich der Aufstand
über ganz Deutschland. In vielen Städten übernahmen
spontan gewählte Arbeiter- und Soldatenräte die Kontrolle,
so zum Beispiel in Lübeck, Hamburg, Bremen, Wilhelmshaven, Hannover,
Köln und vielen anderen Städten.
Ȇberall geschah wie auf stillschweigende Verabredung dasselbe:
Die Soldaten der Garnisonen wählten Soldatenräte, die Arbeiter
wählten Arbeiterräte, die Militärbehörden ergaben
sich oder flohen. Die zivilen Behörden erkannten erschrocken
und verschüchtert die neue Oberhoheit der Arbeiter- und Soldatenräte
an. Das äußere Bild war überall dasselbe: Überall
große Umzüge auf den Straßen, große Versammlungen
auf den Marktplätzen (...). Überall wurden als erstes die
politischen Gefangenen befreit, nach den Gefängnissen die Rathäuser,
die Bahnhöfe, die Generalkommandos, manchmal auch Zeitungsredaktionen
besetzt.«
(Sebastian Haffner, Die Verratene Revolution, München 1969)
Der 9. November markiert das Ende des I.Weltkrieges; in der Nacht
zum 10. November floh Kaiser Wilhelm II. über Belgien nach Holland.
Im Zuge der Revolution wurden verschiedene politische und soziale
Errungenschaften wie der 8-Stundentag oder allgemeine (und Frauen-)Wahlrecht
erkämpft (zuvor 3-Klassen-Wahlrecht!).
Die
Rolle der SPD
Die Rolle der SPD läßt sich nur aus ihrer traditionellen
Position als Vertreterin der revolutionären ArbeiterInnenschaft
verstehen.
Die Räte als (spontan entstandene) radikaldemokratische Basisorganisationen
waren nicht unmittelbar sozialistische oder spartakistisch/ kommunistische
Organisationen.
Die Streikbewegung, die sich Arbeiter- und Soldatenräte als Führungs-
und Organisationsgremien schufen, waren mehrheitlich SozialdemokratInnen
und glaubten sich eins mit ihrerParteiführung im Willen um eine
grundlegende, revolutionäre Veränderung.
Das Bewußtsein breiter Schichten der ArbeiterInnen, die die
Revolution mittrugen, war auf die SPD fixiert. Einer Partei, die alles
andere als die Revolution im Sinn hatte und die sich im Kern auch
schon ordnungsgemäß in das bürgerliche Parteienspektrum
eingegliedert hatte. (Ebert, Vorsitzender der SPD zu Prinz Max von
Baden am 6. November 1918: »Wenn der Kaiser abdankt, ist die
soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja ich
hasse sie wie die Sünde.«). Zwar stimmten die SozialdemokratInnen
der staatsrechtlichen Stellung der Räte zu: »Die politische
Macht liegt in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte
der deutschen sozialistischen Republik. Ihre Aufgabe ist es, die Errungenschaften
der Revolution zu behaupten und auszubauen, sowie die Gegenrevolution
niederzuhalten.« Doch je mehr die Räte ihre Kompetenzen
auszuüben versuchten, desto stärker propagierte die SPD
die Nutzlosigkeit der Rätevertretungen, da es inDeutschland ja
eine "revolutionäre Regierung" gäbe. Sie war von
Beginn an damit beschäftigt, im Bündnis mit den alten gesellschaftlichen
Kräften (Militär, Junkertum, Verwaltung) die revolutionäre
Bewegung "zurückzurollen".
Auf dem Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte in
Berlin im Zirkus Krone vom 16. bis 20. Dezember 1918 ging es um die
Frage der Volksvertretung. Hier wurde die Entscheidung zwischen Rätesystem
oder Nationalsversammlung (bürgerlicher Demokratie) durch die
Arbeiter- und Soldatenräte gefällt, die zunächst mit
dem "Rat der Volksbeauftragten" der SPD und USPD ihr Vertrauen
aussprachen, im trügerischen Glauben daran, daß ihren Forderungen
nach Sozialisierung der Industrie, nachErgreifung aller Maßnahmen
zur Entwaffnung der konterrevolutionären Truppen, nach Errichtung
einer Volkswehr anstelle der Reichswehr u.a. unverzüglich Folge
geleistet würde. Die Wahl der Nationalversammlung wurde auf den
19. Januar 1919 angesetzt. Damit hattensich bereits tendenziell die
rechten Führer der Sozialdemokratie durchgesetzt und noch im
Jahre 1918 begann die blutige Niederschlagung revolutionärer
Kräfte unter Führung der SPD, die mehr Opfer mit sich brachte
als die Revolution selbst. (Angriff auf die Volksmarinedivision durch
die Reichswehr in Berlin; 24. Dezember 1918).
Doch am gestecktenZiel der SPD mit allen Mitteln, selbst gegen große
Teile der ArbeiterInnen, eine Nationalversammlung durchzusetzen, kam
es zum Bruch mit der USPD. Die SPD verfolgte ihr Ziel unter anderem
bereits zu dieser Zeit in Bündnissen mit reaktionären Kräften
in Militär und Wirtschaft.
Bewaffnete
Aufstände
Freikorps
Oben bereits erwähnt ist die Tatsache, daß unter der Führung
der SPD rechte Freikorpsverbände gegen aufständische Soldaten
und streikende ArbeiterInnen eingesetzt wurden.
»Bereits seit Ende November/ Anfang Dezember 1918 hatten kaiserliche
Offiziere im Auftrag der OHL (oberste Heeresleitung, d.V.) in vielen
Teilen Deutschlands der Reaktion ergebene Kräfte zu konterrevolutionären
Formationen zusammengefaßt, denen sie die von 1912/13 bekannte
und populäre Bezeichnung "Freikorps" gaben. Die rekrutierten
sich vorwiegend aus dem Offiziers- und Unteroffizierskorps der kaiserlichen
Armee, aus Studentenkreisen, aus kleinbürgerlich-bäuerischen
Elementen sowie aus Randschichten der werktätigen Klassen. Politisch-ideologisch
standen die Freikorps auf dem Boden eines militanten Antikommunismus
und Chauvinismus mit starken monarchistischen Tendenzen. Gliederung,
Bewaffnung, Ausrüstung und Ausbildung entsprachen ihrem Bürgerkriegsauftrag.
Die Kommandogewalt der Offiziere war in ihnen wieder völlig hergestellt.
Gestützt auf Geldmittel des Reiches sowie auf beträchtliche
finanzielle Zuschüsse von Konzernen und reaktionären Organisationen,
konnten ihren Angehörigen einen hohen Sold zahlen.«
(Dreetz/Geßner/Sperling, Bewaffnete Aufstände inDeutschland
1918-1923, Militärverlag der DDR, 1988).
Berlin
1919
Noch vor den Wahlen zur Nationalversammlung wurden Schritte seitens
der politischen Führung eingeleitet, die auf die Bekämpfung
revolutionärer Errungenschaften schließen ließen.
So wurde der Berliner Polizeipräsident Emil Eichorn, der als
linker Vertreter der USPD galt, von der SPD aus dem Amt entfernt und
steckbrieflich gesucht. Dies war Anlaß und Ausgangspunkt für
die bewaffneten Auseinandersetzungen im Berliner Zeitungsviertel.Waren
es zunächst Demonstrationen für den Erhalt des fortschrittlichen
Polizeipräsidenten Eichorn und für Volksbewaffnung gewesen,
mündeten diese in dem Entschluß, notfalls bewaffnet gegen
die Regierung vorzugehen und deren Absetzung zu fordern.
Ab dem 4. Januar bis zum 12. Januar 1919 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen
zwischen RevolutionärInnen und eingesetzten Freikorpsverbänden.
Verhielt sich die Reichswehr in Berlin anfänglich weitesgehend
neutral, ging die politische Führung der SPD mit Noske (offiziell
"Befehlshaber der regierungstreuen Truppen in und um Berlin")
mit den Worten »Meinetwegen! einer muß der Bluthund werden,
ich scheue die Verantwortung nicht.«, in die Geschichte ein.
Er erlies im Laufe der Kämpfe den Befehl, jedeN bewaffneteN ArbeiterIn
zu erschießen. Ihren Höhpunkt und Ende fanden die Kämpfe
in denAuseinandersetzungen um das "Vorwärts"-Verlags-
und Druckhaus. (Die Zeitung "Vorwärts" war das Organ
der SPD).Die Tage der Kämpfe und die anschließenden Durchsuchungen
nach Waffen, vor allem bei kommunistischen ArbeiterInnen kosteten
mehreren hundert RevolutionärInnen das Leben. Im Zuge der Razzien
und Festnahmen wurden am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Leibknecht
durch konterrevolutionäre Truppen ermordet.
Unter dem Eindruck der blutigen Niederschlagung der revolutionären
Soldaten und ArbeiterInnen fand am 19. Januar 1919 die Wahl zur Nationalversammlung
statt. Als Sieger gingen die bürgerlichen Parteien der Mitte
unter Führung der SPD (Ebert) hervor. Die am 1. Januar 1919 gegründete
KPD beteiligte sich folgerichtig nicht an der Wahl zur Nationalversammlung,
da sie für ein Rätesystem eintrat. So begann die Weimarer
Republik auf dem Blut der RevolutionärInnen ihre Geschichte.
Frühjahr
1919
Auch die Folgezeit der revolutionären Erhebung vom 9. November
1918, das Frühjahr 1919, war dadurch gekennzeichnet, daß
über das gesamte DeutscheReich verteilt immer wieder Forderungen
nach einer Räteregierung, einem sozialistischen System erhoben
wurden. So kam es beispielsweise sowohl in Mitteldeutschland, um Halle
als auch im Ruhrgebiet zu großen Massenstreiks, die die Wahl
von Betriebs- und Arbeiter- und Soldatenräten forderten. Immer
wieder wurden reaktionäre bewaffnete Freikorps und Reichswehr
gegen die ArbeiterInnen eingesetzt. In Bremen und in München
wurde der Versuch unternommen, eine Räteregierung zu errichten
und durchzusetzen. Überdauerte die Bremer Räterepublik lediglich
knapp zwei Wochen - sie wurde bereits am 6. Februar 1919 niedergeschlagen
- konnte in München die Räterepublik länger überleben
(2 Phasen). Aber auch sie wurde nach einem Monat blutig niedergeschlagen
und fand am 4. Mai 1919 ihr Ende. Beide Räterepubliken wurden
auf Befehl aus Berlin von Reichswehrminister Noske (SPD) niedergeschlagen.
Auch hier erging jeweils der Befehl, keine FührerInnen der Räte
lebend entkommen zu lassen.
»Von Januar bis Mai 1919, mit Ausläufern bis in den Hochsommer
hinein, tobte in Deutschland ein blutiger Bürgerkrieg, der tausende
von Todesopfern und unsägliche Bitterkeit (unter den revolutionären
ArbeiterInnen, d. V.) hinterließ (...). Überall ging es
nur um eins: um die Existenz der Arbeiter- und Soldatenräte und
damit um die Legitimität der Revolution. Noskes "Städteeroberer",
General Maerker, hat das ganz offen ausgesprochen: "Im Kampf
der Reichsregierung (unter Federführung der SPD, d.V.) handelte
es sich ausschließlich um die Erhaltung der politischen Macht.
Zu diesem rein politischen Zweck wurde die Truppe eingesetzt: als
Machtmittel zur Festigung der inneren Politik. Die Schwäche der
Regierung gestattete es aber nicht, das offen zu sagen. Sie fürchtete
sich, Farbe zu bekennen, und zu erklären, daß die Freiwilligentruppe
dazu diene, die Räteherrschaft zu beseitigen, wo sie noch bestand,
denn darauf kam es letzten Endes an. Sie umging es, indem sie militärische
Angelegenheiten zum Anlaß desEingreifens machte. Mir lag dieses
unaufrichtige Verhalten keineswegs. Ich hätte den Arbeiterführern
gegenüber sicherer dagestanden, wenn ich offen hätte erklären
können: Meine Anwesenheit bedeutet den Kampf gegen die von euch
erstrebte Räteherrschaft und gegen die Gewaltherrschaft des bewaffneten
Proletariats."«
(Sebastian Haffner, Die verratene Revolution, München 1969).
Die Niederschlagung der Münchener Räterepublik am 4. Mai
1919 steht als Ende der Novemberrevolution im Deutschen Reich. Hauptsächliche
Ursachen für das Scheitern sind nicht nur in der militärischen
Schwäche und der voneinander isoliert stattgefundenen Aufstände
der RevolutionärInnen zu suchen. Politisch entscheidend war das
Vertrauen des Gros der Basis in die Führung der SPD, die es immer
wieder verstand in den Verhandlungen (basis)demokratisch aufzutreten,
aber parallel in Wirtschaft, Politik und Militär längst
mit den reaktionären Kräften ein Bündnis eingegangen
war, um ihre machtpolitische Stellung als nun staatstragende Partei
abzusichern.
Zwar hatte sich der Rätegedanke - in Anlehnung der Oktoberrevolution
1917 in Rußland -, der den politischen Ausdruck für die
Errungenschaften der Revolution darstellte, gegen den rechten Flügel
(Führer) der Sozialdemokratie nicht durchsetzen können,
dennoch kam es noch bis Ende 1923 immer wieder zu Erhebungen und Bestrebungen
revolutionärer Kräfte.
Der
Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920
Rechtsreaktionäre Kräfte, bestehend aus Kreisen der
Wirtschaft, adeligen Offizieren, sowie Vertretern aus dem deutschnationalen
Parteienspektrum versuchten im März des Jahres 1920 einen Putsch,
um eine Militärdiktatur zu erzwingen. Die ersten Putschvorbereitungen
wurden von einflußreichen Kapitalisten maßgebend unterstützt,
so z.B von Hugo Stinnes und Wolfgang Kapp, Gutsbesitzer, Direktor
der ostpreußischen Generallandschaft (einer öffentlich
rechtlichen Kreditanstalt).Er war desweiteren im Aufsichtsrat der
DeutschenBank und im Hauptvorstand der Deutschnationalen Volkspartei
(DNVP) tätig und arbeitete Hand in Hand mit dem General der Infantrie,Walter
Freiherr von Lüttwitz.
»VonReusch, Krupp, Hugenberg,Stinnes, der Deutschen Bank, der
Commerzbank, der Dresdner Bank, der Nationalbank und ähnlichen
Kreisen finanziert, von der deutschnationalen und volksparteilichen
Führung unterstützt, schufen sie eine Dachorganisation der
Verschwörer, die "Nationale Vereinigung", mit Pabst,
Ludendorff, Lüttwitz und dem als Ultrachauvinisten bekannten
antikommunistischen Gutsbesitzer Kapp an der Spitze, (...). Bereits
Mitte September 1919 erließ Lüttwitz, dem die republikanische
Regierung (...) den höchsten Offiziersposten (Befehlshaber des
Reichswehrgruppenkommandos I) überlassen hatte, einen "Vorbereitenden
Befehl zur Unterdrückung größerer Unruhen", der
zum "rücksichtslosen Gebrauch der Machtmittel" verpflichtete
und durch "allgemeine Richtlinien für die Bekämpfung
des Generalstreiks" ergänzt wurde. Während die Reaktionäre
im ganzen Lande einen wüsten Propagandafeldzug gegen die Regierung
starteten, entwarfen die Staatsstreichler im engsten Kreise eine Notstandsverfassung,
deren Inhalt sich in einem Satz zusammenfassen läßt: Wer
nicht pariert, wird arretiert.
Die ultrachauvinistischen und verbissen antisowjetischen Verschwörer
rechneten sich nicht zuletzt deshalb eine Chance für ihr "Unternehmen"
aus, weil sie die weltpolitische Situation für die Wiedererrichtung
eines schwarzweißroten Reiches für günstig hielten.«
(Wolfgang Ruge,Weimar - Republik auf Zeit, S. 51; das europäische
buch; Literaturvertrieb GmbH Westberlin, (c) 1969 by Deutscher Verlag
der Wissenschaften Berlin, DDR).
Am 13. März 1920 wurde der Putsch über Berlin ausgelöst.
Kapp ernannte sich selbst zum Reichskanzler und preußischen
Ministerpräsidenten. Friedrich Ebert, damaliger Reichspräsident
und fast alle Mitglieder der Regierung flohen erst nachDresden und
dann nach Stuttgart, weil bekannt geworden war, daß die Putschisten
diese verhaften lassen wollten.
Generalstreik
als Waffe gegen den Putsch
Zu dieser Zeit lebten etwa vier Millionen ArbeiterInnen im Ruhrgebiet.
Viele waren im Bergarbeiterstreik von 1912, sowie in Streikkämpfen
des I. Weltkrieges und an der Novemberrevolution 1918 beteiligt gewesen.
Deshalb war es nicht verwunderlich, daß gerade diese Region
an der Spitze des Kampfes gegen die rechten Putschisten stand. Der
militärische Ausnahmezustand wurde per Verordnung über die
Regierungsbezirke Arnsberg, Düsseldorf, Minden und Münster
erlassen. Dagegen wuchs die Empörung zusehends. Die Vertreter
der drei ArbeiterInnenparteien USPD, KPD,SPD verurteilten den Putsch
und forderten geeint den Generalstreik, der am 14. März 1920
mit einem gemeinsamen Aufruf eingeleitet wurde.
Zwei Zielsetzungen charakterisierten die politischen Vorstellungen:
Zum ersten die Erringung der politischen Macht auf der Grundlage des
Rätesystems und zum zweiten die sofortige Sozialisierung vieler
Betriebe. Es folgte der Generalstreik und Demonstrationen in Bochum,
Duisburg, Essen, Hagen, Hamborn, Haspel, Unna und Wetter. Zur Verteidigung
und Durchsetzung des Generalstreiks und der politischen Forderungen
begannen sich die ArbeiterInnen zu bewaffnen.Sie schafften es innerhalb
weniger Tage ca. 10000 Männer und erstmalig auch einen größeren
Anteil vonFrauen, in bewaffneten Verbänden der Roten Ruhrarmee
aufzustellen und ihre politische und militärische Führung
sowie die Versorgung der Arbeiterformationen weitgehend zu sichern.
Ähnliche Volkswehren wie die Rote Ruhrarmee waren die erste Volksarmee
Thüringens, die Rote Vulkanarmee inStettin, die Rostocker ArbeiterInnenwehren
und die Roten Garden in der Niederlausitz. In diesem, mehrere tausend
ArbeiterInnen umfassenden Wehren, waren vorwiegend politisch organisierte
ArbeiterInnen, die über militärische Erfahrung noch aus
dem I.Weltkrieg verfügten. Sie entstanden auf Orts-, weniger
auf Betriebsbasis. Mit dem Generalstreik war den Putschisten die ökonomische
und politische Basis entzogen worden und der Putsch war somit gescheitert.
Nachdem die Putschisten abgesetzt waren, übernahm die SPD wieder
die politische Führung.Die bewaffneten Ruhraufständischen
weigerten sich jedoch mehrheitlich die Waffen abzugeben und ihre politischen
Vorstellungen fanden in der Forderung nach einer Räteregierung
ihren Ausdruck.
»Die drei sozialistischen Parteien des Industriegebietes, die
heute morgen zu einer Konferenz hier vereinigt waren, stellten sich
einmütig auf den Standpunkt, daß alle Kräfte eingesetzt
werden müssen, um die Reaktion niederzuschlagen. (...) Wir verlangen
sofortige Einstellung der Truppenbewegung, da wir sonst gezwungen
sind, in berechtigter Abwehr zum Angriff zu schreiten, um zu verhindern,
daß zusammengezogene reaktionäre Truppenkörper im
Industriegebiet den weißem Schrecken einführen. (...).
Im Gegensatz zu allen anderen Behauptungen erklären wir, daß
im Industriegebiet größte Ruhe und Ordnung herrscht und
die Arbeit mit Ausnahme der unter Waffen stehenden Arbeiter voll aufgenommen
wurde. Wir bitten sofortige Entscheidung zu treffen.«
(Forderung der drei ArbeiterInnenparteien SPD, USPD und KPD des Industriegebietes
an Reichspräsident Ebert nach Einstellung des Vormarsches gegenrevolutionärer
Truppen, Hagen, 21. März 1920).
Wieder spielte die SPD die Rolle, die sie schon während der Aufstände
im November 1918 gespielt hatte. Unter Zusicherung, die rechten Freikorpsverbände
nicht gegen die RevolutionärInnen einzusetzen, wurden die ArbeiterInnen
dazu gebracht, ihre Waffen abzuliefern (Bielefelder Abkommen).
Ihr Versprechen hielt die SPD, nicht die rechts-reaktionären
Freikorps marschierten in das Ruhrgebiet ein, sondern die Reichswehr
rückte vor und metzelte die größtenteils entwaffneten
ArbeiterInnen nieder. Allerdings waren die Freikorps kurzerhand in
die Reichswehr als bezahlte Söldner eingegliedert worden. So
marschierten die gleichen reaktionären Freikorpsler nicht mit
dem Totenkopf am Helm, sondern mit der Legitimation zum Töten
als Reichswehrler ein.
Mehrere tausend ArbeiterInnen ließen bei diesem Verrat der SPD
ihr Leben (sofortige Erschießungen, Folterungen durch die Truppen)
und wurden zu Tausenden anschließend in die Gefängnisse
geworfen. In einem Brief vom 2. April eines Mitgliedes des Freikorps
der "Brigade Epp" an nationalistische Krankenschwestern
hieß es:
»Gestern Vormittag (...) kam ich zu meiner Kompanie, und nachmittags
um 1 Uhr machten wir den ersten Sturm. Wenn ich Euch alles schreiben
würde, da würdet ihr sagen, das sind Lügen. Pardon
gibt es überhaupt nicht. Selbst die Verwundeten erschießen
wir noch. Die Begeisterung ist großartig, fast unglaublich.
Unser Batallion hat zwei Tote. Die Roten 200 bis 300.Alles, was und
in die Hände kommt, wird mit dem Gewehrkolben zuerst abgefertigt
und dann mit der Kugel. Ich dachte während des ganzen Gefechts
an Station A. Das kommt nämlich daher, daß wir auch zwei
Rote-Kreuz-Schwestern sofort erschossen haben, von denen jede eine
Pistole bei sich trug. Mit Freuden schossen wir auf diese Schandbilder,
und wie sie geweint und gebeten haben, wir sollten ihnen das Leben
lassen. Nichts! Wer mit der Waffe angetroffen wird, der ist unser
Gegner und muß dran glauben. Gegen die Franzosen waren wir im
Feld viel humaner.«
(W. Ruge, s.o., S. 71. Quelle: MA, Nr. R 4454, Bl. 1 ff.).
Während die RevolutionärInnen teilweise bestialisch hingerichtet
und abgeschlachtet wurden, konnten die rechten Putschisten vor allem
in den Prozessen damit rechnen, mit Samthandschuhen angefaßt
zu werden. Von 705 amtlich bekanntgewordenen Straftaten der Rechten
waren bis 1922 bereits 412 amnestiert, 176 Verfahren eingestellt,
109 durch Tod oder sonstige Gründe nicht weiter verfolgt, noch
nicht erledigt 7 und bestraft sage und schreibe 1 Person.
(Quelle: Walter Tolmein, Die Entstehung und Entwicklung der Weimarer
Republik bis Eberts Tod, S. 110, Hannover 1973).
Fortschritt
oder Reaktion 1921-1923
Nach dem Versuch der Rechten unter Führung von Kapp und
Lüttwitz einen Putsch zu wagen und dem anschließenden Generalstreik
und dessen blutiger Niederschlagung unter politischer Verantwortung
der SPD waren große Teile der sich als revolutionär begreifenden
Kräfte ermordet worden oder saßen in den Gefängnissen.Die
Hoffnung der Errichtung einer Alternative - eines Rätestaates
- zur bürgerlichen Demokratie der Weimarer Republik unter der
politischen Führung der bürgerlichen Parteien im Pakt mit
dem reaktionären Militärwesen und unter der Dirigentenschaft
des nationalistischen Großkapitals der Großindustrie war
zu diesem Zeitpunkt faktisch geschwunden. Nicht nur psychologisch
und politisch auch praktisch waren die revolutionären ArbeiterInnen
weitesgehend entwaffnet.
Nichtsdestotrotz waren nicht alle revolutionärenVorstellungen
innerhalb der Bevölkerung verlorengegangen. So gab es in der
WeimarerRepublik Gebiete, in denen fortschrittliche Kräfte hohe
Stimmenanteile gewinnen konnten. Zwar erstarkten die rechten deutschnationalen
Kräfte republikweit betrachtet immer mehr, jedoch hatten gerade
in Industrieregionen die ArbeiterInnenparteien ein große AnhängerInnenschaft.
Mitteldeutscher
Aufstand
Im damaligen Mitteldeutschland (Merseburg, Halle, Leuna, Mansfelder
Land) waren größere Industriezweige ansässig, vor
allem im Bereich der Chemie-, Metall-, und Bergbauindustrie. Die dort
lebenden ArbeiterInnen waren nicht nur in der Novemberrevolution emanzipiert
aufgetreten und hatten sich aktiv in die Kämpfe eingebracht,
sondern auch während des Kapp-Lüttwitz-Putsches wurde der
Generalstreik und Großdemonstrationen durch diese ArbeiterInnen
maßgeblich vorangetrieben.
Dieser Landstrich kann faktisch als Hochburg radikaler linker ArbeiterInnen
betrachtet werden. Daraus ergab sich im Jahre 1921 eine folgenschwere
Situation.
Bei denWahlen zum Preußischen Landtag am 20. Januar 1921 erzielte
die kommunistische Partei vergleichsweise hohe Stimmenanteile. Allein
die Zahlen imMansfelder Land machten deutlich, wie stark die Kommunistische
Partei dort war:
Die VKPD (Vereinigte Kommunistische Partei - Zusammenschluß
linker USPD und der KPD) erhielt 33374 Stimmen, die USPD 4311 Stimmen,
die SPD 9920 Stimmen, die DDP 5892 Stimmen, die Zentrumspartei 2504
Stimmen, die DVP 10402 Stimmen und die DNVP 15483 Stimmen.
Die Zahlen zeigen nicht nur die Stärke der KommunistInnen, sondern
verdeutlichen ebenfalls die immer stärker werdende Polarisierung
innerhalb der Gesellschaft, denn auch die Rechten hatten einen beträchtlichen
Stimmenanteil zu verzeichnen.
»Diese Situation ist für den sozialdemokratischen Oberpräsidenten
(der Provinz Sachsen, d.V.) Otto Hörsing (später Führer
des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, d.V.) Anlaß, eine Konferenz
in Merseburg einzuberufen, an der Landräte, Oberbürgermeister,
Führer der Schutzpolizei, die Direktoren des Leunawerkes, des
Mansfelder Kupferschieferbergbaus, der Mitteldeutschen Braunkohlekonzerne
und die Gutsbesitzer der Umgebung teilnehmen. Es wird beschlossen,
gegen das Mitteldeutsche Industriegebiet eine Polizeiaktion zur Herstellung
der Staatsautorität" durchzuführen.
(Weimarer Republik, Hrsg: vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut
für Theaterwissenschaften der Universität Köln, ELEFANTENPRESS
reg., S. 256).
Diese Polizeiaktion wurde vorbereitet durch eine ungeheuerliche Pressehetze
gegen radikale ArbeiterInnen, dessen propagandistische Kernaussage
darin bestand, zu behaupten, daß ein kommunistischer Putsch
unmittelbar bevorstehe. Im März 1921 wurde diese Polizeiaktion
durchgeführt. Das bedeutete Hausdurchsuchungen bei linken ArbeiterInnen,
Verhaftungen sowie polizeiliche Kontrollen und Überwachung in
den Betrieben.
Die Antwort großer Teile der ArbeiterInnen waren nicht nur Streiks
und Betriebsbesetzungen. Es kam von Mitte März bis Ende März
zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen sich bewaffnenden ArbeiterInnen
und der Polizei (teilweise auchReichswehr). Den Höhepunkt bildeten
die Auseinandersetzungen um das Chemiewerk Leuna. Im Zusammenhang
mit dem Mitteldeutschen Aufstand wurde der Name Max Hoelz bekannt.
Dieser schaffte es innerhalb weniger Tage die größte Gruppe
bewaffneter ArbeiterInnen um sich zu scharen (etwa 1000 Menschen).
Max Hoelz schrieb in seiner Biographie "Vom Weißen Kreuz
zur Roten Fahne":
»Der Aufstand der mitteldeutschen Arbeiter im März 1921
war die unmittelbare Folge der Provokation Hörsings, der nach
dem Prinzip handelte "Der Angriff ist die beste Parade!".Er
wußte, daß die mitteldeutsche Arbeiterschaft ihren revolutionären
Elan nicht eingebüßt hatte und daß die gährende
Unruhe bald zu Entladungen führen mußte. Deshalb kam er
zuvor, schickte - angeblich um Werksdiebstähle zu verhindern
- seine bis an die Zähne bewaffneten Sipos (Sicherheitspolizei,
d. V.) in die mitteldeutschen Betriebe und Bergwerke. Hörsing
provozierte die unterernährten und ausgemergelten Arbeiter dadurch,
daß er ihnen zumutete, unter Aufsicht der Polizei zu arbeiten.«
Ende März hatte sich die militärische Polizeiübermacht
durchgesetzt. Auch dieser Aufstand forderte wieder einen hohen Blutzoll
und Verhaftungen. Mehrere hundert Tote und über 3000 Verhaftete
waren zu verzeichnen.
Kritisch bleibt auf Seiten (der Führung) der Revolutionäre
anzumerken, daß gerade aufgrund der seit 1918 immer wieder stattgefundenen
bewaffneten Aufstände und des täglichen Streikkampfes innerhalb
der KPD eine Diskussion um den Sinn von bewaffneten Aufständen
im Gange war. Von einigen KommunistInnen wurde die gesellschaftliche
Situation so analysiert, daß die Chance über bewaffnete
Aufstände unmittelbar eine sozialistische Republik zu errichten,
zu dieser Zeit nicht bestehen würde. Mitten in diese Diskussionen
platzte die Provokation Hörsings. Auf drängen der Kommunistischen
Internationale befürwortete die KPD den Provokationen Hörsings
mit bewaffneten Aktionen zu begegnen. Hierbei muß kritisch gesehen
werden, daß die Kommunistische Internationale die Situation
die gesamten 20er Jahre teilweise noch in den 30ern in Deutschland
grundsätzlich so bewertete, daß die Entwicklung der kapitalistischen
Demokratie in der Zwangsläufigkeit des Sieges der revolutionärenArbeiterInnenschaft
enden würde. D.h., zum einen wurde das Bewußtsein breiterArbeiterInnenschichten
als revolutionär beurteilt, zum anderen die Zeit als reif für
den Umsturz der Republik. Das dies eine fatale Einschätzung war,
kann heute rückblickend beurteilt werden.
»Die Delegierten der KI drängten die KPD-Führung,
diese Provokation mit dem bewaffneten Aufstand zu beantworten.
Das Scheitern war total und seine Konsequenzen schwerwiegend. Von
den 350000 Mitgliedern, die die Partei Ende 1920 zählte (nach
ihrer Vereinigung mit der USPD), blieben im Sommer 1921 nur noch 180442
übrig.«
(Aufstieg und Untergang der KPD, Kommunistische Politik zwischen 1918
und 1935, Broschüre der Ex-Nato-Gruppe, Frühjahr 1989).
Im Anschluß an den Mitteldeutschen Aufstand kam es zu heftigen
Auseinandersetzungen zwischen Teilen der KPD-Führung und der
Kommunistischen Internationale.
Der Rathenaumord
und die erste antifaschistische Einheitsfront
Am 24. Juni 1922 wurde der damalige deutsche Außenminister Walter
Rathenau, Angehöriger der Deutschen Demokratischen Partei (DDP)
durch ein Mitglied der ultrarechten, militaristischen "Organisation
Konsul" ermordet.
Anlaß und Ursache des Mordes an Rathenau war dessen Funktion
als Außenminister und seine Rolle im Zustandekommen des sogenannten
Rapallovertrages. Eines politisch-wirtschaftlichen Abkommens mit der
Sowjetunion, welches deren staatliche Souveränität als erster
sozialistischer Staat faktisch (international) anerkannte. Das wurde
von den Rechten natürlich als Schlag ins Gesicht aufgefaßt;
nicht nur, daß die "Novemberverbrecher" der Monarchie
1918 ein Ende gesetzt hatten, jetzt begannen selbst bürgerliche
Kreise mit dem "Bolschewismus zu paktieren".
»An sich war der Rathenaumord nichts ungewöhnliches, wenn
man so will, denn Morde an Sozialisten und Pazifisten hatte es vorher
en gros gegeben, ohne daß viel passierte. Gepaart nun auch mit
faschistischen Akzenten, entsteht eine sehr breite Massenbewegung.
Die Einheitsfrontaktionen, von der KPD damals durch Bündnisangebote
eingeleitet, führen zu riesigen Demonstrationen in allen Großstädten.
Mit dem wunderlichen Akzent, damals existierte neben der KPD noch
die rechte USPD, und davon rechts die SPD, daß nicht nur die
drei Arbeiterparteien, und zwar gemeinsam, sondern auch die Deutsche
Demokratische Partei zu Aktionen aufrufen, und natürlich die
freien Gewerkschaften, und natürlich nicht die christlichen Gewerkschaften.
Das ist also eine ungeheuer starke antifaschistische Welle... Da bildet
sich also so etwas wie antifaschistisches Bewußtsein, so auch
terminologisch ausgedrückt. Aber mit dieser Terminologie ist
die gedankliche Verbindung mit den italienischen Faschisten gemeint,
die in dieser Zeit die Macht ergreifen.«
(Wolfgang Abendroth; Antifaschismus oder Niederlagen beweisen nichts,
als das wir wenige sind; Frankfurt 1983).
Zwar entwickelte sich seit der Machtergreifung der italienischen Faschisten
im Jahre 1922 innerhalb der Kommunistischen Internationale eine Diskussion
um die Gefahr des Faschismus auch in Deutschland, jedoch wurden die
Ansätze der breiteren Einheitsfrontpolitik, wie zur Zeit des
Rathenaumordes, schwerpunktmäßig nicht weiter verfolgt.
Im Faschismus selbst wurde zu dieser Zeit keine konkret drohende Gefahr
gesehen, außer für die spätere KPD oppositionelle
Gruppe (um Thalheimer) spielte die Weiterentwicklung der Einheitsfrontpolitik
bis zum Massenaufstieg der NSDAP ab 1928 keine zentrale Rolle.
1923
Das Jahr 1923 markiert den Abschluß der revolutionären
Aufstände in Deutschland sowie der Versuche rechter und faschistischer
Kräfte in der noch unsicheren Weimarer Republik an die Macht
zu putschen. Wie unklar und unterschiedlich die Situation zu dieser
Zeit war, dokumentieren die Ereignisse in diesem Jahr.
Die durch den 1919 unterzeichneten "Versailler Vertrag"
auferlegten Reparationszahlungen sowie die Besetzung des Ruhrgebietes
und Profitierung der Siegermächte vor allem vom Kohleabbau, trafen
in erster Linie die arbeitenden Bevölkerung. Zur Besetzung Anfang
des Jahres 1923 war es deshalb gekommen, weil die deutsche Regierung
große Teile der Reparationszahlungen eingestellt hatte. Die
ohnehin labile wirtschaftliche Lage und die folgende Besetzung des
Ruhrgebietes gab der amtierenden deutschen Regierung die Legitimation,
eine Politik durchzuführen, die in der sogenannten Hyperinflation
mündete.
»Tollhaus riesigster Proportionen nannte Stefan Zweig die Deutsche
Inflation. Und in der Tat: Nie und nirgends in der Geschichte der
Menschheit hat die Währung solche schwindelerregenden Sprünge
gemacht wie 1923 in Deutschland. (...) Bettler wurden zu Multimilliardären
und standen dennoch hungrig vor den kargen Schmalz- und Pferdewurstauslagen
der Schaufenster. Arbeiter schleppten ihren Wochenverdienst, der früher
in einer schmalen Lohntüte Platz hatte, in Rucksäcken und
Wäschekörben nach Hause und konnten, wenn sie ihr Geld nicht
gleich ausgaben, kaum soviel Kohlen kaufen, wie die Scheine wogen,
die sie dafür zu entrichten hatten. Oft genug verdoppelten sich
die Preise im Laufe vonStunden. Eine Summe, für die man morgens
noch ein Pfund Fleisch erhalten hatte, reichte abends kaum noch für
einen Kanten Brot. Für Ersparnisse, die Beamtenfrauen mühselig
in Jahrzehnten zurückgelegt hatten, konnte man schließlich
gerade noch einen Straßenbahnfahrschein lösen. (...).
Spekulanten und Wucherer ergaunerten sich Devisen, kauften für
einen Pappenstiel ganze Fabriken und verjubelten astronomische Summen
in den wie Pilze aus dem Boden schießenden Vergnügungslokalen.
Das Tempo des Lebens überschlug sich in wahnsinniger Hektik.
Der Amüsierrummel erreichte Ausmaße, denen gegenüber
die panisch enthemmtem Gelage in den Pestjahren des Mittelalters wie
schlichte Veranstaltungen gesitteter Gesangsvereine anmuteten.
Während die Arbeitervorstädte - nun mehr und mehr zu Arbeislosenvorstädten
werdend - im tristen und unheimlichen Dunkel lagen, weil den Haushalten
sogar das Geld für einen kümmerlichen Kerzenstummel fehlte,
während unzählige Angestellte, kleine Beamte und Rentenempfänger,
verzweifelt dasEnde allen Seins herbeisehnend, den Gashahn öffneten,
solange sie noch den von den Stadtverwaltungen gelieferten todbringenden
Hauch bezahlen konnten, schwelgten Halbweltgrößen und Parvenus
hinter pompösen Vorhängen der Luxusbars in Perversitäten.«
(W. Ruge, s.o., S.111/112).
Nicht nur die arbeitende Bevölkerung, auch große Teile
des selbständigen Mittelstandes verarmte schlagartig. Diese katastrophale
Situation veranlaßte viele Parteien links wie rechts (mit Ausnahme
der NSDAP) zum passiven Widerstand gegen die Besatzung aufzurufen.
Diesem folgten alle Teile der ArbeiterInnen.
Der gemeinsame Aufruf zum (passiven) Widerstand hatte nicht ausschließlich
eine Stärkung des antifaschistischen Bewußtseins zur Folge,
daß sich unter anderem im sogenannten "Antifaschistentag"
(initiiert von der KPD) am 29. Juli 1923 manifestierte. Vielmehr kam
es gleichzeitig zu einer starken nationalistischen Welle in ganz Deutschland,
in dem eben gegen die alliierte (französische) Besetzung des
Ruhgebietes vorwiegend mit nationalistischen Parolen polemisiert wurde.
Auch die KPD war nicht im Stande hier ein differenzierte Position
zu Wege zu bringen. Im Gegenteil, selbst obere Funktionäre sprangen
in fataler Weise auf den nationalistischen Zug auf, der damals durch
das Land brauste. Das reichte in einzelnen Ortsverbänden zu gemeinsamen
Plakaten von völkischen und kommunistischen Rednern, die zur
Diskussion einluden. Erst an diesem Punkt griff die Führung der
Partei - allerdings zu spät - ein. Bekanntestes Beispiel der
verfehlten Politik bezüglich d er nationalen Frage, ist die Rede
Karl Radeks auf der erweiterten Exekutive der KI am 20. Juni 1923
zum Tode Albert Leo Schlageters (faschistsicher Söldner, der
gegen die französische Besatzung des Ruhrgebietes Sabotageakte
verübte und zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde):
»(...) Während der ganzen Rede der Genossin Zetkin über
die Widersprüche des Faschismus schwirrte mir im Kopf der Name
Schlageter herum und sein tragisches Geschick. Wir sollten seiner
Gedenken, hier, wo wir politisch zum Faschismus Stellung nehmen. Die
Geschicke dieses Märtyrers des deutschen Nationalismus sollen
nicht verschwiegen, nicht mit einer abwertenden Phrase erledigt werden.
Sie haben uns, sie haben dem deutschen Volke vieles zu sagen.
Wir sind keine sentimentalen Romantiker, die an der Leiche die Feindschaft
vergessen und wir sind keine Diplomaten die sagen: am Grabe Gutes
reden oder Schweigen. Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution,
verdient es von uns, Soldaten der Revolution, männlich-ehrlich
gewürdigt zu werden. (...)
Vom Kampf sprechen die Genossen Schlageters an seinem Grabe. Den Kampf
weiterzuführen, schwören sie. Der Kampf richtet sich gegen
einen Feind, der bis an die Zähne bewaffnet ist, während
Deutschland entwaffnet, während Deutschland zermürbt ist.
Soll das Wort vom Kampfe keine Phrase sein, (...) so erfordert dieser
Kampf die Erfüllung einer Reihe von Vorbedingungen. Er fordert
von dem deutschen Volke, daß es bricht mit denen, die es nicht
nur in die Niederlage hineingeführt haben, sondern diese Niederlage,
die Wehrlosigkeit des deutschen Volkes verewigen, indem sie die Mehrheit
des deutschen Volkes als den Feind behandeln. (...)
Die Sache des Volkes zur Sache der Nation gemacht, heißt die
Sache der Nation zur Sache des Volkes. (...)
Dies hat die Kommunistische Partei Deutschlands, dies hat die Kommunistische
Internationale an dem Grabe Schlageters zu sagen. Sie hat nichts zu
verhüllen, denn nur die volle Wahrheit ist imstande, sich den
Weg zu den tief leidenden, innerlich zerissenen, suchenden nationalen
Massen Deutschlands zu bahnen.(...)«
Eine
andere Seite
Auf der anderen Seite kam es noch in diesem Jahr im Osten Deutschlands
(Thüringen) zu massiven Generalstreiks gegen die rechtsgerichtete
Regierung unter Führung Cunos.
»Das Kabinett Cuno steuerte brutal auf die schrittweise Verwirklichung
eines von Stinnes entworfenen Planes zur Niederzwingung aller fortschrittlichen
Kräfte und zur uneingeschränkten Restauration der Macht
des deutschen Monopolkapitals zu. Dieser Plan sah u.a. vor, alle Arbeiter
10 bis 15 Jahre lang zu zwei unbezahlten täglichen Überstunden
zu verpflichten, für die Dauer von 5 Jahren jegliche Streiks
zu verbieten, die Akkumulation von Kapital mit allen Mitteln zu fördern
und sämtliche seit Krieg und Novemberrevolution in Kraft getretenen
Gesetze zu "überprüfen".
Die Realisierung eines solchen Programms, das sich der auf die Verfassung
vereidigte Reichskanzler (Cuno, d.V.) zu eigen machte, hätte
die völlige Liquidierung des in der republikanischen Gesetzgebung
verankerten sozialen und politischen Fortschritts und damit faktisch
das Ende der Weimarer Republik bedeutet.«
(W. Ruge,s.o,S. 116/117)
Diese politische Situation mündete schließlich im Generalstreik,
vor allem durchgeführt in Thüringen,Sachsen und Berlin,
was die Absetzung Cunos bedeutete (Rücktritt am 12. August 1923).
Das führte zur Bildung der Großen Koalition zwischen SPD
und DVP. Unmittelbar machte dies wiederum den Weg für eine fortschrittliche
Koalition zwischenSPD und KPD in Thüringen möglich, die
bereits einen Monat später gebildet wurde.
Vor diesem Hintergrund kam es im Oktober 1923 zum Hamburger Aufstand,
der jedoch isoliert und allein durch die KPD geführt wurde und
scheiterte. (Daran schloß sich ein vorübergehendes Verbot
der KPD an.) Damit war auch die fortschrittliche Koalition in Thüringen
faktisch aufgelöst und mit dem Einmarsch der Reichswehr in Thüringen
(zuvor Ausnahmezustand in Sachsen und ebenfalls Einmarsch) mußten
die kommunistischen Minister Thüringens Anfang November zurücktreten.
Während in Mitteldeutschland die linken fortschrittlichen Kräfte
um die Frage der Macht rangen, stellte sich die Situation im Süden
der Weimarer Republik gänzlich anders dar.
War es schon im September in Bayern zu Unruhen durch rechte Kräfte
gekommen (Ausnahmezustand), mündete dies am 9. November 1923
im "Marsch auf die Feldherrenhalle" durch die Faschisten
um Adolf Hitler und Generalfeldmarschall a. D. Ludendorff. Hierbei
handelte es sich um den Versuch der Faschisten, zunächst in Bayern
(München) die Macht zu erlangen, um dann mit dem "Marsch
auf Berlin" eine faschistische Diktatur nach dem Vorbild Mussolinis
in Italien zu schaffen. (Dieser war im Oktober 1922 Ministerpräsident
Italiens mit dem "Marsch auf Rom" geworden). Bei dem mißlungenen
Putschversuch der deutschen Faschisten in München kam es zu mehreren
Toten (16 Faschisten und 3 Polizisten). Die NSDAP wurde vorübergehend
verboten. Der anschließende Prozeß belohnte allerdings
die Putschisten mit milden Urteilen und Hitler wurde zu fünf
Jahren Festungshaft verurteilt. Nach knapp einem Jahr wurde er bereits
entlassen.Diese Zeit hatte er genutzt um "Mein Kampf" zu
verfassen.
Zeit
der Konsolidierung
Nachdem die wirtschaftliche Talfahrt und die Inflation überwunden
waren (Wiedereinsetzung der Zahlungen an die Siegermächte gemäß
des Versailler Vertrages sowie gleichzeitiger Verzicht einiger Forderungen
der Siegermächte; Dawes-Plan), setzte sich in Deutschland die
konsolidierende Politik der SPD durch; sie arrangierte sich mit dem
Großkapital, die Gräben der revolutionären ArbeiterInnenschaft
wurden auf der einen Seite immer tiefer. Auf der anderen Seite bedeutete
das für die SPD-treuen ArbeiterInnen, daß diese in der
Tat kein Interesse mehr an einer grundlegenden Veränderung der
Gesellschaft hatten. Es ging vielmehr darum, mit Hilfe der parlamentarischen
Demokratie und der "ihrigen Regierung" die kärglich
erworbenen Privilegien zu erhalten.
Für die an den Aufständen Beteiligten war noch nicht vergessen,
daß die SPD von 1918-23 mit ultrarechten Reichswehrverbänden
und Freikorpstruppen zusammengearbeitet hatte. Die Gefängnisse
waren voll mit abgeurteilten RevolutionärInnen.
Emil Julius Gumbel analysierte 1922 in seinem Buch "Vier Jahre
politischer Mord" die Urteile der damaligen Rechtssprechung und
kam zu der Erkenntnis, daß die von nationalen Bünden Begangenen
Morde kaum geahndet worden waren, die wenigen von Linken begangenen
Taten jedoch stets rigoros bestraft wurden. Dazu noch einmal Abendroth:
»Bei den Linken wirkt in dieser Restaurationsphase der Republik,
die immer deutlicher ihre Verknüpfungen mit dem monarchistischen
Obrigkeitsstaat hervorhebt, stabilisierend der Bürgerkrieg nach,
jetzt als Empfindungslage der Linken: der Bürgerkrieg zu Beginn
der Republik und die Periode des unmittelbaren gemeinsamen Terrors
der Rechten, der rechtesten Sozialdemokratie., Typ Noske, Typ Ebert,
mit den Freikorps gegen die Arbeiterklasse... Aber es ist klar, was
an den Empfindungen zurückbleibt und daß infolgedessen
auch die Vertiefung der Spaltung in der ArbeiterInnenbewegung hängenbleibt
und weshalb bei jedem schweren Rückschlag eine ultralinke Welle
entsteht.«
Anstelle einer revolutionären Veränderung trat die Festigung
der Weimarer Republik. Politisch war diese Phase bestimmt von der
"Weimarer Koalition", die sich aus den Parteien SPD, Zentrum
und Deutsche Demokratische Partei (DDP) sowie der Deutsche Volkspartei
(DVP) zusammensetzte.
Stück für Stück wurden die sozialen und demokratischen
Rechte, die Hunderttausende mit der Novemberrevolution 1918 erkämpft
hatten, rückgängig gemacht.
Die Verabschiedung eines Ermächtigungsgesetzes am 8. Dezember
1923 durch die Reichstagsmehrheit unter Wilhelm Marx (Zentrum) mit
Zustimmung der SPD zur notwendigen Zweidrittelmehrheit, gab der Regierung
die ersten Volllmachten für einen freien Weg, Maßnahmen
zur Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaft zu ergreifen.
Innenpolitisch verschob sich das Kräfteverhältnis im Parlament
(in den folgenden Wahlen im Laufe der 20er Jahre) immer weiter zugunsten
der rechten und reaktionären Parteien. So stimmten bei den Reichstagswahlen
am 4. Mai 1924 über 10 Millionen Wahlberechtigte (ca. 34%) für
die rechtsbürgerlichen Parteien. Für die SPD stimmten 6
Millionen (20,5%). Die KommunistInnen erhielten 3.7 Millionen Stimmen
(12,6%).
Ausdruck der vollständigen Restauration der reaktionär-konservativen
Kräfte innerhalb der Gesellschaft war die Wahl Hindenburgs zum
Reichspräsidenten nach dem Tode des rechten SPDlers Friedrich
Ebert im Jahre 1925.
Politik
der Kommunistischen Internationale
Als einzige relevante (Massen-)Partei unterstützte und organisierte
die KPD, die vom 23. November 1923 bis zum 1. März 1924 in Folge
des Hamburger Aufstandes vorübergehend verboten worden war, die
politischen Forderungen der sich als revolutionär verstehenden
ArbeiterInnen.
Trotz ihres eigenen Anspruchs revolutionäre Politik zu betreiben
und sich die KPD selbst eng auf der Seite der RevolutionärInnen
sah, sollte die Politik vor dem Hintergrund der Einbindung der KPD
in die Kommunistische Internationale (KI) betrachtet werden. Vor allem
die Motivation der Führung der KPD bestimmte Entscheidungen zu
fordern, ist anhand der Beschlüsse der KI häufig abzuleiten.
Bei der Politik der KI in Bezug auf die Weimarer Republik muß
die spezielle Rolle der deutschen Außenpolitik für die
Sowjetunion gesehen werden. Grundsätzlich ist von Bedeutung,
daß die Dominanz und der Vorbildcharakter, den die KPDSU innerhalb
der KI hatte, die Beschlüsse der KI stark bestimmten. In diesem
Zusammenhang kam die (zwangsläufige?) widersprüchliche Rolle
der KPDSU bezüglich der Regierenden in der Weimarer Republik
und der KPD als Opposition zum Tragen.
Mit dem Vertrag von Rapallo hatte die Weimarer Koalition und damit
Deutschland als erster (einziger) Staat die Souveränität
der Sowjetunion als erstes sozialistisches Land anerkannt. Nicht nur
das; ein ausgiebiger wirtschaftlicher Handel wurde besiegelt. Bekanntestes
Beispiel für die Zusammenarbeit der beiden Staaten, was schon
in jener Zeit Ende der 20er Jahre für Furore sorgte, waren die
Abkommen der gegenseitigen Hilfestellungen innerhalb des Militärapparates.
So wurden die Offiziere der sich als revolutionäre verstehenden
Roten Armee der Sowjetunion in deutschen Kasernen durch jene Reichswehr
ausgebildet, die gleichzeitig für die Unterdrückung der
Opposition (u.a. der KPD) zuständig war. Im Gegenzug wurde sogar
ein Teil der Militärproduktion Deutschlands in die Sowjetunion
verlagert und ebenso der sowjetische Militärapparat durch deutsche
Waffen bestückt.
Diese sollten für die Sowjetunion gleichzeitig zu militärischen
Verteidigung gegen die imperialistischen Staaten, wie Deutschland
und andere westliche Staaten dienen. So hatten die Beziehungen zum
deutschen Staat, unter Führung der republikanischen Parteien
(SPD, Zentrum, DVP) sowohl national als auch international für
die bis dato relativ schwach entwickelte/ instabile Sowjetunion eine
Schlüsselfunktion.
In den späten Analysen und Beschlüssen der KI bleibt der
Eindruck nicht aus, daß die Führung der KPD teilweise auch
dazu genutzt wurde, die Außenpolitik der Sowjetunion je nach
Notwendigkeiten, innerhalb Deutschlands zu unterstützen bzw.
praktisch umzusetzen.
"Abweichler"
und "Versöhnler"
Ebenfalls von Bedeutung für die Politik der KPD waren die Machtkämpfe
innerhalb der KPDSU. Diese spiegelten sich zum Teil auch in der KPD
wieder.
Nach dem Tode Lenins 1924 setzte der Kampf um die Führung der
kommunistischen Partei in der Sowjetunion ein, der zunächst von
der Gruppe Stalin, Sinowjew, Bucharin gegen Trotzki und seine Anhänger
geführt wurde. Später spalteten sich wiederum Sinowjew und
Kamenjew von der Mehrheitsgruppe ab und bildeten einen Block mit Trotzki.
Im Frühjahr 1928 gab es in der Mehrheit eine neue Fraktionierung.Der
Kampf der engeren Gruppe um Stalin bereitete sich auf den Kampf gegen
den Rest vor; selbst der jahrelang eng Vertraute Bucharin wurde dazu
"abgesetzt".
Bei diesen Auseinandersetzungen innerhalb der KPDSU blieb die Wirkung
auf die KI nicht aus, was sich aus der vorhin beschriebenen Vorbildfunktion
der Sowjetunion ergab. Entsprechend fand auch innerhalb der KI (automatisch)
eine Fraktionierung statt.
So wurde im Februar 1928 ein Abkommen mit der Leitung der KPD (Thälmann,
Neumann, Remmele) geschlossen, das den Kampf gegen "Versöhnler"
und "Sozialdemokraten" auf die Tagesordnung setzte. Dieses
Abkommen muß aber so verstanden werden, daß dies nicht
nur die Politik in Bezug auf die Sozialdemokratie in Form der SPD
meinte, sondern dieser Kampf gegen die "Versöhnler"
etc. auch als organisationsinterner Kampf zu verstehen war.
Die Konsequenz dieser Linie war ein ultralinker Kurs. Woraus bestand
dieser?
Analyse
contra Einheitspolitik
Spätestens seit der Novemberrevolution bzw. der Niederschlagung
der revolutionären Aufstände war es klar geworden, daß
die einst geeinte stärkste ArbeiterInnenbewegung in Europa gespalten
war. Trotz dieser Spaltung kam es immer wieder zur Zusammenarbeit.
Diese Zusammenarbeit oder vielmehr die Hoffnung, daß die ArbeiterInnenbewegung
wieder vereint werde, der Gedanke einer einheitlichen Front gegen
die Klassenfeinde der Bourgeoisie und des Großkapitals, war
immer wieder zentraler Punkt innerhalb der Politik der KPD. So kam
es auf der einen Seite zu heftigen Abgrenzungen gegen die (Führung)
der SPD auf der anderenSeite auch zu Einheitsfronten, als deren prägnantestes
Beispiel der Generalstreik zur Bezwingung des Kapp-Putsches steht,
aber auch die fortschrittliche Regierungskoalition in Thüringen
1923 war Ausdruck des einheitlichen Vorgehens gegen reaktionäre
Entwicklungen in der Weimarer Republik.
Seit der Konsolidierungsphase ab 1924 wurde die Schaffung einheitlicher
Aktionen, alle unterschiedlichen Parteien und Gruppen der ArbeiterInnenklasse,
insbesondere die Gewerkschaften, als BündnispartnerInnen begrüßt.
Damit ging der Versuch einher, innerhalb der jeweiligen Organisationen
kommunistische Positionen durchzusetzen und vor allem die Basis zu
radikalisieren. Demzugrunde lagen eben die Erfahrungen aus der erfolgreichen
Abwehr des Kapp-Putsches und die Tatsache, daß seit Festigung
der gesellschaftlichen Verhältnisse an eine bewaffnete Umwälzung
nicht mehr zu denken war. So bestand eine Hauptaufgabe der Politik
der KPD imerreichen und Verteidigen tagespolitischer Forderungen.
Dies war lediglich in Zusammenhang mit anderen Kräften möglich
und das wurde vor allem in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften verwirklicht.
Im Jahre 1928, mit der Zuspitzung der Lebensverhältnisse und
der sichtbarwerdenden Krise der Weimarer Republik, wurde dieser Kurs
der Politik grundsätzlich geändert: Im Reformismus, sprich
in der Sozialdemokratie, wurde jetzt - neben denoffen reaktionären
und faschistischen Kräften - als ein Hauptfeind der ArbeiterInnenklasse
ausgemacht, den es mit der gleichen Intensität zu bekämpfen
galt, wie die rechten Kräfte. Die "Rechtspolitiker"
in den eigenen Reichen, also jene Leute, die noch Jahre zuvor (erfolgversprechende)
Einheitsfrontpolitik betrieben hatten, wurden in der Konsequenz dieses
Kursschwenkes aus zentralen Funktionen abgesetzt. Ziel war es in dieser
Phase, nicht mit den "Sozialfaschisten" - vor allem der
SPD - zusammenzuarbeiten. Von dieser Politik versprach man sich, die
Polarisierung der ArbeiterInnen auf die eigene Partei lenken zu können.
Zu den folgerichtigen Konsequenzen zählte dann auch die Gründung
der "Revolutionären Gewerkschaftsopposition" (RGO),
da es keinen gemeinsamen Kampf mit der SPD geben sollte, schon gar
nicht in einer Organisation.
Deutlich wird diese Änderung im Vergleich zweier Erklärungen
Stalins. Die eine von 1925, in der er sich noch eindeutig gegen sektiererische
Politik wendet: »Diese Leute wollen die Gewerkschaften von außen
attackieren, indem sie sie als feindliches Lager betrachten. Sie begreifen
nicht, daß bei einer solchen Politik, die Arbeiter sie naturgemäß
als Feinde betrachten werden (...) Sie begreifen nicht, daß
eine solche Politik dem Eindringen der Kommunisten in die Millionenmassen
der Arbeiter Abbruch tut, statt es zu erleichtern.« Sprach sich
Stalin hier noch eindeutig für eine Taktik aus, die den Verbleib
in den SPD-geführten Massenorganisationen favorisierte, erklärte
er 1929: »Vollkommen denkbar wäre daher eine Situation,
in der es notwendig werden kann, parallele Massenorganisationen der
Arbeiter zu schaffen, entgegen dem Willen der sich an die Kapitalisten
verkauften Bonzen (Gewerkschaftsfunktionäre, d.V.) (...) Es ist
durchaus möglich, daß auch in Deutschland die Entwicklung
in dieser Richtung verlaufen wird.«
Die Konsequenz dieser "sprunghaften" Politik der KPD innerhalb
weniger Jahre war nicht nur das "Absetzen" und "Säubern"
der eigenen Reihen, sondern eine nicht mehr vermittelte und somit
nachvollziehbare Linie der politischen Taktik der KPD. Die immer weitere
Zersplitterung der ArbeiterInnenbewegung und deren ideologische Uneinigkeit
sollte Ende der Weimarer republik ein entscheidender Hemmschuh auf
Seiten der sich als revolutionär verstehenden ArbeiterInnenschaft
werden.
Die Sozialfaschismusthese
War das Erklären der "Sozialfaschisten" als eine der
vordringlich zu bekämpfenden Gefahren zum einen aus dem taktischen
Kalkül der KPDSU zu erklären, so fußte zum anderen
das Annehmen dieser These - auch bei der KPD-Basis - auf die Rolle
der SPD. Diese war dadurch gekennzeichnet, nur wenige Jahre zuvor,
revolutionäre Bestrebungen in rabiatester und blutiger Weise
Hand in Hand mit den Rechten niedergeschlagen zu haben.
Doch die Sozialfaschismusthese umfaßte mehr als nur taktisches
Kalkül, an sie schloß sich eine Analyse der Verhältnisse
an, die aus heutiger Sicht als gravierende Fehleinschätzung der
gesellschaftlichen Kräfte zu bewerten ist. Auf der einenSeite
die Unterschätzung der sich entwickelnden faschistischen Massenbewegung
und auf der anderenSeite das "Vertrauen" in das vermeintlich
materialistisch-historische Bewußtsein des größten
Teils der deutschen ArbeiterInnenbewegung.
So wurden Signale, die Vergleiche hätten zulassen können,
wie beispielsweise des sich aufschwingenden Faschismus in Italien
Anfang der 20er Jahre, nicht ausreichend wahrgenommen. Dort war Mussolini
ohne größeren Widerstand (ohne jene in Vergessenheit geraten
zu lassen, die Widerstand leisteten) der ArbeiterInnen an die Macht
gekommen.
Lediglich die (zuvor erwähnte) Gruppe um August Thalheimer, die
sich ab 1930 als KPD-O - später nur noch KPO (Kommunistische
Partei-Opposition) - konstituierte, war bemüht, über das
Charakterisieren der Reaktionären Kräfte hinaus, auch in
der Gesellschaftsanalyse die soziale Zusammensetzung der faschistischen
Massenbewegung und damit verbunden das Bewußtsein eines großen
Teils der ArbeiterInnenbewegung und des Mittelstandes zu untersuchen.
Jedoch muß hier gleich eingeschränkt werden, so differenziert
und z.T. richtig die Analyse Thalheimers auch war, breitere Schichten
konnte diese Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Faschismus nicht
erreichen. Mit dem Ausschluß Thalheimer aus der KPD war die
Chance vertan, überhaupt noch größere Kreise zu erreichen.
»Thalheimer ging davon aus, daß in dem Maße, wie
soziale Konflikte und ökonomischen Krisen die Erhaltung des gesellschaftlichen
Gesamtsystems gefährden, die parlamentarische Demokratie funktionslos
würde. Er schrieb: "Die Aushöhlung des bürgerlich-parlamentarischen
Regimes erfolgt schrittweise. Und die Bourgeoisie ist dabei der Hauptagent.
(...) Ihre Sache ist es, die Bedingungen zu schaffen, damit sozial
'gerettet' und politisch vergewaltigt werden kann." Grundlage
seiner Einschätzung ist die Ohnmacht der Arbeiterschaft und die
arbeiterfeindliche Radikalisierung von Mittelschichten sowie die Unfähigkeit
des Großbürgertums, mittels der traditionellen politischen
Repräsentation der sozioökonomischen Desorganisation zu
begegnen. Er kennzeichnete die wesentlichen Züge des Faschismus
so: "Die 'Verselbständigung der Exekutivgewalt', die politische
Unterwerfung aller Massen, einschließlich der Bourgeoisie selbst,
unter die faschistische Staatsmacht bei sozialer Herrschaft der Großbourgeoisie
und der Grundbesitzer"«.
(Albrecht Lein, Antifaschistische Aktion 1945 - Die "Stunde Null"
in Braunschweig, Göttinger politikwissenschaftliche Forschungen,
Band II, 1978).
In der Einschätzung der Hauptgefahr legt die Faschismusanalyse
der KPD andere Schwerpunkte. Dazu schreibt Lein:
»Demgegenüber sieht die KPD-Sozialfaschismusthese zwar
auch die Hauptgefahr in den Zwischenschichten, aber vor allem in den
Randschichten der Arbeiterschaft. Weil das Proletariat in der Offensive
sei, müsse es die politische Hauptstütze in der Bourgeoisie
in der Arbeiterschaft (SPD. d.V.) bekämpfen und zerschlagen.
Dabei sei, kurz vor dem Sieg der Revolution, der sich mit sozialen
Phrasen tarnende Faschismus, der Sozialfaschismus, gefährlicher
als der bürgerliche Faschismus, der im übrigen nicht deutlich
als eigene terroristische Herrschaftsform benannt wird. Denn im Grunde
sei die Bourgeoisie nicht mehr fähig, dem Ansturm des Proletariats
standzuhalten, sei also potentiell bereits geschlagen. Der Glaube
an die Mechanik des Sieges gegenüber der gegnerischen Klasse
und der Verzicht auf jegliche Bündnispolitik innerhalb de Arbeiterschaft
wie auch anderen Klassen und Schichten sind m.E. die wesentlichen
Fehler dieser Analyse.«
Hätte sich um die Analyse dieser beiden Ansätze auch damals
streiten lassen, so war die Ansicht der KPD, das Proletariat sei in
der Offensive und die spätere Notverordnungspolitik der Weimarer
Republik unterscheide sich nur noch in Nuancen vom Faschismus, doch
grundfalsch. Mit dieser Analyse nahm sie den bürgerlichen Kreisen,
die bereit gewesen wären, sich in eine breite anti-nationalsozialistische
Front zu stellen, jegliche Möglichkeit der Zusammenarbeit mit
revolutionären Kräften. Darüberhinaus verharmloste
sie nicht nur die terroristische Qualität des Faschismus, auch
nahm sie damit indirekt die Dringlichkeit der Abwehr des Faschismus
nicht ernst genug. Aber all das bleibt fast nebensächlich, in
Anbetracht der Tatsache, welche praktischen Konsequenzen vorübergehend
aus dieser Analyse erfolgten. Selbst bis 1932 wurde sich seitens der
KPD-Führung im widersprüchlichen Kurs in erster Linievon
der SPD abgegrenzt. Da von der SPD als staatstragende Kraft nichts
anderes zu erwarten war, als Ablehnung, beging die KPD-Führung
den Fehler, sich mehr mit der Polemisierung gegen de SPD-Führung
zu befassen als auf die weitesgehend von der Basis geforderten Einheitsaktionen
einzugehen und diese Zusammenarbeit herauszustellen. Dies änderte
sich erst mit der offiziellen Gründung der AntifaschistischenAktion.
Antifaschistische
Organisationen in der Weimarer Zeit
Im folgenden werden die verschiedenen (militanten) Organisationen
(Wehrverbände) der linken Kräfte (SPD und KPD) dargestellt.
Im letzten, ausführlichsten Teil sollen nochmals Fehler und unterschiedliche
konstruktive Ansätze der Antifaschistischen Aktion beleuchtet
werden.
Warum
Wehrverbände?
Heute mutet es ein wenig befremdlich an, wenn in der Auseinandersetzung
mit linker Geschichte Wehrverbände auftauchen. Diese werden heute
fälschlicherweise oft als militaristische Schlägertrupps
oder mit sonstigen Platitüden abgetan. Aber auch die Tatsache
linker Wehrverbände gehört zur Geschichte der revolutionären
Bewegung. Gerade in Bezug auf die Entstehung der Antifaschistischen
Aktion spielten diese Verbände eine zentrale Rolle.
Nach dem I. Weltkrieg stellte sich die Situation für einen großen
Teil der männlichen Bevölkerung so dar, daß sie faktisch
keine "Nutzen" innerhalb der Gesellschaft hatten. Das soll
heißen, daß viele Menschen mit sehr jungen Jahren 1914
"kriegsbegeistert in die Schlacht" gezogen waren, sich auf
linker Seite an der Revolution beteiligt hatten, jetzt aber, in sogenannten
Friedenszeiten, weder einen Beruf gelernt noch sonstige Perspektiven
vor Augen hatten.
So war es auch für linke Kreise von Bedeutung, daß nicht
ein überwiegender Teil der ehemaliegn Kriegteilnehmer in die
rechten (Freikorps-)Verbände gingen, um dort ihre "Kenntnisse"
vom Krieg umzusetzen, sondern mit einer linken Perspektive von einer
anderen Gesellschaft verbunden, ihre "Fähigkeiten"
einbringen sollten. Desweiteren stellten die objektiven politischen
Bedingungen die Frage nach der Notwendigkeit einer militanten Verteidigung
von ArbeiterInnenvierteln und politischen und sozialen Errungenschaften.
Zwar war im Versailler Vertrag festgelegt worden, daß die deutsche
Reichswehr 100000 Mann nicht überschreiten durfte und desweiteren
galt darüberhinaus - wie heute - ein Verbot nichtstaatlicher
paramilitärischer Organisationen und Parteien (Gewaltmonopol
des Staates), jedoch sah die Realität anders aus. Daß neben
der regulären Reichwehr, die stark rechtsgerichtete sogenannte
"Schwarze Reichswehr" existierte sowie zahlreiche rechte/faschistische
Wehrverbände, war in jener Zeit ein offenes Geheimnis. So existierte
beispielsweise seit 1920 die SA (Sturmabteilung), seit 1925 die SS
(Schutzstaffel), beides Unterorganisationen der NSDAP, der Stahlhelm,
der Jungdeutsche Orden, der Wehrwolf, die Organisation Consul (für
die Ermordung des Außenministers Rathenau verantwortlich) etc.
Die Mitglieder dieser Organisationen rekrutierten sich zum größten
Teil aus den ehemaligen Freikorps.
»Die Freikorps hatten 1919 eine Stärke von ca. 400000 Mann.
Getragen von diesen Militärkreisen wurde schon 1918 ein politischer
Geheimdienstapparat aufgebaut, der vor allem auf konterrevolutionäre
Aktionen gegen die ArbeiterInnenbewegung ausgerichtet war. Der "politische
Nachrichten- und Erkennungsdienst" der vorläufigen Reichwehr
war bereits 1919 wieder reorganisiert. Er fußte auf über
ganz Deutschland verteilte örtliche Organe, den speziell eingerichteten
Nachrichtenstellen (Nst) und später Abwehrstellen (Ast) bei den
Wehrkreiskommandos, den Brigaden und sonstigen Einheiten der vorläufigen
Reichswehr sowie der Freikorps. Dieser militärische Geheimdienst
legte mit seinem weit verzweigten Spitzelnetz die Voraussetzungen
für die Entwicklung der politischen Polizei in den ersten Jahren
nach 1918.
Aus dem Potential der Freikorps rekrutierte sich außerdem die
entstehende Sicherheitspolizei (SiPo), die auf eine Stärke von
100000 Mann kam.
Die politische Einstellung der SiPo wurde beim Kapp-Putsch 1920 offenkundig,
als sie sich auf die Seite der reaktionären Kapp-Putschisten
schlug.
Aber nicht nur aus diesem Grund wurde die SiPo aufgelöst, sondern
auf Befehl der Siegermächte (der Entente), die in der Sicherheitspolizei
eine militärische Institution sahen.
Die SiPo wurde durch die neue Polizei ersetzt, die Schutzpolizei (SchuPo).
Zwar war die SchuPo ein wenig veränderter Apparat, das Personal
aber blieb das gleiche. Fast alle SiPo-Leute wurden zu SchuPos.Die
Schutzpolizei bestand schließlich aus 150000 Mann, 85000 davon
entfielen auf die preußische Polizei.
Diese Polizei war, allen Beteuerungen und Selbsttäuschungen der
SPD zum Trotz, natürlich rechts. Schon die Ausbildungspläne
spiegelten diese Ausrichtung wieder. Z.B. wurde in Planspielen grundsätzlich
gegen kommunistische Umsturzversuche vorgegangen, Aktionen gegen rechte
Gruppen kamen in den polizeilichen Planungen nicht vor. Die rechte/faschistische
Gesinnung der Polizisten ließ sich aber auch direkter ablesen.
So waren 90% der Beamten im reaktionären "Dillenburger Verband"
organisiert, öfter auch im "Stahlhelm", einer paramilitärischen
rechtsradikalen Organisation und ähnlichen Gruppierungen.«
(Kein Vergeben - Kein Vergessen! Broschüre zur Demo am 17.11.1990
in Göttingen, Autonome Antifa (M), 1990).
Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund gründete die SPD, zusammen
mit den anderen bürgerlich demokratischen Parteien, eine republikanische
Garde als "Hüter der Republik" das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.
Seine ideologische Ausrichtung, einerseits gegen die rechten Kräfte
als Schützer der Republik aufzutreten und andererseits aber auch
handfesten Anti-Kommunismus als Grundlage zu besitzen, war die Totalitarismusthese.
Die KPD hingegen gründete eine militante Organisation, deren
Grundlage der Antiimperialismus bildete; den Roten Frontkämpferbund.
Beide Organisationen spielten auf "soldatische Traditionen"
an.
SPD-nahe
Organisationen
Das Reichbanner Schwarz-Rot-Gold
Auf Initiative des rechten SPD-Flügels wurde am 22. Februar 1924
das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold als "Bund republikanischer
Kriegsteilnehmer" in Magdeburg gegründet. Die Organisationen
stand unter der Leitung von Friedrich Otto Hörsing (SPD), Oberpräsident
der Provinz Sachsen und rechter Sozialdemokrat. Ideologisch war das
Reichbanner abhängig von der SPD, obwohl alle Parteien der "Weimarer
Koalition" das Reichbanner stützten und dieses als "Hüter
der Republik" sahen.
Diese Parteien wirkten federführend im Interesse der Industriellen
und der mit ihnen verbundenen SPD und wirkten demgemäß
auch nicht im Sinne einer wirkungsvollen antifaschistischen und antimilitaristischen
Arbeit.
»Nun wäre es voreilig zu vermuten, der Reichbanner sei
in Braunschweig eine Art organisierte Linksfraktion in der SPD gewesen.
Denn in seiner Bildungsarbeit bemühte sich der Reichsbanner die
Geschichte der Rheinbundstaaten, um die Monarchie als antinational
darzustellen und pflegte die Erinnerung an die Revolution von 1848,
um nachzuweisen, daß die Weimarer Verfassung "kein willkürliches
Revolutionsprodukt" wäre, sondern "auf der Linie einer
geschichtlichen Entwicklung" läge. Man wollte "den
Staat ... zu einem wirklichen Heim für alle Bürger werden
lassen" und nahm den "reinen wahren Nationalismus"
für sich in Anspruch. Man wollte nur nicht "national um
einer Herrenschicht", sondern "national um des ganzen Volkes"
sein.
Die Politik der Identifizierung mit der Nation und der Republik, die
durch die Bildungsarbeit erreicht werden sollte, konnte für das
Verhältnis von Mitgliedschaft und Führung nicht ohne Folgen
bleiben und blieb es auch nicht, (...). Die Stärkung von Indentifikationen
mußte nämlich Hemmung von Konflikt- und Kritikbereitschaft
innerhalb der eigenen Organisation führen.«
(Albrecht Lein, Antifaschistische Aktion 1945 - Die "Stunde Null"
in Braunschweig, S. 89, Göttinger Politikwissenschaftliche Forschungen;
Hrsg.: Die Direktoren Pr. Dr. W. Euchner, Pr. Dr. P . Lösche,
Pr. Dr. E. A. Roloff, (c) 1978.)
Die meisten der ca. 3 Millionen Mitglieder des Reichbanners waren
zwar antimilitaristisch und antifaschistisch eingestellt, aber die
Reichsbannerleitung, vor allem ihr Vorsitzender Hörsing, bekämpfte
von Beginn an jeden Versuch von Reichsbannermitgliedern, mit KommunistInnen
oder anderen konsequent linken Kräften zusammenzuarbeiten.
Die Eiserne
Front
Mit dem Aufruf zum Zusammenschluß aller republikanischen Kräfte
und deren einheitlichem Kampf gegen die Nationalsozialisten und für
die Rettung der demokratischen Republik wurde im November 1931 die
"Eiserne Front" geschaffen. Sie sollte der neue Kampfbund
vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB), den ArbeitersportlerInnen,
dem allgemeinen freien Angestelltenbund (AfA), der Reichsbannerleitung
und der SPD werden.
Nachdem bei den Septemberwahlen 1930 die NSDAP große Stimmengewinne
verzeichnen konnte (von 12 auf 107 Abgeordnetensitze) und sich im
Oktober 1931 die nationalen/ faschistischen Kräfte (NSDAP, Stahlhelm,
Deutschnationale Volkspartei (DNVP)) mit Teilen des Großkapitals
und Medienimperien zur "Harzburger Front" zusammengeschlossen
hatten, hielt es das Reichsbanner für allerhöchste Zeit,
einen antinazistischen Abwehrbund zu schaffen.
Ähnlich wie das 1924 gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold,
sollte auch die Eiserne Front eine überparteiliche Organisation
werden. Allerdings entsprach ihre innere Struktur dem Status der beteiligten
Verbände.
Die SPD-Führung übernahm die gesamtpolitische Führung,
dem Reichsbanner wurde die technische Leitung übertragen und
der ADGB stellte in Betrieben und Berufsgruppen sogenannte "Hammerschaften"
auf, mit denen Übergriffe von Faschisten abgewehrt werden sollten.
Die Hoffnungen, es würden sich noch andere größere
Bünde und Gewerkschaften anschließen, erfüllte sich
allerdings nicht.Es gelang nicht, den Widerstand über sozialdemokratische
Kräfte hinaus zu mobilisieren. Dies auch deshalb, weil es ein
Verbot der Leitung gab, welches untersagte, daß kommunistsich
Organisierte Mitglied werden durften.
Kampfzeichen der Eisernen Front waren drei parallele Pfeile auf rotem
Grund von oben links nach unten rechts. Sie sollten auf die Kampfprinzipien
"Einigkeit, Aktivität, Disziplin" hinweisen. Auf Plakaten
der Eisernen Front wurde allerdings noch eine weitere politische Ausrichtung
der drei Pfeile deutlich. Der obere zerschlägt ein Hakenkreuz,
der mittlere eine Krone (Symbol der Monarchie und des Junkertums),
der untere Hammer und Sichel, womit der antikommunistische Kurs auch
offen als Programm vertreten wurde.
Die Eiserne Front betitelte ihre Kämpfe als "Abwehrkämpfe",
so waren sie denn auch zum größten Teil eher Alibi der
SPD, ein antifaschistisches Gesicht zu zeigen.
Carl von Ossietzky, linksliberaler Schriftsteller, brachte im Januar
1932 in der "Weltbühne" die politische Schizophrenie
der Eisernen Front auf den Punkt:
»Ein neues Schlagwort soll jetzt, nach Beendigung des weihnachtlichen
Burgfriedens, seine Wirkung erweisen. Die "Eiserne Front"
der Republikaner formiert sich. SPD, das Reichsbanner, Gewerkschaften
verschiedener Richtung, republikanische Bünde, sie alle wollen
sich zur Abwehr des Fascismus zusammenschließen. Die Front ist
lang, daran ist kein Zweifel, wie tief sie geht, welches ihre ideelen
Reserven sind, daß läßt sich noch nicht leicht abschätzen.
Einige Abschnitte der Front, dort wo Arbeiter stehen, verdienen wohl
wirklich eisern genannt zu werden, andre sind aus biegsameremStoff
gemacht und einige nicht besser als Pfannkuchenteig. (...).
Es ist nicht leicht, zu einer Bewegung kritisch Stellung zu nehmen,
der jedes gute Glück zu wünschen ist. Der Einzelne, der
zur Aktivität gegen den Fascismus gewillt ist, darf nicht entmutigt
werden. Aber gerade weil der einzelne Combattant so hoch einzuschätzen
ist, deshalb muß deutlich ausgesprochen werden, daß das
Schwächste an der Eisernen Front die Kommandohöhen sind.(...).
Die Führerschicht, unter ganz anderen Verhältnissen gebildet
und gereift, steht müde und weise vor einem Wirtschaftswirrwarr,
der die gewohnten Klassengrenzen verwischt und die gelernte Marxfibel
scheinbar ad absurdum führt. Herr Hilferding zum Beispiel konstatiert
allgemeine Körperschwäche des Kapitalismus, folgert daraus
aber nicht etwa die Notwendigkeit, den Patienten baldigst abzusägen,
sondern fordert vielmehr die Arbeiter auf, ihn hochzupäppeln,
damit sie wieder mehr verdienen. Hilferding ist gewiß ein Mann
von starkem theoretischem Fundament und Befähigung zu weitem
weltpolitischem Blick, aber so, ohne Ziel und ohne Feuer, gleicht
er allzu sehr einem hochgebauten Leuchtturm, auf dem nur eine kleine
Stearinkerze steht. Der Glaube an die geschichtsbildende Kraft des
Proletariats ist dahin, die eigene Mutlosigkeit der Führerkaste
wird auf die ganze Klasse projeziert.« Dem ist nichts hinzuzufügen.
KPD-nahe
Organisationen
Proletarische Hundertschaften - Vorläufer des RFB
Die proletarischen Hundertschaften waren regional organisierte Arbeiterwehren
und bestanden aus Mitgliedern (nur vereinzelt Frauen) des kommunistischen
Ordnerdienstes, der u.a. zum Versammlungs- und Funktionärsschutz
der KPD gegründet worden war. Die Hundertschaften waren militärisch
ausgebildet und geschult. Obwohl Bewaffnung illegal war, verfügten
zahlreiche Mitglieder der Hundertschaften über Waffen noch aus
dem I. Weltkrieg oder den revolutionären Aufständen der
vergangenen Jahre.
Im Mai 1923 gab es (laut des Parteibuches "Der bewaffnete Aufstand,
aus dem Jahre 1928) dreihundert proletarische Hundertschaften, vor
allem in Berlin, im Ruhrgebiet, in Sachsen und Thüringen mit
insgesamt etwa 250000 Mitgliedern.Die proletarischen Hundertschaften
wurden am 23. November 1923 - zusammen mit der KPD - , kurz nach dem
"Hamburger Aufstand", vom preußischen Innenminister
Severing (SPD) verboten.
Die Gründung
des Roten Frontkämpferbundes (RFB)
»Die Hoffnung auf den unmittelbar bevorstehenden Sieg der Revolution
inDeutschland hatte die kommunistische Partei im Herbst 1923 zwar
begraben müssen; das bedeutete jedoch keineswegs, daß sie
damit auch das Instrument, daß ihr zu Erreichung dieses Ziels
hatte dienen sollte, die proletarischen Hundertschaften, für
untauglich erachtete. Sowohl in der Komintern-Diskussion über
die "Lehren der deutschen Ereignisse" des Oktober 1923 als
auch in den Referaten,Anträgen und Resolutionen des IX. Parteitages
im April 1924 wurde die Arbeit in den "Organen der Einheitsfront
von unten" - und zu ihnen zählten die Hundertschaften -
als vordringlich bezeichnet.«
(Kurt G.P. Schuster, Der Rote Frontkämpferbund 1924-1929, Beiträge
zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien,
Band 55, Drost-Verlag, 1975).
Aufgrund der wachsenden Bedrohung der ArbeiterInnen und des Klein-
und Mittelstandes durch die Wirtschaftspolitik der rechtsbürgerlichen
Parteien und der direkten Angriffe von Seiten der rechtsradikalen
Freikorps, beschloß die KPD die Gründung einer "proletarischen
Wehr- und Schutzorganisation".
Ziel dieser Organisation, die zwar eine eigenständige Struktur
besaß, aber politisch von der KPD bestimmt wurde, war zum einen
der Schutz der ArbeiterInnen vor Überfällen von Faschisten
und der Polizei. Zum anderen besaß die politische Massenarbeit
einen enormen Stellenwert, denn die ArbeiterInnenklasse sollte ȟber
die Methoden und Mittel des Imperialismus und die Hintergründe
der in seinem Namen geführten Kriege aufgeklärt und somit
ihr Klassenbewußtsein vertiefen«.
(Selbstdarstellung des RFB)
Im Mai 1924 beschloß die Zentrale der KPD in Berlin, mit der
Gründung der proletarischen Wehrorganisation "Roter Frontkämpferbund"
(RFB) in den Bezirken Thüringen und Halle-Merseburg zu beginnen
(Anlaß bzw. Auslöser war der sogenannte "Blutsonntag
von Halle"). In diesen Bezirken besaß die kommunistische
Partei eine gefestigte Position und konnte auf den noch vorhandenen
Strukturen der 1923 verbotenen "proletarischen Hundertschaften",
die in dieser Gegend sehr stark gewesen waren, aufbauen.
Am 31. Juli 1924 fand im Volkspark zu Halle die Gründungsversammlung
des RFB statt. Um der Gefahr eines erneuten Verbotes aus dem Wege
zu gehen, wurde beschlossen, (zunächst) keine bekannten Parteifunktionäre
in den Vordergrund treten zu lassen.
In den folgenden Monaten wurden mehrere Unterorganisationen des RFB
gegründet. Der Rote Jungsturm, die Rote Marine und der Rote Frauen-
und Mädchenbund (RFMB).
Exkurs
zu den Unterorganisationen des RFB
Roter Jungsturm (RJ)
Rote Jungfront. Neben den Soldaten richtete der RFB sein Hauptaugenmerk
auf die ArbeiterInnenjugend. Sie kannte weder Krieg direkt, noch Militärdienst
aus eigener Erfahrung und konnte deshalb von den romantisierenden
nationalistischen Märchen über den heldenhaften Krieg stark
beeinflußt werden.
Um den Interessen von Jugendlichen besser und direkter Rechnung tragen
zu können, wurde als Jugendorganisation des RFB am 22. August
1924 in Jena der Rote Jungsturm (RJ) gegründet, der im Januar
1925 in Rote Jungfront umbenannt wurde. Die RJ besaß eine eigenständige
Organisationsstruktur und sollte Jugendliche im Alter von 16 bis 21
Jahren ansprechen.
Schon eine Woche nach seiner Gründung in Thüringen hatte
der RJ über 2000 Mitglieder.
Die Rote
Marine
Eine weitere Unterorganisation des RFB war die Rote Marine (RM), deren
erste Formation im September 1925 inBremen gegründet wurde.
Aufgrund der überschaubaren Größe der Reichsmarine
war es für die Rote Marine nahezu unmöglich, Matrosen für
den Bund zu gewinnen. Sie blieb auch deshalb mitgliedsschwach, weil
die meisten kommunistisch orientierten Matrosen vor der Gründung
der RM bereits dem RFB beigetreten waren, und eine Mitgliedschaft
in beiden Organisationen untersagt war.
Mitglieder der Roten Marine waren hauptsächlich ehemalige Matrosen
oder Hafen- und Werftarbeiter. Die bedeutendste Abteilung des Bundes
befand sich in Hamburg, wo es 1927 nach eigenen Angaben 400 Rote Matrosen
gab. Weitere Sektionen bestanden in Königsberg, Lübeck,
Unterweser und Kiel. Politisch war die Rote Marine der jeweiligen
Gauführung untergeordnet und finanziell von der RFB-Bundesführung
abhängig. Die Rote Marine hatte den gleichen organisatorischen
Aufbau wie der RFB.
Der Rote
Frauen- und Mädchenbund (RFMB)
Schon auf der I. Reichskonferenz des RFB stand die Bildung einer unabhängigen
Rotfrontkämpferinnenorganisation auf der Tagesordnung, da die
Rolle der Frauen im RFB von Anfang an nicht geklärt war.
»Zunächst war keineswegs klar, welche Rolle der "revolutionären"
Frau in der Bewegung zugedacht war. Richtlinien und Satzungen gaben
darüber keinen Aufschluß, aber die Kameradinnen waren von
Anfang an mit dabei und wurden an einigen Orten sogar in Funktionärsstellen
gewählt."
(Kurt G.P. Schuster, s.o.)
Nach kontroverser Diskussion setzte sich die Ansicht durch, daß
eine eigenständige Frauenorganisation weit mehr Anziehungskraft
auf Arbeiterinnen haben würde als der RFB.
»Als die Bezirksleiter mit dem Projekt der Frauenabteilung vor
ihre Bezirkskonferenz traten, scheinen sie doch auf einen weitverbreiteten
Widerstand gestoßen zu sein. Das zeigt sich deutlich im Protokoll
der II. Reichskonferenz, deren zweiter Verhandlungstag - neben der
Abstimmung der Anträge - diesem Thema gewidmet war.«
(Kurt G.P. Schuster, s.o.)
Zudem gab es Anträge von einigen Bezirken, daß Frauen und
Mädchen künftig nicht mehr an Aufmärschen und Veranstaltungen
teilnehmen sollten, da sie "den Anstrengungen nicht gewachsen"
seien und die militärische Disziplin stören würden.
»Die anschließenden Diskussion erbrachte eine bunte Reihe
von Argumenten unterschiedlicher Qualität und Provenienz (Herkunft,
d.V.) für und wider die Loslösung vom Bunde: Die Rolle der
Frau in der Pariser Kommune, die Tatsache, daß Rosa Luxemburg
eine Frau war, die Verwendbarkeit der Frau im Sanitätsdienst,
die durch denEinsatz von Frauen möglicherweise steigende Anziehungskraft
des Bundes, die Tatsache, daß der Gegner (die rechts-reaktionären
Bünde, d.V.) sich im Luisenbund ebenfalls eine Frauenabteilung
geschaffen habe, wurden für den Verbleib der Frauen und Mädchen
im RFB ins Feld geführt; dagegen sprach in den Augen der Delegierten
die physiologische Unzulänglichkeit der Frau im "militärischen"
Dienst, die Störung des disziplinierten militärischen Auftretens,
die Zersetzung der "Manneszucht" durch die Mädchen,
die "immer wieder erwiesene" geringe politische und auch
nervliche Standhaftigkeit der Frau.«
(Kurt G.P. Schuster, s.o.)
Die Reichskonferenz beschloß, »die bestehenden Frauen-
und Mädchenabteilungen obligatorisch vom RFB loszulösen
und die Erfassung und Sammlung der Frauen im Roten Frauenbund durchzuführen«.
Die Bundesleitung wurde beauftragt, die Initiative zur Gründung
des neuen Bundes zu ergreifen.
»Nicht erwähnt worden war in der Diskussion ein Argument,
das in den Überlegungen der Zentrale der KPD angeblich eine Rolle
gespielt haben soll. Clara Zetkin hat danach die Ansicht vertreten,
daß bei der Angliederung der Frauen an den RFB die Werbekraft
auf das weibliche Publikum zu gering sei und daß - um den "Radius"
der ansprechbaren Frauen zu erweitern - die organisatorische Selbständigkeit
der Frauenorganisation wünschenswert wäre.«
(Kurt G.P. Schuster, s.o.)
Da es zunächst nur bei diesem Appell blieb, legte MarthaGrünert,
Delegierte auf der II. Reichskonferenz 1925 und sehr engagiert in
der Frage der Frauenorganisation, bei der Bundesleitung in Berlin
folgenden Entwurf vor:
»Die Frauenliga hat die Aufgabe, den Kampf für soziale
Verbesserungen wie Mutterschutz, Kinderhilfe, Schulpflege usw. zu
führen; für Abschaffung der [[section]]128 und [[section]]219
einzutreten, (...) in enger Verbindung mit dem RFB.«
Der KPD gingen die politischen Ambitionen dieses Entwurfs jedoch entschieden
zu weit. Der Bund solle nicht zu einem Parteiersatz werden. Gerade
politisch brisante Themen wie Mutterschutz oder Abschaffung des Abtreibungsparagraphen
218 beanspruchte die KPD für sich.
So wurde auf der am 29. November 1925 einberufenen Reichskonferenz
des "provisorischen Komitees des Roten Frauenbundes" der
Rote Frauen- und Mädchenbund (RFMB) gegründet, dessen Satzung
bis auf den Paragraphen 3 mit der des RFB identisch war.
Der Vorschlag von Martha Grünert, der sich in konkreten Forderungen
zum "Zweck des Budnes" (Satzungsparagraph 3) äußerte,
wurde durch allgemeine und verschwommenere Formulierungen ersetzt.
Somit war klar, daß der RFMB, wie schon der RFB als "Vorschule
der Partei" zu verstehen sein sollte.
Die Auseinandersetzungen um den Zweck des Bundes gingen jedoch darüber
hinaus.
»Dabei wurde von den Frauen die Quadratur des Kreises erwartet:
Sie sollten keine "militärische Organisation" sein,
aber eine "Kampforganisation proletarischer Frauen".Sie
sollten kein "kleinbürgerlicher" Verein sein, aber
"Methoden anwenden, wie sie bisher nur mit Erfolg von bürgerlichen
Vereinen gebraucht wurden". Sie durften nicht "den proletarischen
Charakter" ihrer Veranstaltungen verwischen, aber sollten die
"Tatsache beachten", daß Frauen "ein starkes
Unterhaltungs- und Bildungsbedürfnis haben". Für die
Gründungsversammlung sollte ein "freundliches" Lokal
gesucht werden!«
(Kurt G.P. Schuster, s.o.)
Als Vorsitzende wurde Clara Zetkin gewählt, die diesen Posten
jedoch von Anfang an nur fomal besetzte und ihre Hauptaufgabe in der
KPD-Zentrale sah. Eigentliche Vorsitzende und organisatorischer Kopf
war Helene Overlach, aus der Ortsgruppe Hamburg/ Wasserkante. Nach
eigenen Angaben gehörten dem Roten Frauen- und Mädchenbund
zum Zeitpunkt seiner ersten Reichskonferenz im November 1926 ca. 25000
Frauen an.
Das Mindestalter wurde auf 16 Jahre festgelegt. Ähnlich wie die
Rote Jungfront beim RFB wurde auch beim RFMB eine Jugendorganisation,
die sogenannten "Mädelgruppen" eingerichtet. In Ihnen
sollten Mädchen von 14 bis 18 Jahren zusammengefaßt werden.
Frauen, die Mitglied beim RFMB wurden, leisteten, ähnlich wie
die Männer beim RFB, einen Fahneneid, der "im Zeichen des
Blutes" einen "heiligen Schwur bis zum Tod" ausdrücken
sollte.
Die Meldungen und Berichte über den RFMB waren, selbst in KPD-
und RFB-Publikationen, mehr als dürftig.
Zur II. RFMB- Reichskonferenz vom 10. Februar 1928, die bei Berlin
stattfand, gab es beispielsweise nur eine kurze Notiz in der "Roten
Fahne", dem Zentralorgan der KPD. Dagegen wurde über Konferenzen
des RFB seitenweise berichtet, Reden und Diskussionbeiträge sogar
häufig im Wortlaut abgedruckt.
Nachdem der preußische Innenminister Severing von der SPD am
3. Mai 1929 den Roten Frontkämpferbund und seine Unterorganisationen,
die Rote Jungfront und die Rote Marine verboten hatte, konnte dern
von diesem Verbot nicht betroffene RFMB ncoh am 17. August 1929 legal
seine III. Reichskonferenz nach Erfurt einberufen.
Durch die politischen Verbote kam diesem Treffen verständlicherweise
eine besondere Bedeutung zu. Helene Overlach, 2. Vorsitzende des RFMB,
rief alle Proletarierinnen dazu auf, »Soldaten für die
Revolution« zu werden und die legalen Nachfolgeorganisationen
des RFB, wie die Antifaschistischen Jungen Garden, zu unterstützen
und ihnen beizutreten.
Nachdem Helene Overlach im Jahre 1930 bei einer Demonstration schwer
verletzt wurde und danach zur Schulung in die Sowjetunion ging, finden
sich keine Berichte oder Dokumentationen über die Tätigkeit
des RFMB mehr.
Nach wie vor bleibt ungeklärt, welchen gesellschaftlichen und
innerparteilichen Stellenwert der RFMB tatsächlich hatte. Selbst
die Publikationen der KPD und des RFB, wie bereits erwähnt, geben
wenig Aufschluß über die tatsächliche Bedeutung und
liefern auch ein verzerrtes Bild dieser Frauenorganisation. Festzuhalten
bleibt, daß die in Ansätzen bekannten und dargestellten
Auseinandersetzungen um die Gründung des RFMB als eigenständige
oder eingegliederte Organsiation, anschaulich dokumentieren, welches
- aus heutiger Sicht - zum Teil rückständiges Frauenbild,
auch auf linker Seite als "Norm" galt.
Es dokumentiert ebenfalls, daß zwar eine Auseinandersetzung
um die Funktion und Wirkungsweise des [[section]]218 oder die Bedeutung
des Mutterschutzes stattgefunden hatte, jedoch eine tiefergehende
(marxistische) Auseinandersetzung um die geselschaftliche Trennung
von Reprodutions- und Produktionsarbeit im Kapiatalismus und der daraus
resultierenden Frauenrolle nicht realisiert worden ist. So fehlt folglich
auch eine breitere Auseinandersetzung um die Funktion der Kleinfamilie
für den aufkommenden Faschismus. Nicht nur beim RFMB, RFB und
KPD, sondern in der gesamten linken/proletarischen Bewegung spielten
diese Fragen eine untergeordnete Rolle.
Einheitsfrontbestrebungen
anhand der Fürstenenteignungskampagne
In der ersten Hälfte des Jahres 1926 stand für den
RFB der »Kampf für die Fürstenenteignung" im
Vordergrund. Die Fürsten - deren Vermögen und Besitztümer
1918 zwar beschlagnahmt aber nicht enteignet worden waren - forderten
von der Regierung insgesamt etwa 2,5 Milliarden Reichsmark Entschädigung.
Allein für die Hohenzollern zahlte der Staat jährlich 600000
Reichsmark.
Beginn der Kampagne war der von der KPD am 25. November 1925 eingebrachte
Gesetzentwurf, der die entschädigungslose Enteignung der ehemaligen
Fürstentümer forderte. Da der Entwurf erwartungsgemäß
abgelehnt wurde, strebte die KPD einen Volksentscheid an. Zu dessen
Durchführung war zunächst ein Volksbegehren erforderlich,
dei dem sich am 17. März 1926 rund 12,5 Millionen Wahlberchtigte
für den Volksentscheid aussprachen. Das waren weit mehr als die
erforderlichen 10%; der Volksentscheid wurde für den 20. Juni
1926 angesetzt.
Von der KPD wurde die Kampagne als großer Erfolg in der Frage
der Einheitsfront gewertet. Große Teile der mittelständischen
Bevölkerungsschicht, die konkret von der Inflation um ihre Ersparnisse
gebracht worden waren und im allgemeinen mit der fortschreitenden
Monopolisierung des Kapitals (immer mehr Großbetriebe, immer
weniger Mittelständische- und Kleinbetriebe) betroffen waren,
votierten dementsprechend für die Enteignung. Deshalb - schon
allein aus wahltaktischen Gründen - beteiligte sich die SPD nach
anfänglichem Zögern and der Kampagne. Die Führung des
Reichsbanners untersagte ihren Mitgleidern zwar die Zusammenarbeit
mit KommunistInnen, sprach sich aber für die Kampagne aus. Allein
in Thüringen bildeten sich - trotz der Anweisung der Reichsbannerführung
- über 30 Einheitsfront-Komitees, denen KommunistInnen, SozialdemokratInnen,
Rotfrontkämpfer, Gewerkschafts- und Reichsbannermitglieder angehörten.
»Wer den Fürsten nur einen Pfennig gibt, bezahlt die Maschinengewehre
der Monarchisten«, hieß es auf einer Kundgeung der Roten
Jungfront, der Jugendorganisation des RFB, am 3. Februar 1926 in Berlin/Wedding.
In Berlin nahmen am 27. Januar 1926 rund 150000 Menschen an einer
Demonstration für die Fürstenenteignung teil.
Trotz der breiten Mobilisierung und Größe der Kampagne
fehlten am 20. Juni 4,5 Millionen Stimmen. 15,5 Millionen Stimmen
waren mit ihrer "Ja"-Stimme für die entschädigungslose
Enteignung der Fürsten eingetreten. Das waren mehr, als Hindenburg
bei seiner Wahl zum Reichspräsidenten, nach dem Tode Eberts,
1925 bekommen hatte. Auch wenn die Kampagne ihr Ziel nicht erreicht
hatte, wurde sie von der KPD ausschließlich als Niederlage gewertet.
Ein Teilerfolg war beispielsweise, daß ein beachtlicher Zuwachs
an Mitgliedern zu verzeichnen war.
Die Kampagne war zugleich Teil des antimilitaristischen Kampfes, denn
die Kron- und Erbprinzen besaßen teilweise Führungspositionen
in den militaristischen Verbänden. Beispielsweise waren die Hohenzollernprinzen
August Wilhelm und Eitel Friedrich hohe Führer im Stahlhelm und
später in der SA. Erbprinz Josias von Waldeck- Pyrmont gehörte
zum Jungdeutschen Orden, war SS-Führer und später KZ-Kommandeur.
Bilder
der Straßen
Angesichts der Gefahr, die der RFB durch die jederzeit von Polizei
oder militaristischen Verbänden erfolgenden Überfälle
ausgesetzt war, traf der Bund bei seinem öffentlichen Auftreten
Sicherungsmaßnahmen. Auch die Erfahrungen aus den Niederschlagungen
der revolutionären Aufstände sowie den anschließenden
Verfolgungen waren Hinterg |