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Wie
Deutschland sich von Auschwitz befreit
Anläßlich des Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers
Auschwitz
[Junge Linke, Hannover 1999]
Die
5-Minuten Analyse am
Jahrestag der Befreiung von Auschwitz
Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau . Hier, in den anderen Vernichtungslagern und durch
die massenhaften Erschießungen hatte Nazi-Deutschland versucht, alle
Menschen, die als Juden sortiert wurden, umzubringen. Dies war ein
gleichberechtigtes Kriegsziel neben der Eroberung anderer Länder und
der Zerschlagung der Sowjetunion, zum Schluß sogar das Wesentliche.
Angekündigt hatte Hitler bereits 1939: "Wenn es dem internationalen
Finanzjudentum ... gelingen sollte, die Völker Europas noch einmal
in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung
der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung
der jüdischen Rasse in Europa"(1). Dafür setzte der deutsche Staat
alles in Bewegung, von A wie Arbeitsamt bis Z wie Zulassungsstelle.
Solange deutsche Soldaten kämpften, ging der Mord an den Jüdinnen
und Juden, den Roma und Sinti, und die brutalen, oft tödliche Über-Ausbeutung
der "Fremdarbeiter" weiter. Zum einen waren alle Teile der Gesellschaft
in das Kriegsprogramm der Nazis integriert, zum anderen haben Hitler
& Co weder die Vernichtungslager, noch einen Vernichtungskrieg (Massenerschießungen,
tödliche Deportationen und Zwangsarbeit) alleine machen können. Es
war ein deutsches Projekt.
"Wir haben nichts davon gewußt!", hat es nach 1945 geheißen. Das ist
eine doppelte Schutzbehauptung: Die ganz normalen Deutschen hätten
durchaus wissen können und wußten oft auch, was da passierte. Vor
allem aber wäre ohne ihr Mitmachen ein solches Vernichtungsprogramm
gar nicht möglich gewesen. Das heißt nicht, daß alle Deutschen fanatische
Antisemiten oder begeisterte Nationalsozialisten gewesen wären. Das
ist augenscheinlich auch gar nicht nötig. Ein Haufen ordentlicher
StaatsbürgerInnen, die für ihren Staat sind, egal was der macht plus
eine große Anzahl von Antisemiten plus die entsprechende Führung sind
ausreichend. "Die Verfassung der Massen [im NS - Anm. v.m.] besteht
eher in der Indifferenz [Gleichgültigkeit - Anm. v.m.] von kalkulierenden
Warenbesitzern, die weder der Todesmaschinerie in den Arm fallen,
noch allzu sehr auffallen wollen" (Detlev Claussen: Grenzen der Aufklärung,
S.23). Soweit die Fakten.
Es
geht nie um Auschwitz, es geht immer um Deutschland
Das alles ist schrecklich, und wirft einige Fragen auf. Wie kamen
die Nazis darauf, eine jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung gegen
Deutschland zu halluzinieren? Wie kamen die Deutschen darauf, diese
Partei an die Regierung zu wählen? Wie konnten all die netten Opis
und Omis einfach mitmachen? Warum gab es in Deutschland keine Partisanen
oder keine handfesten militärischen Widerstand wie anderswo— sondern
nur ein Attentatsversuch von Offizieren, die den Krieg gewinnen und
darum (und nur darum!) Hitler stürzen wollten ("20. Juli"). Warum
wollten so wenige etwas gegen das Vernichtungsprogramm der Nazis tun,
und warum haben noch weniger es getan (z.B. Sabotage wie die Edelweißpiraten,
oder Spionage wie die Rote Kapelle). Aber das sind gar nicht die Fragen,
die in Deutschland diskutiert werden. Statt Auschwitz zu erklären,
wird es dem deutschen Nationalismus dienstbar gemacht.
"Das Gedenken an Auschwitz wird instrumentalisiert", hat auch Martin
Walser in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
erklärt, neben viel anderem dummen Zeug. Aber er meint das anders:
Angeblich wird Auschwitz von Leuten, die den Deutschen ein schlechtes
Gewissen einreden wollen, instrumentalisiert. Walser sagt das nicht
mal eben so. Nachdem in den 80er Jahren Historiker bereits behauptet
haben, die Nazis hätten bei Stalin abgekupfert, nach den antisemitischen
Reaktionen auf die Thesen von Goldhagen, nach den Protestdemonstrationen
gegen die schwarzbraune Wehrmachtsaus-stellung, nach dem Einzug der
faschistischen DVU in den Landtag von Sachsen- Anhalt und der Ausbreitung
„national befreiter Zonen" in Ostdeutschland fällt Walser nur eins
ein: Auschwitz wird instrumentalisiert. Stimmt. Von ihm und anderen.
Deutschland
befreit sich von Auschwitz I:
Ableugnen und Relativieren
Neben der ganz schlichten Methode, einfach zu behaupten, das alles
sei eine Erfindung, gibt es viele Methoden, Deutschland reinzuwaschen.
Beliebt sind da Methoden wie: "auch andere Völker haben Dreck am stecken"
— was der Kindergartenlogik folgt, daß wenn zwei etwas machen, es
nur noch halb so schlimm sei. Jenseits dessen, daß die Vergleiche
zumeist nicht hinhauen. Wieder zu Ehren gekommen ist der Vergleich
zum Staatssozialismus: Das "Schwarzbuch des Kommunismus" hat die Toten
aus Bürgerkriegen, Hungersnöten und Erschießungen zusammengerechnet,
ist auf 100 Millionen Tote gekommen, und findet den Kommunismus darum
viermal schlimmer als den Nationalsozialismus. Und der Hinweis auf
die zwei "Unrechtsregime" (gemeint sind das 'Dritte Reich' und die
DDR) ist ein fester Bestandteil, um die ostdeutsche PDS in die Nähe
der Nazis zu rücken. Immer wieder errechnet dann auch jemand, daß
es "nur" vier oder drei oder zwei Millionen gewesen sind, die umgebracht
wurden. Auch beliebt ist der Verweis darauf, wie schlecht Israel die
Palästinenser behandelt — und wenn die Opfer keine besseren Menschen
sind, dann ist die Tat in den Augen mancher wohl auch nicht mehr so
schlimm.
Deutschland
befreit sich von Auschwitz II:
Verdrängen durch Gedenken
In den letzten Jahren ist neben dem, Relativieren auch das Gedenken
mehr in Mode gekommen. mit dem Hinweis, man gedenke ja nun, weist
man gleichzeitig alle Kritik von sich und verbittet sich jede Einmischung
des Auslands — und besonders der Juden. Schon gar nicht will man sich
reinreden lassen, wie nun zu gedenken sei: Am Ende wird noch ein Stück
besten Berliner Baugrunds nur für eine Gedenkstätte geopfert. Mit
dem Hinwies auf das Gedenken, mit dem Stolz auf die Scham, die man
empfindet weist man zugleich jede Konsequenz aus der Nazi-Zeit zurück:
Während alle Anne Franks Tagebuch lesen, werden Menschen jeden Tag
in Folter, Hunger und Bürgerkrieg abgeschoben. Während der Bundespräsident
Yad Vashem besucht, wehrt sich das ostdeutsche Dorf Gollwitz gegen
jüdische Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Und der Hinweis,
man habe nun aber genug...., den kriegen auch Leute zu hören, die
Entschädigung für Zwangsarbeit verlangen, oder Schadensersatz für
Versicherungspolicen und Konten, die die Banken damals einkassiert
haben.
Deutschland
befreit sich von Auschwitz III:
Auschwitz als Auftrag
Und das geht so: Gerade weil die Deutschen vom Faschismus befreit
wurden und Auschwitz nicht selber beendet haben, können sie nicht
zurückstecken, wenn es gilt, anderen Völkern zu helfen. Der 'Völkermord'
an den europäischen Juden muß als Grund dafür herhalten, daß der Rechtsnachfolger
des Deutschen Reichs seine von Wehrmachts-Generälen aufgebaute Bundeswehr
in Bewegung setzt, um Wiederholungen zu verhindern. Brillant. Wer
möchte sich schon nachsagen lassen, aus der deutschen Geschichte nichts
gelernt zu haben? Die Grünen und die linken Sozis haben Deutschland
1968 ff. zivilisiert, denken sie. Das ist das einzige, woran diese
ehemaligen Linken, die heute so gerne mit SPD, FDP und CDU kuscheln,
vergangenheitsmäßig erinnert werden möchten. Weil andere Weltgegenden
keine 68er gehabt haben, muß die so verwandelte BRD Frieden und Menschenrechte
überall durchsetzen. so nützt die faschistische Vergangenheit ganz
aktuellen Interesse und Zielsetzungen: gegen den Irren von Bagdad,
den Wahnsinnige in Belgrad und so andere angebliche Wiedergänger Hitlers.
Gedenken
als Nationalfeier
Die ganze Erinnerungskultur soll ein Kompliment für Deutschland
sein. Genau für jenen Staat, der bis 1989 die Ergebnisse des II. Weltkriegs
in Frage gestellt hat. Genau für jenen Staat, dessen Zentralbank die
Gewinne aus dem Verkauf des Zahngolds der vergasten Juden in DM umgewechselt
hat. Genau für jenen Staat, dessen Oberstes Gericht geurteilt hat:
"(...) die Bundesrepublik ist also nicht 'Rechtsnachfolger' des Deutschen
Reichs, sondern als Staat identisch mit dem Staat 'Deutsches Reich'"(2).
Die BRD wollte immer beides sein: Deutschland und die — einzig zulässige
und erfolgreiche — Lehre aus der deutschen Geschichte. Mit der antifaschistischen
Erziehung, Abteilung West soll immer eins erreicht werden: Identifikation
mit der BRD. Worauf dabei jeweils Wert gelegt wird, ist davon abhängig,
was jeweils für das hervorstechendste Argument für die Bundesrepublik
Deutschland gehalten wird. Wer vor allem ihr politisches System für
das besondere Gütezeichen hält, betont die Differenzen zwischen Deutschem
Reich und BRD, und kann im Vergleich von faschistischer und demokratischer
Politik nur eins entdecken: Lauter Gegensätze! Wer dagegen der BRD
primär zu Gute hält, daß sie ein deutscher Nationalstaat ist, wird
in Angriffen auf Institutionen, die es auch in der BRD gibt, den Angriff
auf den deutschen Staat und dem ihm zustehenden Gehorsam seiner BürgerInnen
vermuten Bei all den Kontinuitäten von BRD und Deutschem Reich, kann
an letzterem nicht alles schlecht gewesen sein. Und weit und breit
vermögen die Vertreter dieses Ansatzes keinen Grund zu sehen, warum
dem Deutschen Reich nun angekreidet werden sollte, was bei anderen
Staaten — angeblich oder wirklich — Gang und Gäbe war und ist. Wer
„die Deutschen" in erster Linie als „Schicksalsgemeinschaft" (Schäuble)
betrachtet, statt sie in eine Gemeinschaft freiwilliger VertragspartnerInnen
umzulügen, wird von ihren Angehörigen Unterordnung und Begeisterung
ganz abstrahiert vom jeweiligen politischen System oder der jeweiligen
Regierungsmannschaft erwarten. Natürlich ist Deutschland heute kein
faschistischer Staat. Das ist augenscheinlich für viele Schweinereien
auch gar nicht nötig. Weder sind Demokratie und Faschismus — und der
Nationalsozialismus ist die radikale, deutsche Variante des Faschismus
— das gleiche, noch heißt das, daß bürgerliche Demokratie deswegen
harmlos wäre.
Die
einzig richtige Lehre aus Auschwitz:
Deutschland abschaffen und alle anderen Nationen auch
"Der Mangel an Rücksicht aufs Subjekt macht es der Verwaltung
leicht. Man versetzt Volksgruppen in andere Breiten, schickt Individuen
mit dem Stempel Jude in die Gaskammer"(3) Solange es Herrschaft gibt,
solange es Kapitalismus gibt, solange ist nicht nur Auschwitz weiterhin
möglich, sondern finden auch andere Formen der Brutalität und des
Terrors weiterhin statt. Solange es Staaten gibt, die um den Reichtum
der Welt konkurrieren, solange wird es auch Leute geben, die alle
— wirklichen oder eingebildeten — Feinde ihres Staates bekämpfen oder
umbringen wollen. solange Leute sich als Volk fühlen, werden sie immer
mit Begeisterung gegen "Volksfeinde", gegen die, die nicht mitmachen
wollen, zusammenrotten. solange es einen Staat gibt, der über Leib
und Leben seiner BürgerInnen verfügt — bis hin dazu, daß er sie zum
Ausländer umbringen in den Krieg schicken kann — solange ist der Gewaltapparat
da, mit dem Vernichtungslager und Abschiebeknäste eingerichtet werden.
Solange Menschen nichts zählen, außer als Arbeitskraftbehälter und
Menschenmaterial für Staatszwecke — solange sind die Voraussetzungen
von Auschwitz da. Wer es ernst meint mit der Erinnerung, der darf
nicht bei ihr stehen bleiben.
(1)
Rede Hitlers vor dem Reichstag am 30.1.1939; (2) Entscheidung des
BVerfG vom 31.7.1973. Abgedruckt in: Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts.
(BVerfG), Bd. 36, S. 16/17; (3) Adorno/ Horkheimer: Dialektik der
Aufklärung. FaM: Fischer 1988, S.212.
[junge
linke, hannover 1999]
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