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| Linke
Strukturen aufbauen - jetzt, hier und überall! Der Anlass dieser Demonstration sind die morgigen - und damit zeitgleich zur Europawahl stattfindenden - Kommunalwahlen in der Sächsischen Schweiz, zu denen die NPD dieses Jahr mit 21 KandidatInnen in den insgesamt 14 Wahlkreisen antreten und voraussichtlich auch Mandate erzielen wird. Doch dazu wird an anderer Stelle noch genug gesagt. Es geht heute ja auch um weit mehr als die Nazis. Wenn oft behauptet wird, der antifaschistische Kampf sei im Osten nicht zu gewinnen, so würden wir nicht nur das Gegenteil behaupten, wir haben dieses Vorurteil resignativer Befangenheit beispielhaft widerlegt. Vor drei Jahren fand in Thüringen eine vergleichbare Demonstration für den Aufbau und Erhalt linker Strukturen in einer vermeintlich hoffnungslosen Situation statt. Das Konzept, in einer absoluten Nazihochburg - der Stadt Gera - eigene Ideen umzusetzen, die rechte Hetze argumentativ zu demontieren und die Nazistrukturen dort, wo es möglich war, anzugreifen, ist aufgegangen. Die faschistischen Strukturen konnten weitgehend zurückgedrängt werden - die NPD hat zum jetzigen Wahlkampf nicht einmal mehr plakatiert. Wie jetzt in Pirna machten sich vor drei Jahren die Faschisten in Gera über unsere Vorstellungen einer starken antifaschistischen Gegenbewegung lustig. Sie hatten allen Grund dazu, die gesellschaftliche Stimmung war gegen uns - sie ist es bis heute - aber wir haben geschafft, uns eigene Freiräume zu erkämpfen und den Rechten einen entschlossenen Widerstand entgegen zu setzen. Auch
in Pirna gibt es seit einiger Zeit eine organisierte Antifa und
das ist äußerst erfreulich. Wir sind zuversichtlich,
dass es auch möglich ist, in der Sächsischen Schweiz eine
antifaschistische Linke zu organisieren, die den rechten Vormarsch
aufzuhalten vermag. Doch dazu bedarf es Motivation und Ausdauer,
die oftmals verloren geht, wenn mensch selbst oder die Freundin,
der Freund mal wieder nachts durch die Straßen gejagt oder
verprügelt wurde. Auch die Gewaltandrohungen im Vorfeld der
heutigen Demo ließen mit Sicherheit niemand kalt, auch wenn
sie noch so dümmlich daherkamen. Selbstverständlich
sollten wir dabei stets unseren Blick neben dem Antifaschismus hinsichtlich
einer gesamtgesellschaftlichen Analyse schärfen. So ist linksradikale
Politik nicht nur wichtig, um den Kapitalismus an seinen wunden
Stellen anzugreifen, sondern um eigene inhaltliche und konstruktive
Perspektiven zu eröffnen. Wir sehen darin im Übrigen auch
keinen Widerspruch. Wir sind der Auffassung, dass die Ursachen des
Vormarsches rechter Ideologien ebenso bekämpft werden müssen,
wie faschistische Strukturen an sich. Insofern üben wir Kritik
an Rassismus, Sexismus und Patriarchat ebenso wie an der kapitalistischen
Verwertungslogik und den damit einhergehenden Konsequenzen wie Überwachung,
Abschiebepraxis und anderen gesellschaftlichen Missständen. Im
Laufe der Sommerlochdebatte 2000 wurde uns allen klar, dass Antifapolitik
nicht mehr per se links ist, geschweige denn radikal. Spätestens
seitdem nämlich so genannte "Neonazis" offiziell
zum "Standortproblem" des neuen Deutschlands erklärt
- und genau aus diesem Grund auch aus der nationalen Gemeinschaft
ausgeschlossen wurden - gibt sich der deutsche Staat antifaschistisch.
Einerseits wird im Ausland sehr genau beobachtet, wie Deutschland
mit dem Problem der Nazischläger umgeht, andererseits wollen
keine "Green-Card"-ArbeitnehmerInnen in Gebieten leben,
in denen sie tagtäglich verbaler und körperlicher Gewalt
ausgesetzt sind. Antifaschistischer Kampf ist für uns folgerichtig auch ein Drängen, alle bürgerlichen Grenzen zu sprengen und auf lange Sicht abzuschaffen. Die Herrschaftsverhältnisse unter denen wir täglich leben, führen dazu, dass wir dazu neigen, diese zu verinnerlichen. Antifaschistische Aktion ist daher der Versuch eines revolutionären Angriffs auf den von der Kommerzialisierung unseres Lebens bis zu direkten sexistischen und faschistischen Angriffen reichenden täglichen Terror der Verhältnisse. Eine freie und solidarische Gesellschaft selbstbestimmter Menschen kann nur entstehen, wenn das System mit all seinen Folgen angegriffen und gekippt wird. Deswegen sollte - obgleich es kein richtiges Leben im Falschen geben kann - immer wieder der Versuch unternommen werden, das eigene Verhalten - mit dem Bewusstsein des Scheiterns - politisch zu hinterfragen und an den eigenen Träumen zu messen. Eine linksradikale Kritik am Kapitalismus setzt von daher die Auseinandersetzung mit kapitalistischen Vergesellschaftungsprozessen voraus. Politik ist dabei die Basis der Lebensentfaltung im Kampf um eine befreite Gesellschaft. Die Alternative dazu wäre, sich weiter von den bestehenden Verhältnissen treiben zu lassen - und sei es nur im Kleinen auf der Arbeit und/oder in sozialen Beziehungen. Die Notwendigkeit antifaschistischen Widerstandes ist durch die staatliche Übernahme konformer Politikfelder seit dem Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge im Sommer 2000 nicht gesunken. Das Gegenteil ist der Fall; die Nazibewegung wächst weiter und mit ihr die Anzahl an rassistischen und ideologischen Angriffen. Spätestens mit der Renaissance einer völkischen Gemeinschaft und dem Entstehen "national befreiter Zonen", bedarf es jedoch eines neuen Rahmens, in welchem "linker Antifaschismus" praktiziert wird. Er muss frei von systemaffirmativen Reformierungsansätzen sein und ein neues Selbstbewusstsein vermitteln. Sollte an dieser Vorstellung festgehalten werden, wird es uns möglich sein, auch in rechten Hochburgen wie der Sächsischen Schweiz absolute Handlungsfähigkeit zu erlangen. In diesem Sinne: Wer
vom Kapitalismus nicht sprechen will, soll vom Faschismus schweigen! [Juni 2004, Antifaschistische Aktion Gera] |