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Kein Freispruch für Deutschland!
Stelllungnahme zum Großen Zapfenstreich der "Pionierbrigade 70" am 25. Juni 2003 in Gera
[Antifaschistische Aktion Gera [AAG], Juni 2003]

Die deutsche Gesellschaft ist kein völlig homogener, postfaschistisch-völkischer Mob, obwohl dem kritisch denkenden Menschen immer wieder neue Anlässe für diese Ansicht geboten werden. Zudem reichen die globalen Ebenen, auf denen sich der Irak-Krieg abspielte, über den trüben Horizont hinaus, der sich aus dem Mief der deutschen Sicht heraus bietet. Ein deutscher Außenminister und humanitärer Bomberpilot Fischer hatte andere Gründe, sich gegen den dritten Golfkrieg zu stellen als christliche PazifistInnen. Die Motive eines NPD-Mitglieds, die USA zu hassen, weil man den Amis die Niederlage von '45 nie verziehen hat, sind andere als die einer deutschen Kurdin, die die US-Unterstützung des türkischen Staats für den Krieg in Kurdistan am eigenen Leib erfahren durfte. Und ein Antisemit, der in Washington das "Ostküsten-Judentum" am Werke sehen will, meint mit dem Satz "Stoppt den Krieg" etwas völlig anderes als ein bürgerlicher Antifaschist, der eine deutsche Beihilfe zum Krieg aus dem Grundsatz heraus ablehnt, von deutschem Boden dürfe nie wieder ein Krieg ausgehen. Ohne Frage hat die transatlantische Konfrontation gerade in Deutschland einen Antiamerikanismus wiedererweckt, der sich in vielen Fällen als Nationalismus und/oder Antisemitismus übersetzen lässt. Wo dieser in möglichen Antikriegsmanifestationen zutage treten sollte, ist es unbedingt nötig, dagegen Position zu beziehen. Eine solche Haltung allen zu unterstellen, die gegen den Irak-Krieg protestiert haben, macht die Sache jedoch zu einfach. Schließlich existieren auch Positionen wie etwa ein moralischer, prinzipieller Pazifismus oder eben die geschichtsbedingte Ablehnung insbesondere deutscher Kriege. Das kann nicht unbedingt als linksradikal bezeichnet werden. In einem solchen Umfeld bietet sich aber die Möglichkeit, auch und gerade eine Kritik an den Motivationen und Zielen der deutschen Regierung deutlich zu machen, ihr entgegen-, anstatt mit Forderungen nach Überflugverboten an sie heranzutreten. Diese Regierung hat ihre eigenen antiamerikanischen Töne nach erfolgreich absolviertem Wahlkampf auf ein Minimum reduziert. Sie argumentiert nun wesentlich geschickter mit "Menschenrechten", "friedlichen Lösungen" und anderen moralisch einwandfreien Dingen, um wieder einmal das europäische Modell als den schöneren Imperialismus anzupreisen.

Krieg als offensichtliche Grausamkeit des Kapitalismus
Während des Irak-Kriegs verhielten sich die deutschen SachwalterInnen eines kapitalistischen Staates so, wie es dessen Interessen entspricht - nicht anders, als es auch in den USA der Fall war. Dass diese Interessen gegensätzlich geartet sind, liegt in der auf Konkurrenz basierenden Natur des Kapitalismus.
Den deutschen Kapitalismus zu kritisieren, nur weil er deutsch, und nicht, weil er Kapitalismus ist, stellt eine eben solche Verkürzung dar wie die Ansicht mancher deutscher Linksliberaler, die eine besondere Aggressivität des US-Kapitalismus ausgemacht zu haben glauben und daher die vermeintliche Light-Variante made in Europe empfehlen. Die linke Kritik muss am weltweit herrschenden Prinzip des Kapitalismus selbst ansetzen, und das bedeutet eben auch, sich gegen jeden kapitalistischen Krieg zu stellen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese antikapitalistische Betrachtungsweise - und zwar auf beiden Seiten des großen Teichs - marginal ist. Während die GenossInnen in den USA sich mit einer patriotisch-kriegerisch gesinnten Stimmung konfrontiert sehen, äußert sich der hiesige Patriotismus momentan in einer ungewohnt ablehnenden Haltung gegen den Krieg. Das Problem besteht also vielmehr darin, als radikale Linke eine grundsätzliche, antikapitalistische und antinationale Kritik gegen den Krieg in einem gesellschaftlichen Umfeld wahrnehmbar zu machen, das aus gänzlich anderen Motiven plötzlich seine Liebe zum Frieden und Status Quo im Nahen Osten entdeckt hat. Die bequemste, aber eben auch falscheste Lösung dieses Dilemmas läge darin, sich jeglicher Äußerung zu enthalten, Antikriegsdemos fernzubleiben und seine Meinung bestenfalls noch an der Apo-Theke zum Besten zu geben, um ja nicht mit der deutschen Regierung, AntiamerikanerInnen und AntisemitInnen oder auch Saddam Hussein himself in einen Topf geworfen zu werden. Falsch deshalb, weil es gerade darum gehen muss, sich gegen die vom kapitalistischen System vorgegebenen Konfrontationslinien zu positionieren. Auch eine vereinfachende Anti-Haltung, die darauf hinausliefe, den US-Kapitalismus seinem deutsch-europäischen Pendant vorzuziehen und die Friedensbewegung zum Feindbild hochzustilisieren, erfüllt diesen Anspruch nicht, sondern fügt sich nahtlos in die Logik der kapitalistischen und nationalen Konkurrenz ein, in der die nächsten Kriege schon vorprogrammiert sind - demnächst möglicherweise auch wieder einmal in deutscher Initiative. Die Möglichkeit, einen radikal systemkritischen Widerstand zu äußern, liegt darin, selbst in die Offensive zu gehen und eigene Argumentationen, Parolen und Aktionsformen vorzugeben, die sich nicht vom patriotischen Pazifismus der Zivilgesellschaft vereinnahmen lassen. Das beinhaltet auch, nicht unkritisch jede Manifestation gegen den Krieg zu unterstützen, sondern zu differenzieren zwischen jenen staatstragenden KriegsgegnerInnen wie etwa den Regierungsparteien, gegen die konkrete Gegenwehr angesagt ist, und potentiellen BündnispartnerInnen. Der Schwerpunkt linksradikaler Antikriegspolitik muss jedoch auf der Entwicklung eines eigenen, antikapitalistischen Widerstands liegen, der sich gegen die generelle Logik aller kommenden Kriege der kapitalistischen Weltneuordnung richtet - und folgerichtig auch gegen Deutschland.

Gegen Krieg und kapitalistischen Frieden
Auch wenn sich heute die Pionierbrigade 70 für immer verabschiedet - eine Brigade, die sich seit Jahren damit rühmt, Teil der deutschen Besatzung im Kosovo und sogenannter "Friedenseinsätze" wie in Bosnien-Herzegowina gewesen zu sein, kann als exekutives Organ des von Schröder proklamierten "deutschen Sonderwegs" nicht gefeiert werden. Der von ihnen herbei gebombte Frieden ist kein Frieden, sondern der alltägliche Kriegszustand des Kapitalismus. Eine kapitalistische Gesellschaft, die nur durch Konkurrenz der Individuen untereinander funktioniert, kann kein friedliches Zusammenleben hervorbringen. Es sollte uns darum gehen, ein System zu verstehen, das nur durch Ausbeutung, Unterdrückung und tägliche Konkurrenz fortbesteht und - im Großen wie im Kleinen - Hunger, Tod und Krieg bedeutet. So lange die kapitalistische Verwertungslogik in diesem unmenschlichen Miteinander nicht erkannt, bekämpft und abgeschafft wird, kann es keinen Frieden geben.
Unsere einzige Antwort für die Vermeidung von Kriegen ist und bleibt die soziale Revolution!
Den Kapitalismus kann mensch nicht verändern, sondern nur überwinden. Kämpfen wir deshalb zusammen in antifaschistischer
Aktion gegen Krieg und kapitalistische Barbarei - Für einen dauerhaften Frieden in einer befreiten Gesellschaft!

Revolution statt Neue Weltordnung - Kein Friede mit Deutschland!

[Juni 2003, Antifaschistische Aktion Gera]
V.i.S.d.P.: Anna Schneider, Friedericistr. 4, 07545 Gera

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