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Internationaler
Holocaust-Gedenktag Am 27.
Januar 1945 wurde das größte Konzentrations- und Vernichtungslager
der Nazis, die Todesfabrik Auschwitz, durch die Rote Armee befreit.
Seit 1995 gilt der 27. Januar als internationaler Holocaust-Gedenktag.
Aus diesem Grund wollen wir heute auf dieser Trauerkundgebung den
Opfern des Naziterrors gedenken und gleichzeitig auf postfaschistische
Kontinuitäten hinweisen. Selbst 60 Jahre nach der Zerschlagung
der deutschen 6. Armee in Stalingrad, lebt der deutsche Mythos von
der Unbesiegbarkeit in vielen Köpfen des ehemaligen Reiches fort.
Und damit seien die dumpfen Schläger auf der Straße gar
nicht mal gemeint, vielmehr geht es um VertreterInnen aus Medien und
Politik, welche unablässlich versuchen, die deutsche Geschichte
zu relativieren um im Namen der geläuterten "Neuen Mitte"
wieder Kriege zu führen - diesmal allerdings nicht mehr trotz,
sondern wegen Auschwitz - also Kriege quasi aus historischer Verantwortung.
Oder aber sie fordern wie Edmund Stoiber die Revision der Ergebnisse
des 2. Weltkrieges als außenpolitisches Ziel gegenüber
Tschechien. Auch Bundesinnenminister Otto Schily forderte auf dem
letzten Sudetendeutschen Tag die Aufhebung der Benes-Dekrete und brachte
sich damit in Widerspruch zur außenpolitischen Haltung der rot/grünen
Bundesregierung. Auch der Streit um die Ausstellung "Vernichtungskrieg" ist noch lange nicht vorbei. Nachdem sich Fälschungsvorwürfe als haltlos erwiesen haben, suchen Geschichtsrevisionisten, wie Franz Seidler der Bundeswehrhochschule München, die sog. "Verbrechen" der sowjetischen Armee an der deutschen Wehrmacht entgegenzuhalten. Nicht der Überfall, die Okkupation und der eliminatorische Antisemitismus, also die Vernichtung von Millionen Jüdinnen und Juden, seien die Voraussetzung für den Vernichtungskrieg, sondern die Verteidigung der Heimat durch reguläre sowjetische Truppen und Partisanenverbände. So versuchen sich Geschichtsrevisionisten in Täter-Opfer-Verdrehungen und relativieren damit die Verbrechen der Nazis. Wir sagen dazu: Deutsche Täter sind keine Opfer! Vom Antisemitismus
zu sprechen, ohne ein Wort über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik
zu verlieren, ist unmöglich. Die Shoa war einerseits Endpunkt
und Konsequenz eines europäischen Denkens über die Juden,
andererseits war sie weder prognostizierbar noch wird sie im klassischen
Sinne je verstehbar werden. In ihr zeigt sich zugleich die enge Verzahnung
der verschiedenen Ebenen antisemitischen Wahns. Die meist gestellte
Frage in diesem Zusammenhang lautet bis heute: Warum geschah es gerade
in Deutschland? Die meist bemühte Erklärungslinie bezieht
sich auf die These des "deutschen Sonderwegs" als eine Abfolge
gescheiterter Revolutionsversuche und misslungener Nationengründungen.
Im Gegensatz zu anderen Staaten mit ihrer geglückten Nationengründung
musste in Deutschland tatsächlich ein spezifischer Mythos geschaffen
werden, in dem der völkischen Definition von Volk eine herausragende
Stellung zukam. So wurde - nach dieser These - auch der Antisemitismus
mehr als in anderen Nationen zu einem festgesetzten Bestandteil der
"deutschen Ideologie", weil er im Angesicht der fortschreitenden
Industrialisierung den reaktionären Reflexen einen Rahmen gab,
der sonst im politisch zerklüfteten Deutschen Reich fehlte. Auch
wenn eine solche ideengeschichtliche und historische Rekonstruktion
dazu beitragen kann, die These vom "Betriebsunfall" ins
Reich der politischen Märchen zu verweisen, ihre Grenzen sind
offensichtlich. Die Shoah sperrt sich in ihrer inneren Logik weitgehend
rationalen Erklärungsversuchen. Ihr Spezifisches - der Teil,
der sie von anderen Massenvernichtungen der Geschichte unterscheidet
- bestand in zwei Momenten. In der Vernichtung der Jüdinnen und
Juden kam es zu einer beispiellosen Verknüpfung von irrationalem
Denken und seiner rationalen Umsetzung, gleichzeitig folgte die Vernichtung
trotz ihrer fabrikmäßigen Organisation keiner Logik - sie
war sich selbst Mittel und Zweck zugleich. Ihre funktionelle Bedeutung
bestand gerade und lediglich darin, um der Ausrottung willen auszurotten.
Die Shoah zeigt den Extremfall der Verknüpfung von abstraktem
und konkreten Antisemitismus. Sich
mit all solchen Tendenzen offensiv auseinanderzusetzen, ist die richtige
Art, den 27. Januar zu begehen. Und so verbindet der diesjährige
Gedenktag für die Opfer des Naziterrors in besonderem Maße
das historische Erinnern an die Machtübertragung und die Nutznießer
jener Politik mit der Aufforderung, heute gegen jegliche Art von Faschismus,
Geschichtsrevision, Antisemitismus und für soziale Gerechtigkeit
und eine angemessene Entschädigung der NS-Opfer aktiv zu werden.
Nach
der Wiederwahl der rotgrünen Regierung im September 2002 setzt
diese ihren Kurs fort, das neue Deutschland als "selbstbewusste"
und erstarkende Nation der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Geradezu auffällig wurde in den letzten 10 Jahren dahingehend
gedrängt, die deutsche Führungsrolle in Europa ökonomisch,
politisch, aber auch militärisch auszubauen und die deutsche
Staatssouveränität zu erhalten. Immer
wieder ist daran zu erinnern, dass 58 Jahre nach der Befreiung vom
Nationalsozialismus, zahlreiche Opfer des Naziterrors, besonders in
Osteuropa, von jeder Form der Entschädigung ausgeschlossen sind.
Der unwürdige Streit um den deutsch-tschechischen Zukunftsfond,
die mühsam erzielte Vereinbarung der Jewish Claims Conference
mit der Bundesregierung über 200 Millionen DM für osteuropäische
NS-Opfer verdeutlichen, dass es nicht bei wohlklingenden Gedenkreden
bleiben darf, sondern es praktischer Anstrengungen bedarf, den NS-Opfern
wirksam zu helfen. Und während seit 1995 der Gedenktag der Opfer
des Naziterrors mit Veranstaltungen begangen wird - zu der auch Frauen
und Männer aus dem politischen Widerstand eingeladen werden -,
bestätigte 1997 noch einmal das Bundesfinanzministerium in einem
Erlass, dass die sog. "zweite Verfolgung" kommunistischer
Widerstandskämpfer seit den 50er Jahren durch den Paragraphen
6 des Bundesentschädigungsgesetzes weiterhin Gültigkeit
habe. Jährt
sich heute die Befreiung des KZ Auschwitz, ist es unumgänglich
auch daran zu erinnern, dass am 30. Januar 1933, also genau vor 70
Jahren, die Machtübernahme an die NSDAP stattfand! Zehn Jahre
später dann die Kriegswende mit der endgültigen Kapitulation
der deutschen 6. Armee am 2. Februar 1943 in Stalingrad. [Januar 2003, Antifaschistische Aktion Gera] |