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Talking is over...
Stellungnahme zum Brandanschlag auf das AsylbewerberInnenheim in Greiz-Irchwitz
[Antifaschistische Aktion Gera [AAG], Februar 2003]

Der Tathergang
In der Nacht zum Donnerstag, den 30.01.03, warfen Nazis zwei Molotow-Cocktails auf das AslybewerberInnenheim in Greiz-Irchwitz. Die Täter, zwei 18 und 19 Jahre alte und laut Polizei “einschlägig bekannte“ Neonazis aus Greiz, warfen die Brandsätze glücklicherweise so, dass Schlimmeres verhindert werden konnte und die 69 Menschen im Heim, darunter 11 Kinder, unversehrt blieben. Der erste Brandsatz wurde dem Wachmann des Heimes direkt in die Arme geworfen. Dieser schaffte es, die Todesmischung zurückzuschleudern. Der zweite Molotow-Cocktail flog nicht weit genug und blieb auf dem Rasen liegen. Da das Zimmer des Wachmanns direkt im Gebäudekomplex integriert ist und die meisten Flüchtlinge bereits schliefen, ist von versuchtem Mord auszugehen. Die Täter wurden nur wenige Stunden nach der Tat festgenommen, das Amtsgericht Gera stellte am 31. Januar Haftbefehle aus. Ihnen wird nun wegen versuchtem Mord, versuchter schwerer Brandstiftung, gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung der Prozess gemacht.*
Zur Aufklärung des Anschlags richtete der Staatsschutz eine eigene Soko ein. Nach und nach stellte sich heraus, dass am Anschlag mehr als nur zwei Nazis beteiligt waren. Mittlerweile wurden vier weitere Personen inhaftiert, darunter zwei 18 und 21 Jahre alt und ebenfalls aus Greiz stammende Neonazis sowie zwei 18 und 45 Jahre alte Frauen. Letztere ist vermutlich die Mutter eines Täters und soll diesen mit dem Auto zum Tatort gefahren haben. Alle vier wurden in Untersuchungshaft bzw. in die JVA Gera eingewiesen. Ihnen wird Beihilfe zum versuchten Mord zur Last gelegt.
Obwohl noch viele Fragen offen bleiben und der Gerichtsprozess noch aussteht, ist bereits sicher davon auszugehen, dass der Brandanschlag zum 30. Januar, also dem Jahrestag der Machtergreifung Hitlers, keine spontane Aktion war, sondern geplant und organisiert wurde.

Rassistische Mobilmachung
Gerade in Ostthüringen, wo es eine gut organisierte Rechte gibt, ist deren angestrebte Verankerung rechter Inhalte im öffentlichen Raum kaum zu übersehen. Die "kulturelle Hegemonie" scheint in Städten wie Gera beinahe geschafft. Rechtes Outfit und das Hören rechter Musik gilt hier quasi als vorpolitischer Raum, welcher oftmals schon in der Schule durch das Weiterreichen von Rechtsrockbands wie "Landser" an Bedeutung gewinnt. Über die massive Präsenz auf der Straße soll der Akzeptanz und der Normalisierung rechter Ideologie Vorschub geleistet und das gesellschaftliche Koordinatensystem nach rechts verschoben werden. Mit diesem Konzept waren die Nazis in der Vergangenheit vor allem in den ländlichen Regionen erfolgreich. Neben Gera ist so auch in weiten Teilen des Landkreises Greiz eine Dominanz rechter Alltagskultur spürbar. Die Voraussetzungen für derartige Handlungen junger Neonazis, welche zur Schaffung "national befreiter Zonen" auch gewillt sind über Leichen zu gehen, sind somit oftmals in einem rassistischen, reaktionären Wertekonsens zu suchen, welcher weniger von rechten Ideologen "aus dem Hintergrund" forciert wird, sondern aus der Mitte der Gesellschaft kommt und gerade für MigrantInnen alltäglich erfahrbar ist. Täglich werden AsylbewerberInnen mit rassistischen Ressentiments und Denunzierungen konfrontiert. Eine bedeutsame Rolle bei diesem Prozess politischer Willensbildung nehmen dabei die Medien ein. Wie in anderen Regionen Thüringens wurde mit dem Geraer Pressehaus der Lokalredaktionen der Ostthüringer Zeitung (OTZ) und der Thüringer Landeszeitung (TLZ) eine Art Medienmonopol geschaffen, welches seither durch eine latent rassistische Berichterstattung auffällt. So vergessen die JournalistInnen nie, bei Polizeiberichten über kleinkriminelle Handlungen wie Ladendiebstahl, darauf hinzuweisen, ob mal wieder ein "Ausländer" aus dem "Asylheim" am Werk war, wie es die OTZ Gera vom 30. Januar 2003 beispielhaft belegte. Mit einem halbseitigen, bebilderten Artikel unter der Überschrift "Markenwaren gleich in Unmengen sichergestellt", wurde auf reinen Verdachtsmomenten und Behauptungen eine demagogische Berichterstattung über vermeintlich kriminelle Machenschaften in den AsylbewerberInnenheimen aufgebauscht und genau das befördert, was nur unter dem Begriff rassistischer Mobilmachung subsumiert werden kann.**

We don't need no deportation
Seit geraumer Zeit setzt sich die AG Asyl aus Gera für eine dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge in leer stehenden Wohnungen ein und spricht von einer "systematischen Kasernierung von Flüchtlingen im Landkreis Greiz".*** Das Greizer AsybewerberInnenheim in Irchwitz ist mit anderen "Unterkünften" der Region vergleichbar, wobei das in der Nähe von Gera gelegene Heim in Markersdorf als ein besonders drastisches Beispiel der Entwürdigung von Asylsuchenden zu sehen ist.
Die "Gemeinschaftsunterkunft Markersdorf" (GU) liegt direkt an der Grenze des kreisfreien Stadtgebietes Gera, gehört jedoch zum Landkreis Greiz. Als zynische Ergänzung zum Drahtverhau, der aus Wohncontainern und –Baracken bestehenden Unterkunft, nimmt die Residenzpflicht den Flüchtlingen ihre Bewegungsfreiheit, indem es ihnen untersagt ist, die Stadt Gera ohne Erlaubnis zu betreten.
Nur mit Sondererlaubnis oder Urlaubsschein sowie für Behördengänge dürfen die BewohnerInnen der GU, meist für eine Dauer von drei Tagen, den Landkreis verlassen, um z.B. ins 1,5 km entfernte Gera, nach Altenburg oder Jena zu gelangen. Um in die Kreisstadt Greiz zu gelangen, müssen die Flüchtlinge eine Strecke von 40 km (!) zurücklegen - eine absurde Vorstellung angesichts einer völlig ungenügenden Verkehrsanbindung und der finanziellen Situation der Flüchtlinge!
Institutioneller Rassismus deckt sich hier 1:1 mit der gesellschaftlichen Stimmung. So gibt es auf dem Gelände der GU kein öffentliches Telefon, die nächste Telefonzelle ist rund 1,5 km entfernt - auf Geraer Stadtgebiet! Das Telefonieren ist aus diesem Grund ohne Urlaubsschein für Flüchtlinge der GU strafbar. Der Weg dorthin, entlang einer Bundesstraße zwischen rasenden Autos und Leitplanken, ist lebensgefährlich, die "fremd" Aussehenden immer wieder Ziel von gezielten Abfallwürfen aus Autofenstern, Beschimpfungen und Naziangriffen - und zu schlechter letzt lauert den Flüchtlingen in Gera-Weissig, wo die Telefonzelle steht, die Polizei auf, um die “Ordnungswidrigkeit“, das “Verletzen der Residenzpflicht“, zu registrieren, welche mit Geldbußen von rund 100 Euro geahndet wird.
Mit Inkrafttreten des Asylbewerberleistungsgesetzes am 01.11.1993 wurden die AsylbewerberInnen aus dem regulären Sozialhilfesystem entfernt. Sie erhalten zwanzig Prozent weniger als das durch die Sozialhilfesätze definierte Existenzminimum und die gekürzten Beträge nach Einwilligung des Gesetzgebers, so weit wie möglich "in Sachleistungen".
In der GU Markersdorf wurde schon früher, ab Januar 1993 bis auf ein "Taschengeld" (heute sind es 40 EUR) kein Geld mehr ausgezahlt, sondern stattdessen begonnen, abgepackte Lebensmittelrationen - sog. "Fresspakete" - auszugeben. Der Inhalt dieser Pakete war eine Zumutung: Teils überlagerte Waren, Konserven, abgepacktes Weißbrot, Pulver für Fertiggerichte, kaum Vitamine.
Wie in ganz Bayern, Teile Sachsens und Thüringens, lieferte die Nürnberger Firma Weigl diese Pakete über ihre Tochterfirma MEIGO (in Meilitz bei Gera) nach Markersdorf. Nach einem MONITOR-Bericht im März 1994 machte Weigl gute Geschäfte mit der Zwangsversorgung von zeitweise mehr als 20.000 Menschen. Daraufhin kam es im Juni und Oktober 1994 in Nürnberg, Meilitz und Leipzig zu Brandanschlägen auf Lieferwägen von Weigl, MEIGO und OGEVA, einer weiteren Tochterfirma von Weigl.**** Die Flüchtlinge in Markersdorf setzten sich ihrerseits mit einem Boykott gegen die Zwangszuteilungen zur Wehr und kippten im April 1993 die neueste Lieferung der Essenspakete vor die Tore der GU.
Die sanitären Anlagen in Markersdorf sind komplett im katastrophalen Zustand. Zweimal am Tag gibt es jeweils eine Stunde warmes Wasser. Mehrere Toiletten und Duschen sind aufgrund mangelnder Instandhaltung unbenutzbar: Klobrillen fehlen, Spülungen lassen sich nicht betätigen. Dreck kann nicht weggewischt werden, da aus den Wasserhähnen oftmals überhaupt kein Wasser fließt. In einigen Zimmern gibt es keine Betten und die Menschen müssen auf dem Fußboden schlafen.
Die medizinische Versorgung ist ähnlich wie in anderen Flüchtlingsheimen schlecht. Flüchtlinge müssen sich für Arztbesuche und -behandlungen beim Sozialamt in Greiz Genehmigungen einholen. Wenn diese genehmigt werden, dürfen sie nicht in Gera stattfinden.
Es gibt keinen Allgemeinarzt in der GU, lediglich zwei SozialarbeiterInnen - FlüchtlingshelferInnen und anderen Hilfeleistenden bleibt in der Regel der Zutritt in die GU verwehrt.
Im April 2001 wurde ein Filmgenehmigungs-Antrag des Offenen Kanals Gera an Frau Schweinsburg, die zuständige Landrätin, abgelehnt. Die aussagekräftige Konstatierung Schweinsburgs, die GU würde "Asylbewerberkindern" bei einem medien-pädagogischen Projekt "keine geeignete Filmkulisse" bieten, spricht Bände und beweist somit deutlich, dass die Zustände in Markersdorf auf keinen Fall öffentlich bekannt gemacht werden sollen.***** Dass diese verbale Zurechtweisung im Ernstfall auch gewaltsam durchgesetzt wird, wissen die rund 250 DemonstrantInnen des letzten Antirassistischen Grenzcamps zu berichten, welche die Flüchtlinge in Markersdorf besuchen wollten und sich in einem Bullenkessel wiederfanden.

Talking is over...
Das zivilgesellschaftliche Erwachen und der damit verbundene Ruck gegen rechts, stürzte die autonome Antifabewegung unweigerlich in ihre tiefste Sinnkrise, da die eigenen Ansätze des Antifaschismus als Ausgangspunkt für kapitalismuskritische Positionen grundlegend hinterfragt werden mussten. Die Folge war die Auflösung der AA/BO und die Gewissheit, dass Antifaschismus als Hebel für Kapitalismuskritik nicht ausreicht.
Die Tatsache, dass - wie in Greiz geschehen - Brandanschläge zu Ehren des 70-jährigen “Jubiläums” der Machtergreifung Hitlers begangen werden, belegt hingegen deutlich, dass eine starke und autonome Antifabewegung auch nach dem “Antifa- Sommer 2000” und der zivilgesellschaftlichen Verankerung antifaschistischer Wertvorgaben gebraucht wird.
Dieser Schluss soll nicht die Tatsache struktureller Differenzen in den einzelnen Regionen ausblenden, aber gerade weil es einen “Aufstand der Anständigen”, die Brechung eines rechten Konsens in weiten Teilen der Gesellschaft niemals hinreichend gegeben hat, ist autonomer und linker Antifaschismus hier nicht überflüssig, sondern genauso notwendig, wie bereits die Jahre zuvor.
Dass die Formel des “revolutionären Antifaschismus” vielerorts aufgegeben wurde und linke Politik als vorauszusetzender Bestimmungspunkt einer Antifa grundsätzlich abstarb, weil antifaschistische Positionen innerhalb der geläuterten "Neuen Mitte" integrierbar wurden, zwingt eine radikale Linke zwar zu einer politischen Neuverortung - jedoch nicht ohne Antifa einzubeziehen. Es ist an der Zeit den "Aufstand der Anständigen" nicht fernab der Nazis zu praktizieren, sondern unseren Widerstand auch wieder selbstbewusst auf die Straße zu tragen.
Kampf den FaschistInnen jetzt und hier - auf der Straße und in den Köpfen!

[Februar 2003, Antifaschistische Aktion Gera]
V.i.S.d.P.: Christian Schmidt, Rudolstädter Straße 11, 07549 Gera

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