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ANTIFA
ROCKERS
Unser Selbstverständnis
anläßlich des einjährigen Bestehens - wer wir sind
und was wir wollen...
[Antifaschistische Aktion Gera [AAG], Juli 2003]

Kein
ruhiges Hinterland, weder in Gera noch anderswo
Die Antifaschistische Aktion Gera, kurz auch AAG, ist im Juli
2002 aus der Notwendigkeit heraus gegründet worden, der rechten
Hegemonie in Gera und Umgebung effektiven und handlungsfähigen
Widerstand entgegenzusetzen.
Wir sind ein Zusammenschluss verschiedener Menschen mit unterschiedlichen
politischen Ansichten und Sozialisationen. Mit dem Namen beziehen
wir uns auf die historische "Antifaschistische Aktion",
die vor 1933 eine Einheit gegen den nazistischen Terror errichten
wollte.
Bis heute existieren bundesweit organisierte Nazi-Strukturen und Gera
ist bis heute Hochburg organisierter Nazikader und ein Zentrum rechter
Aktivitäten. Nach der Wiedervereinigung wurden hier diverse Nazikonzepte
- wie das der Errichtung "national befreiter Zonen" - konsequent
umgesetzt. Der antifaschistische Konsens "nie wieder Faschismus"
scheint hier erstaunlich schnell in Vergessenheit geraten zu sein.
Denn Faschismus, das ist für die meisten EinwohnerInnen der zweitgrößten
Stadt Thüringens kein Verbrechen, sondern wird vielmehr wertfrei
als politische Meinung gesehen. Und so reihen sich die NPD-Demonstrationen
gegen das örtliche AsylbewerberInnenheim in ein rassistisches
Klima, welches geprägt ist von unzähligen totgeschwiegenen
Übergriffen, Drohungen, Naziaktivitäten und deshalb von
vielen AntifaschistInnen objektiv als "kulturelle Hegemonie"
bezeichnet wird.
Folglich spielen Einschüchterungsprozesse vonseiten der Nazis
und damit einhergehende Ängste bei vermeintlichen politischen
und ideologischen Feinden eine große Rolle. Was bei vielen Linken
in der jüngsten Vergangenheit letztendlich in Frust, Resignation
und dem Rückzug ins "Private" endete, ist jedoch nicht
das Ergebnis einer vermeintlich zerstrittenen und gespaltenen linken
Szene, sondern das Resultat einer latent vor Augen geführten
rechten Hegemonie und Bewusstseinsverschiebung.
Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die vielen Versuche in
der Vergangenheit, antifaschistischen Widerstand zu organisieren,
nur partiell Erfolge erzielten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken
haben wir uns offiziell im Juli 2002 auf einem Treffen der "Antifaschistischen
WanderAktion" gegründet. Diese wies seit dem Sommer 2001
auf die katastrophalen Verhältnisse in Gera hin und legte den
Grundstein für eine erneute Organisierung.
Eckpunkte
antifaschistischer Praxis in Gera
Die Antifaschistische Aktion Gera ist eine von Parteien und Verbänden
unabhängige Gruppe. Neben der Notwendigkeit verbindlicher und
kontinuierlicher Aktivitäten, sind Transparenz und Wahrnehmbarkeit
nach Außen wichtige Kriterien für unsere Öffentlichkeitsarbeit.
Auch wenn der Schwerpunkt vor Ort liegt, halten wir überregionale
Organisierungen für notwendig. Deshalb arbeiten wir mit unterschiedlichen
linken Projekten und Gruppen zusammen, sind im Aktionsbündnis
der Autonomen Thüringer Antifa Gruppen [ATAG] organisiert, als
auch an den Entwicklungen bundesweiter Vernetzungstreffen interessiert.
Selbstverständlich ersuchen wir, sofern wir es als richtig erachten,
die Zusammenarbeit in lokalen und überregionalen Bündnissen.
Wir verbinden dies mit der Hoffnung, ein breites Spektrum von politischen
Teilbereichen aus linksradikaler Sicht beleuchten und zum Handeln
anregen zu können.
Für unsere politische Praxis legen wir großen Wert auf
Kultur und Öffentlichkeitsarbeit. Wir versuchen, am Aufbau einer
kulturellen "Gegenmacht" zum rechten Mainstream zu arbeiten.
Beim Organisieren von Konzerten, Parties und Veranstaltungen ist es
uns deshalb wichtig, Jugendliche für politische Fragen zu sensibilisieren.
Wir treten außerdem als unterstützende Gruppe bei Demos
auf und organisieren gemeinsame Fahrten.
Ein weiterer Bestanteil unserer Arbeit ist die gemeinsame Weiterbildung
innerhalb der Gruppe u.a. durch Filme, Seminare, Referate/Vorträge
und anschließende Diskussionen. Entscheidungen werden im Konsens
getroffen, um das gemeinsame Diskutieren zu forcieren und keine Entscheidung
gegen den Willen Einzelner zu treffen. Die Aufgaben werden dabei weitgehend
gemeinsam bewältigt, um jeder/jedem die Möglichkeit zu bieten,
in verschiedenen Bereichen Erfahrungen zu sammeln. Zu bestimmten Bereichen
wollen wir auf längere Sicht zudem Arbeitsgruppen bilden, um
wichtige Themenfelder kontinuierlich abdecken zu können.
Wir treffen uns derzeit einmal pro Woche zu einem Antifa-Plenum und
bieten auf Konzerten, Parties und anderen Veranstaltungen immer wieder
eine offene Anlaufstelle für Menschen, die Interesse an antifaschistischen
Aktivitäten haben.
Kapitalismus
angreifen - die radikale Linke organisieren
Selbstverständlich versuchen wir neben dem Teilbereich Antifaschismus
unseren eigenen Blick hinsichtlich einer gesamtgesellschaftlichen
Analyse zu schärfen. So ist uns linksradikale Politik nicht nur
wichtig, um den Kapitalismus an seinen wunden Stellen anzugreifen,
sondern um eigene inhaltliche und konstruktive Perspektiven zu eröffnen.
Wir sehen darin im Übrigen auch keinen Widerspruch. Wir sind
der Auffassung, dass die Ursachen des Vormarsches rechter Ideologien
ebenso bekämpft werden müssen, wie faschistische Strukturen
an sich. Insofern üben wir Kritik an Rassismus, Sexismus und
Patriarchat ebenso, wie an neoliberaler Globalisierungspolitik, der
alltäglichen Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch
denselben und anderen gesellschaftlichen Missständen und Fehlentwicklungen.
Wir leben in einer Gesellschaft, die gekennzeichnet ist von Unterdrückung
und Ausbeutung, von faschistischen Angriffen und anderen Verbrechen
- ein Zustand, welcher zu weit von unseren Vorstellungen entfernt
ist, um widerstandslos weiter zu leben. Faschistische Angriffe und
Gewalt kommen in dieser Zeit nicht nur in Gera zu massiver Entfaltung,
weil sie in ein gesellschaftliches Klima eingebettet sind, welches
offen mit dieser Art von Verbrechen kokettiert. Der alltägliche
gesellschaftliche und institutionelle Rassismus und Nationalismus
bildet dabei den Nährboden für militante Nazis und ist so
mitverantwortlich für deren Handeln. Bürgerliche Politiker,
welche mit "Law and Order"-Politik und rassistischen Parolen
Stimmung gegen MigrantInnen machen, sowie Medien, die durch einseitige
Berichterstattung Vorurteile schüren, sind die gesellschaftlichen
Drahtzieher der dumpfen Mörder auf der Strasse.
Menschen werden per Konkurrenzprinzip nach ihrer Verwertbarkeit für
das kapitalistische System beurteilt. Täglich schiebt die Bundesrepublik
EinwandererInnen in Folter, Tod und Armut ab, während wirtschaftlich
rentable Waffen offensichtlich ohne Bedenken in deren Herkunftsländer
geliefert werden, wodurch die Unterdrückung von Minderheiten
gefördert wird.
Zugleich wird die Ausformung einer "selbstbewussten Nation"
vom deutschen Bundeskanzler Schröder als "stolzen Patrioten"
exerziert und die Aufarbeitung deutscher Geschichte durch Kriegsminister
wie Joseph Fischer instrumentalisiert. "Nicht trotz, sondern
wegen
Auschwitz" soll Deutschland wieder Angriffskriege führen
und somit den "deutschen Weg" (Schröder) in die "Pole
Position" europäischer Hegemonialmächte vollziehen.
Das Großmachtbestreben Deutschlands innerhalb, wie außerhalb
der EU zu thematisieren und dann praktisch anzugreifen, ist heutzutage
für jede/n Linke/n zu einem Schwerpunkt politischer Auseinandersetzung
geworden und spielt deshalb auch für uns eine wichtige Rolle.
Antifaschistischer Kampf ist für uns in diesem Zusammenhang aber
auch ein Drängen, alle bürgerlichen Grenzen zu sprengen
und auf lange Sicht abzuschaffen. Wichtig ist dabei eine klare Haltung
gegenüber antisemitischen Ressentiments und eine vehemente Kritik
an der Abwälzung des Übels der Welt auf Minderheiten.
Aber auch sexistische Unterdrückung, die Menschen in vorgefertigte
Rollenbilder presst, Frauen ausbeutet und Machotum, Männerbünde
und Homophobie zu Leitbildern werden lässt, ist nur die Spitze
des Eisberges dieser patriarchalen Gesellschaftsordnung und immanenter
Bestandteil kapitalistischer Vergesellschaftung.
Die Herrschaftsverhältnisse unter denen wir täglich leben,
führen dazu, dass wir dazu neigen, diese zu verinnerlichen. Deswegen
sollte - obgleich es kein richtiges Leben im Falschen geben kann -
immer wieder der Versuch unternommen werden, das eigene Verhalten
- mit dem Bewusstsein des Scheiterns - politisch zu hinterfragen und
an den eigenen Träumen zu messen. Die Auseinandersetzung mit
kapitalistischen Vergesellschaftungsprozessen ist deshalb absolute
Voraussetzung für eine linksradikale Kritik am Kapitalismus.
Politik ist für uns dabei die Basis der Lebensentfaltung im Kampf
um eine befreite Gesellschaft. Die Alternative dazu wäre, sich
weiter von der herrschenden Politik treiben zu lassen - und sei es
nur im Kleinen auf der Arbeit und/oder in sozialen Beziehungen.
"Revolutionär ist dabei dann nicht automatisch das, was
nach Revolte und MTV-"Underground" aussieht, sondern nur
das, was den Rahmen der Privatheit und individuellen Kleinkriminalität
bewusst verlässt und dadurch diese Gesellschaft direkt kritisiert,
analysiert und verändern will. Kriterium der Antifa-Arbeit muss
die Wirksamkeit in der Praxis sein.
Antifaschistische Aktion ist daher der Versuch eines revolutionären
Angriffs auf den von der Kommerzialisierung unseres Lebens bis zu
direkten sexistischen und faschistischen Übergriffen reichenden
täglichen Terror der Verhältnisse. Eine freie und solidarische
Gesellschaft selbstbestimmter Menschen in einer intakten Umwelt kann
nur entstehen, wenn das System mit all seinen Folgen angegriffen und
gekippt wird."[1]
Antifa
ist der Kampf ums Ganze
Wir bekennen uns eindeutig zum Schwur der Überlebenden des
KZ Buchenwald: "Die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln
ist unser Ziel. Der Aufbau einer Welt des Friedens und der Freiheit
ist unsere Losung."
Seit der Sommerlochdebatte 2000 sollte aber auch jeder/m klar sein,
dass Antifapolitik nicht mehr per se links ist, erst recht nicht linksradikal.
Spätestens seitdem nämlich "Neonazis" offiziell
zum "Standortproblem" Deutschlands erklärt worden sind
- und genau aus diesem Grund auch aus der "neuen" deutschen
Volksgemeinschaft ausgeschlossen wurden - gibt sich der Staat antifaschistisch
(Wegschauen ist nicht mehr erlaubt!). Einerseits wird im Ausland sehr
genau beobachtet, wie Deutschland mit dem Problem der Nazischläger
umgeht, andererseits wollen keine "Green-Card"-ArbeitnehmerInnen
in Gebieten leben, in denen sie tagtäglich verbaler und körperlicher
Gewalt ausgesetzt sind. Diese Faktoren sind zwar der Anlass dafür,
dass seit diesem Zeitpunkt die Nazis zunehmend von staatlichen Behörden
bekämpft werden, haben aber keinen Einfluss auf die Logik der
Verwertbarkeit in der Migrationspolitik und andere Politikbereiche.
Der neue "Volkskörper" formiert sich in der Trennung
zwischen "nützlicher" und "unnützlicher"
Zuwanderung. Diese Separation wird von Petra Pau ebenso wie von Edmund
Stoiber gefordert - ähnlich wie der positive Bezug auf die Nation
und den deutschen Arbeitsethos. Selbst die PDS proklamierte im vergangenen
Wahlkampf "Arbeit soll das Land regieren". So ist es nicht
verwunderlich, dass institutioneller Rassismus oder der weitere Ausbau
der Überwachungsgesellschaft von denselben Politikern legitimiert
werden, welche sich in Betroffenheitsstatements über Opfer rechter
Gewalt geradezu übertreffen.
Deshalb ist linker Antifaschismus für uns deutlich mehr als nur
reiner Anti-Nazi-Kampf. Wir halten jedoch eine Schwerpunktverschiebung
in den Bereich Antifaschismus aufgrund der momentanen Situation in
Gera für angebracht und notwendig. Denn um überhaupt linke
Inhalte effektiv theoretisch und praktisch vertreten zu können,
setzen wir uns neben der klassischen Antifa-Arbeit primär für
die Erkämpfung linker Freiräume ein. Da Gera Anfang der
neunziger Jahre eine starke HausbesetzerInnenszene vorweisen konnte,
hoffen wir mit der Förderung linker Zentren wie dem "AZ
Klaushaus", Jugendlichen alternative Kulturangebote anbieten
und an vergangene Erfolge anknüpfen zu können. Unserer Einschätzung
zufolge ist nur so einer "kulturellen Hegemonie" und der
Entwicklung zu nationalistischem, antisemitischem, rassistischem und
sexistischem Gedankengut massiver Widerstand entgegen zu setzen.
"Die Notwendigkeit antifaschistischen Widerstandes ist durch
die staatliche Übernahme konformer Politikfelder seit dem Anschlag
auf die Düsseldorfer Synagoge im Sommer 2000 nicht gesunken.
Das Gegenteil ist der Fall; die Nazibewegung wächst weiter und
mit ihr die Anzahl an rassistischen und ideologischen Angriffen. Spätestens
mit dem Entstehen von "national befreiten Zonen" in Städten
wie Gera und Wurzen, bedarf es jedoch eines neuen Rahmens, in welchem
"linker Antifaschismus" praktiziert wird. Er muss frei von
systemimmanenten Reformierungsansätzen sein und ein neues Selbstbewusstsein
vermitteln. Denn nur so wird es uns möglich sein, die resignierte
Linke aus der Senke zu heben und auch in rechten Hochburgen wieder
Handlungsfähigkeit zu erlangen."[2]
Wer
vom Kapitalismus nicht sprechen will, soll vom Faschismus schweigen!
Antifa heißt die soziale Frage stellen!

[1]
Quelle: http://ainfos.de
[2] Quelle: Aufruf
der Antifaschistischen WanderAktion (AWA)
[Juli
2003, Antifaschistische Aktion Gera]
V.i.S.d.P.:
Anna Schneider, Friedericistr. 4, 07545 Gera
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